Ein Gefangener ist empfindlich gegen solche Eindrücke. Sie los zu werden, trat ich dann über die Treppenstufen rasch auf den Rempart hinaus. Es wetterte; ich hielt den Hut mit beiden Händen, und der Gischt sprang bis über die Brüstung. Aber ich athmete auf und sah nach Osten hin, wo mir die Heimath lag und die Freiheit.
7. Mittag.
Ein Schornstein raucht, der Wind steht her,
Ein warmes Dach, was braucht man mehr!
Mittag.
Scherenberg.
Der Vormittag, der dem Morgenspaziergang folgte, gehörte der Arbeit. Himmlische Ruhe! Wie leicht, wie behaglich es aus der Feder floß! So kam Mittag heran.
Um 12 Uhr präcis klopfte es, und auf mein nach Gutdünken abgegebenes »Entrez« oder »Herein«, erschien Madame la Cantinière, eine freundliche, bleichsüchtige Frau, die nach unendlichen Knixen und Begrüßungen und unter einem Schwall von Redensarten, aus denen ich mir nur die Stichworte aussuchte, meine Hauptmahlzeit servirte. Diese führte abwechselnd den Namen Dejeuner oder Diner, ohne daß die wechselnde Bezeichnung den geringsten Einfluß auf die Sache selbst geübt hätte. Ein Tisch existirte nicht; der Schreibtisch war sakrosankt; so blieb denn nur die Kommode, die zum Zeichen ihrer Doppelbestimmung, und so zu sagen als »Tischtuch in Permanenz«, eine auseinandergefaltete Serviette trug. Einen Wechsel derselben hab ich nicht erlebt. Auf diese Unterlage nun stellte Madame la Cantinière das zusammengeklappte Tellerpaar, das wie eine große Muschel aussah, aber in der Regel einen Kern barg, der, seinem ganzen Gefüge nach, alles andere eher war als eine Molluske. An vier Tagen von fünf war es ein Stück in die Pfanne geworfenes Rinderfleisch, ein Rundstück, mit gedörrten Kartoffeln und Seesalz garnirt, an das ich nun coûte qu’il coûte heran mußte. Ich zwang es auch in der Regel, wiewohl ich sagen muß, daß es für das, was man mit funfzig Jahren von Zähnen noch übrig hat, eine Schule und eine Prüfung war. Die genaue Vertheilung von einem Korn Seesalz auf je ein Stück Kartoffel, etwa wie ein Conditor die Törtchen mit Kirsche oder Pistazie belegt, gewährte mir dabei eine kleine Unterhaltung. Ich machte es sorglich und gewissenhaft, das jedesmalige Größenverhältniß wohl abwägend. Dazu trank ich Landwein, der einen unglaublich schönen Namen hatte, aber nach dumpfem Faß schmeckte und dem ich durch Zucker und Wasser aufzuhelfen suchte.
Was die Arrangements angeht, so darf ich wohl hinzusetzen, daß ich meine Mahlzeit nothgedrungen im Stehen einnahm, da die Kommodenkästen keinen Stuhl gestatteten und daß ich (man erhält in gewöhnlichen Lokalen immer nur eine Gabel) dies unvollkommene Besteck durch ein in Besançon erobertes Klappmesser vervollständigte, dessen Klinge sich wie Blech bog. Wie man es stellte, so stand es.
Dies alles war die gebrechliche Seite des Diners, aber das Dessert brachte alles wieder ins Reine. Ich schälte sorglich, nachdem das Klappmesser in der Kaminasche einen Läuterungsprozeß durchgemacht hatte, eine große Goldreinette, und begann nun, Scheibe auf Scheibe, mit immer erneuter Freudigkeit zu genießen, während Blanche mit den Schalen spielte und neben mir bereits das Wasser brodelte, das 10 Minuten später braun und duftig in das von dem Landwein desinfizirte Glas floß. Im Schlurfen des geliebten Trankes vergaß ich vieles, und vieles stieg lächelnd und grüßend herauf.
Die gebauchte Blechkanne aber, von einfach sinnreicher Construktion, aus der mir so viele freundliche Minuten erblühten, ich habe sie als Erinnerungsstück mit heimgenommen.