»Und ....«
»Ich billige sie nicht. Aber sie nicht billigen, ist etwas andres als sie verurtheilen. Mama hat mich gelehrt, mich über derlei Dinge nicht zu kümmern und zu grämen. Und hat sie nicht Recht? Ich frage Sie, lieber Schach, was würd aus uns, ganz speziell aus uns zwei Frauen, wenn wir uns innerhalb unsrer Umgangs- und Gesellschaftssphäre zu Sittenrichtern aufwerfen und Männlein und Weiblein auf die Korrektheit ihres Wandels hin prüfen wollten? Etwa durch eine Wasser- und Feuerprobe. Die Gesellschaft ist souverän. Was sie gelten läßt, gilt, was sie verwirft, ist verwerflich. Außerdem liegt hier alles exzeptionell. Der Prinz ist ein Prinz, Frau von Carayon ist eine Wittwe, und ich .... bin ich.«
»Und bei diesem Entscheide soll es bleiben, Victoire?«
»Ja. Die Götter balanciren. Und wie mir Lisette Perbandt eben schreibt: ›wem genommen wird, dem wird auch gegeben‹. In meinem Falle liegt der Tausch etwas schmerzlich, und ich wünschte wohl, ihn nicht gemacht zu haben. Aber andrerseits geh ich nicht blind an dem eingetauschten Guten vorüber, und freue mich meiner Freiheit. Wovor andre meines Alters und Geschlechts erschrecken, das darf ich. An dem Abende bei Massows, wo man mir zuerst huldigte, war ich, ohne mir dessen bewußt zu sein, eine Sklavin. Oder doch abhängig von hundert Dingen. Jetzt bin ich frei.«
Schach sah verwundert auf die Sprecherin. Manches, was der Prinz über sie gesagt hatte, ging ihm durch den Kopf. Waren das Ueberzeugungen oder Einfälle? War es Fieber? Ihre Wangen hatten sich geröthet, und ein aufblitzendes Feuer in ihrem Auge traf ihn mit dem Ausdruck einer trotzigen Entschlossenheit. Er versuchte jedoch sich in den leichten Ton, in dem ihr Gespräch begonnen hatte, zurückzufinden, und sagte: »Meine theure Victoire scherzt. Ich möchte wetten, es ist ein Band Rousseau, was da vor ihr liegt, und ihre Phantasie geht mit dem Dichter.«
»Nein, es ist nicht Rousseau. Es ist ein anderer, der mich mehr interessirt.«
»Und wer, wenn ich neugierig sein darf?«
»Mirabeau.«
»Und warum mehr?«
»Weil er mir näher steht. Und das Allerpersönlichste bestimmt immer unser Urtheil. Oder doch fast immer. Er ist mein Gefährte, mein spezieller Leidensgenoß. Unter Schmeicheleien wuchs er auf. ›Ah, das schöne Kind,‹ hieß es tagein, tagaus. Und dann eines Tags war alles hin, hin wie .... wie ....«