Die schon mit südlicher Kraft wirkende Sonne an diesem Küstenstriche hat es aber doch ermöglicht, in diesen »Marais« eine eigene Industrie groß zu ziehen, die nicht nur vielfach die Bevölkerung nährt, sondern auch landschaftlich diesen Gegenden einen besondern Stempel aufdrückt. Das ist die Seesalzfabrikation. In große flache Teiche wird, mit Hülfe der Fluth wenn ich nicht irre, das Seewasser geleitet und durch den einfachen Prozeß der Verdunstung auf Seesalz hin bearbeitet. Mit großen Krücken, den »râbles«, werden die Krystalle herausgefischt und dann in daneben befindlichen, meist backofenartigen Strohhütten aufbewahrt. Auf Meilen hin sieht das Auge nichts wie Wiesen, Teiche und Strohdächer. Sehr monoton, aber sehr eigenthümlich.
Nach abermals anderthalb Stunden erreichten wir eine scharfe Biegung der Chaussee, die Straße begann ein wenig zu steigen und der Thurm von Marennes, eine hohe gothische Spitze, wurde sichtbar. Wir hatten von dieser Wegebiegung aus nur noch eine gute halbe Stunde; das belebte wieder. Die etwas aus Schritt und Tritt gekommene Colonne ordnete sich, die Gensdarmen, die sich nach deutschen Kommandos erkundigt hatten, kommandirten unter Lachen: »links, rechts, links, rechts«, und von der Front her erscholl jetzt der Ruf: singen. Ich drehte mich um und nickte ihnen zu, wurde aber in demselben Augenblick von dem bangen Gedanken erfaßt: was wird es jetzt geben? was wird gesungen werden? Richtig, die Wahl überstieg noch meine kühnsten Erwartungen; ein Badenser intonirte: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«, und die Matrosen fielen sofort heiser und wehmuthsvoll ein: »daß ich so traurig bin«. Sie waren aber alles andere eher wie traurig; namentlich der eine, ein bildhübscher Kerl, der unserem Steffeck in seinen besten Tagen wie ein Zwillingsbruder ähnlich sah, hatte in St. Agnair dem »vin blanc« erheblich zugesprochen und hin und her wankend machte er jetzt allerdings den Eindruck einer gewissen Auflösung, aber nicht in Schmerz.
Endlich war man mit allen Versen durch, eine kleine Räusperungspause trat ein, die uns bis auf 1000 Schritt an die im Mittagslichte hell daliegende Stadt führte. Ein Wäldchen, Birken und Eichen, eine sauber gehaltene »Plantage«, lag uns bereits zur Rechten und schon begannen einzelne Spaziergänger sich unserem Zuge anzuschließen. Das gab neuen Künstlermuth, und siehe da, ein alter anhaltiner Marketender, der beim Butteraufkauf in der Nähe von Laon von Franctireurs gefangen genommen worden war, kommandirte jetzt mitten aus der Colonne heraus: »Die Wacht am Rhein.« Ich mußte laut auflachen. Eine auf die größte Dummheit gesetzte Prämie hätte keine bessere Wahl zu Stande bringen können. Die Colonne war aber so unkritisch wie möglich; ein halbes Dutzend Stimmen unterstützten die Forderung, und unter der in jeder Strophe auf’s Neue abgegebenen Versicherung, daß »lieb Vaterland ruhig sein könne«, zogen wir, hundert Meilen westwärts des Rheins, als Kriegsgefangene in Marennes ein. Die halbe Stadt hatte sich schon vorher uns zugesellt. Es war, wie wenn die Puppenspieler irgendwo einziehen. Ich als Direktor. Mein Alter mit der Ziegenfell-Pellerine sah aus wie der Zauberer der Gesellschaft. Unzweifelhaft erstes Mitglied.
Das Gefängniß nahm uns auf; Besuche kamen, wir waren weit mehr eine Sehenswürdigkeit, als wie Feinde. Der Souspräfekt begrüßte mich; ein feiner, blaß und kränklich aussehender Herr, der mich lebhaft an Mr. Cialandri, den Souspräfekten in Neufchateau, erinnerte. Was lag alles dazwischen! Tod und Leben.
Wir hatten ziemlich freie Bewegung, jede kleine Annehmlichkeit wurde gewährt, freilich für Summen, die an’s Lächerliche grenzten. Ich bezahlte ein Hammelcotelett wie ein Diner bei Very. Gegen Abend erschienen der Maire und sein erster Secretair in meiner Zelle. Es kam Licht; die beiden Herren nahmen auf einer Bank Platz, ich auf dem Bettrand; so plauderten wir. Sie waren, als Schäfer verkleidet, bei Sedan von den Preußen gefangen genommen worden und hatten beide auf dem Punkte gestanden, ihre Schlachten-Amateurschaft mit dem Leben zu bezahlen. Herzog Wilhelm von Mecklenburg hatte sie gerettet und freigegeben. Da waren sie nun wieder in Marennes. Als Dritter im Bunde saß ich daneben! Meine Amateurschaft für romantische Plätze hatte mich auf französischer Seite in dieselbe bedrohliche Situation gebracht. Wir tauschten unsere Erlebnisse aus, zugleich unsere Befriedigung darüber, daß wir es überhaupt noch konnten.
Dann trennten wir uns, der Schließer entschuldigte sich, daß er »schließen« müsse; eine halbe Stunde später schloß ich die Augen. In der Nacht horchte ich auf, ob ich nicht den Wogengang des »Atlantic« hörte, dem ich jetzt auf eine halbe Stunde nahe war. Mitunter schien es mir, als rausche und grüße es herüber. Aber es war nur der Wind, der durch den Kamin fuhr.
Ile d’Oléron.
1. Die Insel Oléron.
Auf dem erhöhteren Fels erscheint ein zerfallenes Vorwerk,
Mit Schießscharten versehn, sei’s, daß hier immer ein Wachtthurm
Ragte, den offnen Strand vor Algiers Flagge zu hüten,
Sei’s, daß gegen den Stolz Englands und erfahrene Seekunst
Erst in der jüngeren Zeit es erbaut der Napoleonide.