Wir erfuhren dies wieder und lachten herzlich. Die Heldenrolle, die uns zudiktirt wurde, hatte etwas Ehrendes und Schmeichelhaftes für uns; aber bald überzeugten wir uns, daß solche Gerüchte doch höchst gefährlich für uns seien und unser relatives Wohlleben arg gefährden könnten. Was aber, namentlich dem engeren Kreise, der sich bei mir zu versammeln pflegte, das Allerpeinlichste war, war das, daß unser guter Kommandant mit in die Angelegenheit hineingezogen und um seiner Nachsicht und Güte willen (die übrigens nie in Schwäche ausartete) bezichtigt wurde, das eigentliche Haupt des Komplotts zu sein.
Wir beschlossen also, nicht nur äußerste Vorsicht zu üben, sondern namentlich auch die Anstandsbesuche, die wir von Zeit zu Zeit in der Kommandantur gemacht hatten, einzustellen. Ich wurde dazu noch durch einen besonderen Vorfall bestimmt, der, so klein und geringfügig er war, doch am besten zeigte, wie kritisch bereits die Lage geworden war.
Ich hatte bei einem Nachmittagsbesuche eben neben dem Kommandanten Platz genommen und ließ mir das Straßburger Bier schmecken, das in einer Steinkruke wie immer auf ein zwischen uns stehendes Tischchen gestellt worden war, als der eintretende Diener den Kapitain N. N. meldete. Den Namen überhörte ich. Es war, wie ich mich bald überzeugen sollte, ein See-Kapitain, der zugleich das Kommando über die Nationalgarden der Insel übernommen hatte. Mein guter Kommandant nickte, zum Zeichen, daß er bereit sei, den Angemeldeten zu empfangen, sprang aber in demselben Augenblick, in dem der Diener das Zimmer verlassen hatte, vom Fauteuil auf, um mit geschwindester Geschwindigkeit einen großen Wandschrank zu öffnen und die Steinflasche, sowie die beiden noch halb vollen Biergläser dahinter verschwinden zu lassen. Der Verschwinde-Akt war kaum ausgeführt, als der See-Kapitain eintrat und das Dienstgespräch seinen Anfang nahm. Ich empfahl mich; mein halbes Glas Bier hatte ich eingebüßt. Dies war zu verschmerzen; der ganze Vorgang bekümmerte mich aber um des Kommandanten willen. Dieser war nicht nur ein liebenswürdiger, sondern vor Allem auch ein sehr feinfühliger Mann, der nothwendig eine Verlegenheit über die Komödie empfinden mußte, zu der er sich verurtheilt sah.
Er empfand es auch wirklich, so vermuthe ich; vor Allem aber sah er ein, daß etwas geschehen müsse, um ihn in seiner unhaltbar gewordenen Stellung neu zu befestigen. Dies zu erreichen, wählte er den klügsten Weg. Er bat um einen Auxiliar-Kommandanten, dem die Gefangenen-Angelegenheiten ausschließlich unterstellt werden möchten. Ein vorzüglicher Schachzug. Seinem Wunsche wurde nachgegeben und auf einen Schlag war er den Verdacht und — die Arbeit los. Den Verdacht hatte das Gouvernement natürlich nie getheilt; aber das war ein geringer Trost. Ueberall im Lande stand das Volk auf dem Punkt, die Entscheidung selbst in die Hand zu nehmen. Der Einzug von »König Lynch« war jeden Augenblick möglich.
Wir erhielten in Folge dieser Vorgänge und Gesuche denn auch wirklich einen Vice-Kommandanten, einen schönen Blaubart, den Baron de la Flotte, der in Straßburg als Chef eines Mobilgarden-Bataillons mitkapitulirt und sich, nach seiner Entlassung auf Ehrenwort, aus dem Lärm des Krieges in die westlichen Departements zurückgezogen hatte. Er war ein feiner Herr, von vornehmer Haltung, sehr artig und — sehr bestimmt. Unser »Sturm im Glase Wasser« beruhigte sich und — die Gerüchte in der Stadt nahmen ein Ende.
Sie nahmen ein Ende in demselben Verhältniß, in dem das eigene Schuldbewußtsein der Behörden und Bewohner sich minderte und sich mindern durfte. Viele Uebelstände, von denen man sehr wohl gewußt hatte, daß es Uebelstände waren, sie wurden abgestellt; man that was man konnte, man anerkannte gewisse Verpflichtungen und beeiferte sich, ehrlich und nachdrücklich, diesen Verpflichtungen nachzukommen. Das half. Der eifrigste und tapferste dabei war der französische Arzt. Er fuhr nach La Rochelle hinüber, entwarf ein Bild der Lage und erklärte rund und nett, daß er entschlossen sei, seine Stellung sofort niederzulegen, wenn nicht die Hälfte seiner Kranken in die großen Lazarethe von La Rochelle aufgenommen und die ihm verbleibende andere Hälfte mit allem Nöthigen versehen würde. Drei Tage später fuhren 30 Kranke in einem großen Seedampfer nach La Rochelle hinüber. Alle seine Forderungen waren bewilligt worden.
So endigte dieser Zwischenfall, der uns, wenigstens in den Augen unserer Insel-Bevölkerung, bis an die Grenzen der Meuterei geführt hatte. In Wahrheit aber hieß es selbst von den Verwegensten und Abenteuerlustigsten unter uns: »Kühn war das Wort, weil es die That nicht war«, und während man die Neu-Erklärung des Kaiserreichs von uns erwartete, beschäftigte uns vorwiegend die Frage, ob der verd... Cantinier nicht endlich einen besseren Wein anschaffen, oder mit Rücksicht auf seine Kunden in Hellblau »a Bierche« auflegen würde.
15. „Sentinelle, prenez garde à vous.”
But where was this?