Was ist das?! Deutlich (nur getrübt
Vom Dunst der hin und wieder schiebt)
Ein Tisch, ein Licht, in Thurmes Mitten,
Und nun, nun kömmt es hergeschritten,
Ganz wie ein Schatten an der Wand,
Es hebt den Arm, es regt die Hand, —
Nun ist es an den Tisch geglitten.
Annette Droste-Hülshoff.
Sieben Uhr am andern Morgen nach Moulins. Die Stadt (Lyon) war noch ziemlich still; auf dem großen Platze, an dessen einer Seite unsere Straße mündete, sah ich jetzt das Reiterbild des ersten Kaisers im Morgenlichte aufragen; an der Stelle aber, wo ich bei meiner Ankunft tausend im Wasser sich spiegelnde Lichter gesehen zu haben glaubte, exercirte jetzt eine ganze Brigade Mobilgarde in breiten Zugfronten; was mir bei Dunkel und niederfallendem Regen als das Bett der Rhone erschienen war, war eine breite, mit Bäumen und Obelisken besetzte Esplanade. Man achtete unserer wenig; einige Hälse drehten und reckten sich nach uns, ein paar Minuten später hatten wir unsere Plätze im Coupé eingenommen.
Das Land war ziemlich reizlos auf viele Meilen hin. Ich begann schon die Ursache davon in mir selber zu suchen und einfach anzunehmen, daß das Auge des Gefangenen todt sei für die Schönheiten der Natur, als ich plötzlich, etwa an der Grenze des Departements Allier, gewahr wurde, daß es doch an der Landschaft und nicht an mir selber gelegen haben müsse. Wir traten mehr und mehr in ein entzückendes Stück Natur ein, das ich vielleicht am besten als das »Land um Vichy« bezeichne, denn an diesem berühmten Brunnen- und Badeort kamen wir auf Entfernung von wenigen Stunden vorüber.
Ich muß die Scenerie dieses Departements Allier, die mir ganz eigenthümlich zu sein schien, näher zu beschreiben suchen. Alle Landschaft, die ich bis dahin in Frankreich gesehen hatte, in Lothringen, Champagne, Franche Comté, war durch wenige Linien wiederzugeben: weite Höhenzüge und weite Thäler dazwischen. Eine Landschaft derart entbehrt nicht eines gewissen großen Stils, aber immer wiederkehrend, immer in derselben Weise mit Wein oder Laubholz besetzt, wirkt sie zuletzt monoton und giebt sich — weil alles große Flächen bietet, selbst die Berghänge — um vieles öder, trister, als sie in Wahrheit ist. Hier plötzlich nun traten wir in ein Gebiet ein, das sich vorgesetzt zu haben schien, diese bisherigen Eindrücke alle auf einen Schlag zu balanciren. Die Hügel schoben und drängten sich so dicht aneinander, als wären sie aus einer Riesenspielzeugschachtel genommen, während sie in Zahl und Form mich beständig an die endlosen Kuppen und Kegel des historischen Dreiecks zwischen Main und Tauber erinnerten. Aber diese Gedrängtheit der Landschaft war doch nur eine Seite derselben; schöner und charakteristischer noch berührte mich der tiefe, flußdurchschlängelte Wiesengrund, der sich um jeden Hügel sorglich herumlegte und diesen, wie mit Bewußtsein, zu einer kleinen Berginsel gestaltete. Dazu hatte alles einen satten, braungrünen Ton, der mich mehr als einmal an Ruysdael erinnerte, von dem ich noch 4 Wochen vorher einiges Treffliche in Nancy gesehen hatte.
Bei St. Marie des Fosses war ein längerer Aufenthalt; wahrscheinlich die Station, von wo aus in ruhigen Zeiten die Diligencen und Journalieren nach Vichy hinüberfahren; riesige, halb abgerissene Affichen deuteten darauf hin. Eine Stunde später fuhren wir in den Bahnhof des Bischöflichen Moulins ein.
Ein Bischofssitz! das war eins. Vor allem aber heimelte der Name mich an; was konnte reizender klingen als Moulins. Ich stellte es mir vor als von Wind- und Wassermühlen umgeben, die einen still und lauschig, die andern rasch und plauderhaft, und dazwischen eine Bevölkerung von Klosterschülern und Mühlknappen, die einen schwarz, die andern weiß, aber alle gleichmäßig heiter, ihr Leben theilend zwischen Singen und Angeln. Nie war eine Vorstellung falscher gewesen.
Schon auf dem Bahnhofe (es war 4 Uhr Nachmittags) wurden wir umringt. Der Weg führte durch eine Vorstadt, die zu gutem Theile aus dem Stadtpark und ähnlichen Anlagen bestand; hier, auf zahllosen Bänken, war die Kindermuhme und ihr Anhang zu Hause, hier tobte der Gamin statt des erwarteten stillen Klosterschülers, und ehe 5 Minuten um waren, hatten wir ein Gefolge, das nach Hunderten zählte. Allerhand Blaukittel gesellten sich hinzu, drohende Worte aussprechend, und während wir sonst daran gewöhnt waren, unsere Gensdarmen das neugierig andrängende Volk bei Seite schieben zu sehen, zeigten sie hier eine unverkennbare Verlegenheit und ließen den tobenden Menschenhaufen gewähren. So ging es in die Stadt hinein, ein paar steile Gassen hinan, dann hatten wir die Straßenfront des Gefängnisses, ein Stück Mauer mit einem eingebauten Conciergenhaus, erreicht. Unter Gezische und den üblichen Schmeichelworten verschwanden wir in dem niedrigen Portal.
Hier war kaum Aufenthalt. Wir traten alsbald auf einen Hof hinaus, der von verschiedenen Baulichkeiten, kreuz und quer und hoch und niedrig, umstellt war und warteten unseres Looses. Der Gensdarmerie-Wachtmeister, dem ich meine mehrerwähnte »Bestallung« schon vorher überreicht hatte, machte inzwischen vor dem Büreau-Personal meinen Anwalt; einer der Herren zuckte verlegen die Achseln, kam mir aber bis zur Schwelle entgegen und bat mich einzutreten. Ich folgte. Es zog auf dem Hofe empfindlich; nichts destoweniger wär’ ich lieber draußen geblieben, so stickig war die Luft des kleinen Zimmers, in dessen einer Ecke ich Platz nahm. Ein eiserner Ofen, gegen dessen ganzes Geschlecht ich eine Todfeindschaft unterhalte, stand glühend in der Mitte und das Kohlengas legte sich wie betäubend um meine Sinne. Ich wurde aber mit Gewalt aus diesem Zustand gerissen; ein elegant gekleideter Herr, stark, kurzhalsig, das Bild des Apoplektikus, erschien in der Thür und trat auf mich zu. Er musterte mich; das Kinn saß ihm in einem türkisch geblümten Shawl, das bekannte rothe Band blühte im Knopfloch; so entspann sich folgende knappe Unterhaltung:
Vous êtes arrêté?
Oui.
Où donc?
A Domremy.
Comme espion?
Oui.
Que vous êtes?!