Als die Kriegslage im Bondelzwartsgebiet zwang, auch die 2. Feldkompagnie aus dem Hererolande dorthin zu beordern, war ich nicht im unklaren darüber, daß diese Maßnahme auf die Lage im Hererolande eine bedenkliche Wirkung ausüben könnte. Niemand konnte besser wissen als der Gouverneur, daß, abgesehen von den Rassengegensätzen, die Hereros auch sonst noch glaubten, Gründe zur Unzufriedenheit zu haben. Ich darf an dieser Stelle wohl erwähnen, daß ich dem Führer der 2. Feldkompagnie, der als tapferer Soldat gleich mit nach dem Süden ins Feld rücken wollte, auf seine dahingehende Bitte einen abschlägigen Bescheid gegeben habe. Hauptmann Franke war zugleich Bezirksamtmann von Omaruru und als solcher in der Behandlung der Eingeborenen im Frieden ebenso geschickt, wie er sich später im Kriege bei ihrer Bekämpfung tatkräftig erwiesen hat. »Er sei seiner Hereros auch während seiner Abwesenheit ganz sicher,« schrieb er mir. Als dann später Hauptmann Franke nach seiner Rückkehr vom Süden sich in die Lage versetzt sah, seine Wohnung in Omaruru mit stürmender Hand wieder nehmen zu müssen, wollte er nach seinem eigenen Bericht zuerst gar nicht glauben, daß seine Hereros es überhaupt wagen würden, auf ihren langjährigen Bezirksamtmann zu schießen. Er setzte sich daher bei Beginn des Gefechts absichtlich dem feindlichen Feuer aus, mußte jedoch bald seinen Irrtum einsehen. Dieser erscheint indessen verzeihlich, wenn man die Loyalität, um nicht zu sagen Treue mit angesehen hat, mit der die Hereros äußerlich an ihrem Bezirksamtmann zu hängen schienen.

Ich hatte daher zunächst vorgezogen, die Kompagnie Franke in Omaruru zu belassen. Als dann später die Kriegslage zu ihrer Heranziehung auf den südlichen Kriegsschauplatz zwang, wurde damit sofort die Einberufung sämtlicher Mannschaften des Beurlaubtenstandes der Nordbezirke verbunden. Die Folge war, daß dann der Aufstand in Omaruru eine zweite Ersatzkompagnie, in Windhuk eine erste Ersatzkompagnie, in Okahandja eine wesentlich verstärkte Stationsbesatzung vorgefunden hat, und diese drei Plätze sind gleich zu Beginn des Aufstandes die Brennpunkte des Kampfes geworden. Eine weitere Wirkung war, daß infolge ihrer Einziehung zahlreiche Mannschaften des Beurlaubtenstandes, die vorher einzeln unter den Eingeborenen gewohnt hatten, ihr Leben gerettet haben.

Über die Gründe des Aufstandes glaube ich mich nicht weiter auslassen zu sollen. Wer meinen bisherigen Ausführungen mit Aufmerksamkeit gefolgt ist, wird sie dort bereits gefunden haben. Im übrigen dürfte diese Frage im Schutzgebiet sowohl wie in der Heimat doch eine zu große Rolle gespielt und allzuviele ebenso überflüssige wie unerquickliche Erörterungen hervorgerufen haben. Auch die größte Kolonialmacht, England, ist Katastrophen solcher Art nicht entgangen. So haben wir z. B. im Jahre 1896 einen ganz überraschend gekommenen Aufstand im Maschona- und Matabeleland gesehen, der ebenfalls vielen Hunderten wehrloser weißer Männer, Frauen und Kinder das Leben gekostet hat. Auch dort ist das Wegziehen eines Teiles der bewaffneten Macht — zum Zwecke des Einfalles in Transvaal (Zug Jamesons) — die äußere Veranlassung gewesen, nur mit dem Unterschied, daß keine Zwangslage dieses Wegziehen geboten hatte. Doch hat man damals in der englischen Presse zwecklose Erörterungen über die Schuldfrage im allgemeinen vermieden.

Der Hereroaufstand bis zum Eintreffen der ersten Verstärkung von außerhalb.

Diese Periode kann man die Zeit der Überlegenheit der Hereros nennen. Sie war ausgefüllt mit der Ermordung einzeln wohnender Weißer, deren die Eingeborenen hatten habhaft werden können, mit Plünderung sämtlicher Farmen und Belagerung verschiedener Stationen, in erster Linie von Okahandja und Omaruru bis zu deren Entsetzung durch die Kompagnie Franke. Die Zahl der ermordeten Weißen betrug im ganzen 123.[129] Unter ihnen befanden sich 13 aktive Soldaten aus den wenigen, einem unvermuteten Überfall erlegenen Stationen (im ganzen 4), ferner 7 Buren und 5 Frauen. Der Befehl des Oberhäuptlings zum Aufstande hatte folgenden Wortlaut:

»Ich bin der Oberhäuptling der Hereros, Samuel Maharero. Ich habe ein Gesetz erlassen und ein rechtes Wort, und bestimme es für alle meine Leute, daß sie nicht weiter ihre Hände legen an folgende: nämlich Engländer, Bastards, Bergdamaras, Namas, Buren. An diese alle legen wir unsere Hände nicht. Ich habe einen Eid dazu getan, daß diese Sache nicht offenbar werde, auch nicht den Missionaren. Genug.«

Lazarett und Bekleidungskammer (rechts) der Gebirgsbatterie in Okahandja
nach der Zerstörung durch die Hereros am 12. Januar 1904.

Aus diesem Wortlaut geht hervor, daß die sieben Buren gegen den Willen des Oberhäuptlings mit als Opfer gefallen sind. Ebenso scheint bei der Hereroführung die Absicht vorgelegen zu haben, sämtliche Frauen und Kinder zu schonen. Wenn trotzdem solche ermordet worden sind, so ist dies auf Rechnung der Tatsache zu setzen, daß es überall Unmenschen gibt, die sich an derartige Grenzen nicht halten. Ferner richtete der Oberhäuptling sowohl an Witbooi wie an den Bastardkapitän Briefe — mit der Aufforderung zum Anschluß. Die Schreiben haben folgenden Wortlaut: