Was Werder für den Obst-Konsum der Hauptstadt ist, das ist Glindow für den Ziegel-Konsum. In Werder wird gegraben, gepflanzt, gepflückt, — in Glindow wird gegraben, geformt, gebrannt; an dem einen Ort eine wachsende Kultur, an dem andern eine wachsende Industrie, an beiden (in Glindow freilich auch mit dem Revers der Medaille) ein wachsender Wohlstand. Dazu steht das eine wie das andere nicht bloß für sich selber da, sondern ist seinerseits wiederum eine „Metropole“, ein Mittelpunkt gleichgearteter und zugleich widerstrebender Distrikte, die es fast geboten erscheinen lassen, nach Analogie einiger Schweizer Kantone, von Werder-Stadt und Werder-Land, oder von Glindow-Dorf und Glindow-Bezirk zu sprechen.
Bei Werder haben wir diesen Unterschied übergangen; bei Glindow wird es dann und wann unvermeidlich sein, auf ihn Bezug zu nehmen. Deshalb an dieser Stelle schon folgendes: Distrikt Glindow ist etwa zwei Quadrat-Meilen groß (vier Meilen lang und eine halbe Meile breit) und zerfällt in ein Innen- und Außen-Revier, in einen Bezirk diesseit und jenseit der Havel. Das Innen-Revier „diesseit der Havel“ ist alles Lehm- und Tonland und umfaßt die gesamten Territorien am Schwielow-, am Glindow- und Plessow-See; das Außen-Revier oder das Revier „jenseit der Havel“ ist neu-entdecktes Land und dehnt sich vorzugsweise auf der Strecke zwischen Ketzin und Tremmen aus. Dies Außenland, abweichend und eigenartig, behauptet zugleich eine gewisse Selbständigkeit und zeigt eine unverkennbare Tendenz sich loszureißen und Ketzin zu einer eigenen Hauptstadt zu machen. Vielleicht daß es glückt. Vorläufig aber ist die Einheit noch da und ob der Tag siegreicher Sezession näher oder ferner sein möge, noch ist Glindow[43] Metropole und herrscht über Innen- und Außen-Revier.
Die Bodenbeschaffenheit, das Auftreten des Lehms ist diesseit und jenseit der Havel grundverschieden. Im Innen-Revier tritt der Lehm in Bergen auf, als Berglehm, und wenn wir uns speziell auf die wichtige Feldmark Glindow beschränken, so unterscheiden wir hier folgende Lehmberge: den Köllnischen, zwei Brandenburgische (Altstadt, Neustadt), den Kaputhschen, den Schönebeckschen, den Invalidenberg, den Schloßbauberg, zwei Kurfürstenberge (den großen und den kleinen), den Plaueschen, den Mösenschen, den Potsdamschen. Die drei letztgenannten liegen wüst, sind tot. Die andern sind noch in Betrieb. Ihre Namen deuten auf ihre früheren Besitzer. Berlin-Kölln, Brandenburg, Potsdam, Kaputh, Schönebeck hatten ihre Lehmberge, der Invalidenberg gehörte dem Invalidenhause etc. Diese Besitzverhältnisse existieren nicht mehr. Jene Ortschaften haben sich längst ihres Eigentums entäußert, das inzwischen in die Hände einiger Ziegel-Lords übergegangen ist. Die meisten sind in den Händen der Familie Fritze.
Der Lehm in diesen Bergen ist sehr mächtig. Nach Wegräumung einer Oberschicht, „Abraum“ genannt, von etwa dreißig Fuß Höhe, stößt man auf das Lehmlager, das oft eine Tiefe von achtzig bis hundert Fuß hat. Der Lehm ist schön und liefert einen guten Stein, aber doch keinen Stein ersten Ranges. Die Hauptbedeutung dieser Lager ist ihre Mächtigkeit, annähernd ihre Unerschöpflichkeit. Dabei mag als etwas Absonderliches hervorgehoben werden, daß sich in diesen Lehmlagern Bernstein findet und zwar in erheblicher Menge. Die meisten Stücke sind haselnußgroß und somit ohne besonderen Wert, es finden sich aber auch Stücke von der Größe einer Faust, dabei sehr schön, die bis zu fünfundzwanzig Talern verkauft werden. Wer solch Stück findet, hat einen Festtag.
Soviel über die Lehmberge des Innen-Reviers. Ganz anders ist das Auftreten der Lager im Außen-Revier jenseit der Havel. Der dort vorkommende Lehm ist sogenannter Wiesen-Lehm, der nur sechs Fuß unter der Rasen-Oberfläche liegt, aber auch selber nur in einer Schicht von sechs bis acht Fuß auftritt. Er ist wegen des geringen „Abraums“, der fortzuschaffen ist, leichter zugänglich; all diese Lager sind aber verhältnismäßig leicht erschöpft, auch ist das Material nicht voll so gut.
Dieser Unterschied im Material — wie mir alte Ziegelbrenner versicherten — ist übrigens viel bedeutungsloser als gewöhnlich angenommen wird. Wie bei so vielem in Kunst und Leben kommt es darauf an, was Fleiß und Geschick aus dem Rohmaterial machen. Das Beste kann unvollkommen entwickelt, das Schwächste zu einer Art Vollkommenheit gehoben werden. So auch beim Ziegelbrennen. Die berühmtesten Steine, die hier zu Lande gebrannt werden, sind die „roten Rathenower“ und die „gelben Birkenwerderschen“. Aber was ihnen ihre Vorzüglichkeit leiht, ist nicht das Material, sondern die Sorglichkeit, die Kunst, mit der sie hergestellt werden. Jedem einzelnen Stein wird eine gewisse Liebe zugewandt. Das macht’s. Der Birkenwerdersche Ton beispielsweise ist unscheinbar, aber geschlemmt, gesäubert, gemahlen wird er zu einem allerdings feinen Materiale entwickelt, und die Art des Streichens und Brennens macht ihn schließlich zu etwas in seiner Art Vollendetem. Man geht dabei so weit, daß die Messer beim Formen des Steines jedesmal geölt werden, um dem Ziegel dadurch die Glätte, Ebenheit und Schärfe zu geben, die ihn auszeichnet.
Auch in Glindow und seinen Dependenzien wird ein vorzüglicher Stein gebrannt, aber dennoch nicht ein Stein, der den Rathenowern und Birkenwerderschen gleichkäme. Die Herstellung im Dorfe Glindow selbst erfolgt durch etwa fünfhundert Arbeiter aller Art. Wir unterscheiden dabei: fremde Ziegelstreicher, einheimische Ziegelstreicher und Tagelöhner. Über alle drei Kategorien ein Wort.
Fremde Ziegelstreicher werden hier seit lange verwandt. Die einheimischen Kräfte reichen eben nicht aus. Früher waren es „Eichsfelder“, die kamen, und hier, ähnlich wie die Warthebruch-Schnitter oder Linumer Torfgräber, eine Sommer-Kampagne durchmachten. Aber die „Eichsfelder“ blieben schließlich aus oder wurden abgeschafft, und an ihre Stelle traten die „Lipper“. Diese behaupten noch jetzt das Feld.
Die Lipper, nur Männer, kommen im April und bleiben bis Mitte Oktober. Sie ziehen in ein massives Haus, das unten Küche, im ersten Stock Eßsaal, im zweiten Stock Schlafraum hat. Sie erheben gewisse Ansprüche. So muß jedem ein Handtuch geliefert werden. An ihrer Spitze steht ein Meister, der nur Direktion und Verwaltung hat. Er schließt die Kontrakte, empfängt die Gelder und verteilt sie. Die Arbeit ist Akkord-Arbeit, das Brennmaterial und die Gerätschaften werden sämtlich geliefert. Der Lehm wird ihnen bis an die „Sümpfe“ gefahren; der Ofen ist zu ihrer Disposition. Alles andere ist ihre Sache. Am Schlusse der Kampagne erhalten sie für je tausend fertig gebrannte Steine einzweidrittel bis zwei Taler. Die Gesamtsumme bei acht bis zehn Millionen Steine pflegt bis 15 000 Taler zu betragen. Diese Summe wird aber schwer verdient. Die Leute sind von einem besonderen Fleiß. Sie arbeiten von drei Uhr früh bis acht oder selbst neun Uhr abends, also nach Abzug einer Eßstunde immer noch nah an siebzehn Stunden; Sie verpflegen sich nach Lipper Landessitte, d. h. im wesentlichen westfälisch. Man darf sagen, sie leben von Erbsen und Speck, die beide durch den „Meister“ aus der lippeschen Heimat bezogen werden, wo sie diese Artikel besser und billiger erhalten. Mitte Oktober treten sie, jeder mit einer Überschußsumme von nahezu hundert Talern, den Rückweg an und überlassen nun das Feld den einheimischen Ziegelstreichern.
Die Einheimischen arbeiten ebenfalls auf Akkord, aber unter ganz anderen Bedingungen. Sie erhalten nicht die ganze Arbeit, sondern die Einzelarbeit bezahlt und stehen sich dabei nicht erheblich schlechter als die Lipper. Während der Sommermonate teilen sie den Arbeitsplatz mit den Letzteren derart, daß die Lipper zur Rechten, die Einheimischen zur Linken ihre Ziegel streichen. Soweit sind sie den Lippern ebenbürtig. Darin aber stehen sie hinter diesen zurück, daß diese das Recht haben, ihre Ziegel zuerst zu brennen. Mit andern Worten, solange die Sommerkampagne dauert, gehört der Ofen ausschließlich den Lippern und erst wenn diese fort sind, ziehen die Einheimischen mit den vielen Millionen Ziegeln, die sie inzwischen gestrichen und getrocknet haben, auch ihrerseits in den Ofen ein.