Die erste Hilfe von außerhalb kam dem Schutzgebiet durch unsere Marine. Am 18. Januar nachmittags traf der kleine Kreuzer »Habicht« auf der Reede von Swakopmund ein und begann ungesäumt die Ausschiffung seiner Landungsmannschaften. Der Schiffskommandant Korvettenkapitän Gudewill übernahm für den auf dem südlichen Kriegsschauplatz abwesenden Gouverneur den Oberbefehl über die Streitkräfte des Hererokriegsschauplatzes. Führer des Landungskorps wurde der Erste Offizier S. M. S. »Habicht«, Kapitänleutnant Gygas. Das Korps hatte zunächst die Stärke von 1 Offizier, 1 Arzt und 52 Mann. Kapitänleutnant Gygas erhielt Befehl, sich nach der wichtigen Eisenbahnstation Karibib zu begeben, diesen Ort sowie die Bahnlinie bis dort zu sichern, weitere Unternehmungen jedoch, wenn nicht dringend geboten, in Anbetracht seiner geringen Machtmittel zu unterlassen.

Bereits am Abend des 18. verließ das Korps mittels Extrazuges Swakopmund und traf mit Einbruch der Dunkelheit in Karibib ein. Unterwegs waren einige beschädigte Stellen an der Bahn wiederhergestellt und einige Stationen mit Besatzung versehen worden. In Karibib befanden sich etwa 40 waffenfähige Männer unter Kommando des Distriktschefs Oberleutnants Kuhn, der den Platz hatte verbarrikadieren lassen. Dessen Bewohner begrüßten das Eintreffen des Landungskorps als erstes Zeichen der Hilfe vom alten Vaterland mit aufrichtiger Freude.

Inzwischen waren zu dem Landungskorps auf telegraphische Requisition als weitere Verstärkung noch 5 Unteroffiziere mit 2 Feldgeschützen C. 73 und 1 Maschinengewehr aus Kamerun hinzugetreten. Weiter wurde aus der Heimat noch ein gleichfalls telegraphisch erbetenes Seebataillon sowie die bereits unterwegs befindliche regelmäßige Schutztruppenablösung von 200 Mann erwartet. Mit Recht beschränkte sich daher bis zum Eintreffen dieses bedeutenden Zuwachses das kleine Landungskorps auf Behauptung der Bahnstrecke Swakopmund-Karibib, verbunden mit deren gründlicher Wiederherstellung. Die Leitung der Wiederherstellungsarbeiten übernahm freiwillig der Chefingenieur der Otavi-Eisenbahn, Herr Solioz, der den Bau seiner eigenen Bahn vorläufig hatte einstellen müssen. Nach schwierigen, mehrfach durch erneuten Regen beeinträchtigten Wiederherstellungsarbeiten war die Bahn endlich Ende Februar wieder bis Karibib betriebsfähig. Inzwischen hatte S. M. S. »Habicht« zur Verstärkung des schwachen Landungskorps noch nach Karibib entsendet, was das Schiff nur irgendwie entbehren konnte. Es waren dies 28 Mann unter Leutnant z. S. Eckhold. Mit dieser Verstärkung betrug das Korps 80 Köpfe, so daß nunmehr Wiederherstellungsarbeiten an der Bahnstrecke auch in der Richtung auf Okahandja begonnen werden konnten.

Vom Feinde ist aus dieser Zeit nur ein Angriff durch etwa 100 Hereros auf die Station Kubas zu erwähnen, bei dem das dort stehende Vieh abgetrieben wurde. Die schwache Besatzung versuchte vergeblich dessen Wiedernahme, wobei der Führer, Unteroffizier Patriok, verwundet wurde. Inzwischen war es Kapitänleutnant Gygas gelungen, von allen eingeschlossenen Orten Nachrichten zu erlangen. Es ergab sich, daß die Kolonne Zülow sicher in Okahandja eingetroffen war, und daß Windhuk, Omaruru und Otjimbingwe, wenn auch bedroht, so doch nicht direkt gefährdet seien. An der Bahnlinie selbst kam es hin und wieder zu nur unbedeutenden Schießereien. Am 2. Februar traf dann auf ihrem Vormarsch nach Omaruru die Kompagnie Franke in Karibib ein. Mit ihr hatte ein Zug der Besatzungstruppe Okahandja verlassen und Bahn- wie Telegraphenlinie bis Karibib wiederhergestellt.

Endlich landete am 3. nachmittags in Swakopmund die Schutztruppenablösung unter Oberleutnant v. Winkler. Sie wurde, notdürftig bewaffnet und ausgerüstet, durch Korvettenkapitän Gudewill sofort nach Windhuk weiter beordert. Ihr schloß sich in Karibib auch der Rest des Landungskorps unter Kapitänleutnant Gygas an. Jetzt zeigte sich, wie wichtig die Wiederherstellung der Eisenbahn gewesen war, da nunmehr die Abteilung von Winkler Windhuk binnen 26 Stunden zu erreichen vermochte. Da Oberleutnant Winkler keine Artillerie besaß, überwies ihm Kapitänleutnant Gygas ein Feldgeschütz C. 73, eine Revolverkanone und ein Maschinengewehr, dazu 14 Artilleristen als Bedienung, diese unter dem Oberleutnant z. S. Hermann. Diese Mannschaften verblieben dann dauernd bei der Abteilung Winkler und traten später mit dieser zur Ostabteilung über.

Kapitänleutnant Gygas vereinbarte während seiner Fahrt nach Windhuk mit den Stationsältesten von Windhuk, Okahandja und Karibib eine dauernde Besetzung der ganzen zu diesem Zweck in Abschnitte eingeteilten Bahnlinie. Am 5. Februar rief indessen ein Telegramm des Korvettenkapitäns Gudewill sowohl das Landungskorps wie das Korps Winkler nach Karibib zurück, um von da gegen Omaruru vorzugehen. Es war nämlich Hauptmann Franke ergangen, wie es schon manchem Führer ergangen ist. Er war sich am Abend seines glänzenden Siegestages von Omaruru der Größe seines Erfolges noch nicht bewußt gewesen und hatte unter dem Eindrucke des zähen Widerstandes des Feindes sowie der gebrachten schweren Opfer geglaubt, daß ihm am nächsten Tage ein erneuter Kampf bevorstehe. In diesem Sinne hatte er telegraphiert. Erst den andern Tag ergab sich, daß der Feind den Platz in kopfloser Flucht verlassen hatte, worauf ein Gegentelegramm die Abteilung Winkler wieder nach dem Osten berief. Das Landungskorps kehrte dagegen nach Karibib zurück, woselbst nach allen Abgaben dem Führer nur noch 23 Köpfe verblieben.

Ankunft der Mannschaften S. M. S. »Habicht« in Okahandja.
Bahnhof Okahandja.

Am 9. Februar traf das Seebataillon in Swakopmund ein. Es brachte eine Maschinenkanonen-Abteilung, eine Eisenbahnbau-Abteilung und eine Ersatz-Abteilung für S. M. S. »Habicht« mit. Bewundernswert war in der Tat, mit welcher Energie im alten Vaterlande die Reichsregierung an die Rettung des schwer bedrohten Schutzgebiets herantrat. Noch war kein voller Monat seit Ausbruch des Aufstandes verstrichen, als diese bedeutende Verstärkung — nahezu 800 Köpfe — in Swakopmund landete. Sie hatte nur eine Lücke, nämlich Mangel an Pferden, die erst aus Argentinien geholt werden mußten. Der Kommandeur des Seebataillons, Major v. Glasenapp, übernahm jetzt den Oberbefehl, während den Korvettenkapitän Gudewill, dessen ruhigem und sachgemäßem Eingreifen das Schutzgebiet viel zu verdanken hatte, leider ein schweres Leiden auf das Krankenlager warf, von dem er sich nicht wieder erheben sollte. Doch hatte ich noch die Freude, nach meinem Eintreffen in Swakopmund ihn daselbst begrüßen zu können.