Es war ein Brief von Lisette.
Sie nahm ihn auch jetzt wieder zur Hand, und las eine Stelle, die sie schon vorher mit einem Bleistiftsstrich bezeichnet hatte: ».... Du mußt wissen, meine liebe Victoire, daß ich, Pardon für dies offne Geständniß, mancher Aeußerung in Deinem letzten Briefe keinen vollen Glauben schenke. Du suchst Dich und mich zu täuschen, wenn Du schreibst, daß Du Dich in ein Respektsverhältniß zu S. hineindenkst. Er würde selber lächeln, wenn er davon hörte. Daß Du Dich plötzlich so verletzt fühlen, ja, verzeihe, so piquirt werden konntest, als er den Arm Deiner Mama nahm, verräth Dich, und giebt mir allerlei zu denken, wie denn auch andres noch, was Du speziell in dieser Veranlassung schreibst. Ich lerne Dich plötzlich von einer Seite kennen, von der ich Dich noch nicht kannte, von der argwöhnischen nämlich. Und nun, meine theure Victoire, hab ein freundliches Ohr für das, was ich Dir in Bezug auf diesen wichtigen Punkt zu sagen habe. Bin ich doch die ältere. Du darfst Dich ein für allemal nicht in ein Mißtrauen gegen Personen hineinleben, die durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen. Und zu diesen Personen, mein ich, gehört Schach. Ich finde, je mehr ich den Fall überlege, daß Du ganz einfach vor einer Alternative stehst, und entweder Deine gute Meinung über S., oder aber Dein Mißtrauen gegen ihn fallen lassen mußt. Er sei Kavalier, schreibst Du mir, ›ja, das Ritterliche‹, fügst Du hinzu, ›sei so recht eigentlich seine Natur‹, und im selben Augenblicke, wo Du dies schreibst, bezichtigt ihn Dein Argwohn einer Handelsweise, die, träfe sie zu, das Unritterlichste von der Welt sein würde. Solche Widersprüche giebt es nicht. Man ist entweder ein Mann von Ehre, oder man ist es nicht. Im Uebrigen, meine theure Victoire, sei gutes Muthes, und halte Dich ein für allemal versichert, Dir lügt der Spiegel. Es ist nur Eines, um dessentwillen wir Frauen leben, wir leben, um uns ein Herz zu gewinnen, aber wodurch wir es gewinnen, ist gleichgiltig.«
Victoire faltete das Blatt wieder zusammen. »Es räth und tröstet sich leicht aus einem vollen Besitz heraus; sie hat alles und nun ist sie großmüthig. Arme Worte, die von des Reichen Tische fallen.«
Und sie bedeckte beide Augen mit ihren Händen.
In diesem Augenblick hörte sie die Klingel gehen, und gleich danach ein zweites Mal, ohne daß jemand von der Dienerschaft gekommen wäre. Hatten es Beate und der alte Jannasch überhört? Oder waren sie fort? Eine Neugier überkam sie. Sie ging also leise bis an die Thür und sah auf den Vorflur hinaus. Es war Schach. Einen Augenblick schwankte sie, was zu thun sei, dann aber öffnete sie die Glasthür und bat ihn einzutreten.
»Sie klingelten so leise. Beate wird es überhört haben.«
»Ich komme nur, um nach dem Befinden der Damen zu fragen. Es war ein prächtiges Paradewetter, kühl und sonnig, aber der Wind ging doch ziemlich scharf ....«
»Und Sie sehen mich unter seinen Opfern. Ich fiebre, nicht gerade heftig, aber wenigstens so, daß ich das Theater aufgeben mußte. Der Shawl (in den ich bitte, mich wieder einwickeln zu dürfen) und diese Tisane, von der Beate wahre Wunder erwartet, werden mir wahrscheinlich zuträglicher sein als Wallensteins Tod. Mama wollte mir anfänglich Gesellschaft leisten. Aber Sie kennen ihre Passion für alles, was Schauspiel heißt, und so hab ich sie fortgeschickt. Freilich auch aus Selbstsucht; denn daß ich es gestehe, mich verlangte nach Ruhe.«
»Die nun mein Erscheinen doch wiederum stört. Aber nicht auf lange, nur gerade lange genug, um mich eines Auftrags zu entledigen, einer Anfrage, mit der ich übrigens leichtmöglicherweise zu spät komme, wenn Alvensleben schon gesprochen haben sollte.«
»Was ich nicht glaube, vorausgesetzt, daß es nicht Dinge sind, die Mama für gut befunden hat, selbst vor mir als Geheimniß zu behandeln.«