Einer Krone Laubgeflecht.[16]
Außer diesen Turnerfahrten scheint die Eiche, vorher und nachher, nicht allzuviel gesehen und erlebt zu haben. Sie lebte wie so mancher Alte, still und abgeschieden. Ein beständiges Gleichmaß in beständigem Wechsel. Auf Sommerdürre folgten die Stürme, dann fiel Schnee, dann war alles Sumpf und Bruch, dann wieder Sommerdürre; — so kamen die Jahre, so gingen sie. Nichts geschah. Es gibt Hollunderbäume in Pfarrgärten, die in fünfzig Jahren mehr gesehen haben, als die große Eiche in fünfhundert. Nur die letzten Jahrzehnte schufen einen Wandel: Landpartien und Berliner kamen.
Es handelte sich jetzt für uns darum, ihr ein besonderes Zeichen unserer Huldigung zu geben. Ein dreimaliges Hurra erschien uns für unsere zivilen Verhältnisse teils zu prätensiös, teils unausreichend. Aus dieser Verlegenheit indes sollten wir alsbald gerissen werden; — unser Reisegefährte hatte alles bereits sinnig erwogen. Er nahm seine umsponnene Flasche, füllte ein Glas mit rotgoldenem Kap Konstantia-Wein, trat vor und sprach: „Eiche, tausendjährige, sei uns gegrüßt! Hier hat der Wende gelagert und der Berliner, und allerlei Wein, fränkischer und deutscher, nicht minder die ‚gebrannten Wasser‘ beider Indien, Jamaikas und Goas, sind Dir zu Ehren an dieser Stelle verschüttet worden. Aber ob Süd-Afrika, ob Mohrenland von jenseit der Linie, Dir je gehuldigt, das ist mindestens fraglich. Empfange denn die Gabe aus Gegenden, in denen nur Freiligrath und der Kaffer ‚einsam schweift durch die Karroo‘, empfange diesen Tropfen Kap Konstantia; — die Hänge des Tafelberges grüßen Dich und den Brieselang!“ Damit goß er den Kapwein ihr zu Füßen. Wir schwenkten die Hüte, stimmten Lieder an von Arndt und Körner und machten uns auf den Rückweg.
Im Fluge. Denn immer bedrohlicher zog sich’s über uns zusammen und kein Wind machte sich mehr auf, das Gewölk zu zerstreuen. So ging es an den alten Stätten vorbei, am Forsthaus, am Remonte-Depot, an dem Elsbusch, aus dem uns Lampe, der „Jäger“, so bedrohlich entgegengetreten war. Als wir Finkenkrug erreichten, war es die höchste Zeit, wenn uns daran lag, mit den Extrazüglern, die eben in Sektionen formiert aufbrachen, den Rettungshafen der Eisenbahn zu gewinnen. Musik vorauf, so ging es durch die letzte Waldstrecke. Die Pauke tat wieder ihr Äußerstes, als plötzlich einer rief: „Pauke still!“ Und sie schwieg wirklich. Über das weite Himmelsgewölbe hin rollte der erste Donner. In den Wipfeln begann ein unheimliches Wehen, die obersten Spitzen brachen fast. „Rasch, rasch“, hieß es, „Laufschritt“; alles drängte durcheinander, „sauve qui peut“ und der Zug, der schon hielt, wurde im Sturm genommen. In demselben Augenblick aber brach es los; die Blitze fuhren nieder, das Gekrach überdröhnte das Gerassel des Zuges; wie ein Wolkenbruch fiel der Regen.
Als wir eine Stunde später im klapperigen Gefährt über die Alsenbrücke fuhren, auf den Tiergarten zu, stand das Wasser in Lachen und Lanken. Wer um diese Zeit vom Finkenkrug bis „zur Königseiche“ gewandert wäre, der hätte wohl den Brieselang gesehen wie vor tausend Jahren!
[16] Diese Verse, wie ich nachträglich erfahre, rühren nicht aus der Jahnschen Zeit her, sondern sind erst, vor kaum zwanzig Jahren, niedergeschrieben und an der Brieselang-Eiche befestigt worden. Das geschah an einem heißen August-Nachmittage 1862 durch zwei Mitglieder des kurz zuvor gegründeten Nauener Turnvereins. Der eine dieser beiden Turner hatte die Verse verfaßt, der andere die technische Niederschrift geliefert. Beide Turner blieben seitdem vereint; sie dienten in demselben Truppenteil der Garde; sie fochten am 3. Juli bei Königgrätz; und abermals an einem heißen Augusttage, heißer als jener Wandertag, der sie acht Jahre vorher zur Königseiche geführt hatte, stürmten sie gemeinschaftlich gegen St. Privat. Beide fielen schwerverwundet, der eine durch den Schenkel, der andere durch die Brust geschossen; beide sind genesen.
Der Eibenbaum
im Parkgarten des Herrenhauses
Die Eibe
Schlägt an die Scheibe,