Man sagt: der strengste Beweis der Wahrheit sei, wenn gewisse Dinge jeder Bemühung sie lächerlich zu machen und zu travestiren, widerstehen, und wenn sie trotz allem Lächerlichen, womit wir sie behängen, doch ehrwürdig bleiben. Wenn die krumme Linie die Schönheits-Linie ist; so wird man es schwerlich bedenklich finden, dem Lachen die Schlüssel zum Himmelreiche der Wahrheit anzuvertrauen. Ein mißlicher Umstand! der mich bei der gegenwärtigen Schrift in eine nicht geringe Verlegenheit verwickelt, da ich einen Gegenstand vorhabe, worin bei weitem der größte Theil des Ernsthaften mit dem Lächerlichen, nicht von Anbeginn und von Natur, sondern durch Verjährung, so im Gemenge liegt, daß hierbei nicht so leicht ein Divisions-Exempel auf eine Auseinandersetzung gewagt werden kann. Wenn ein Ritter von ächtlustiger Gestalt den Kampf beginnt — wer und was kann vor ihm bestehen? welche Festung von System und Dogmatik sich halten? Sokrates, der Weiseste, nicht unter den Königen, sondern unter den Weisen, dieser Erzkern in einer häßlichen Schale, dieser (wiewohl nicht mit sonderlichem Geschmacke gekleidete) Engel unter den Menschen, ward in den Wolken zur Farce; und welch ein Autor kann auf einen heitern Recensenten- und Leser-Himmel sicher rechnen? — Selten gab es einen, der nicht aus dem Regen unter die Traufe gerieth, und noch nie ging ein Licht in der Welt auf, ohne seinen Aristophanes zu finden, der es, mir nichts, dir nichts, geradezu ausblies, oder — unter dem Scheine des Rechts, als wollt' er es schneutzen — es neckte und verdunkelte. Fast scheint auf diese Weise das Lächerliche das tägliche Brodt der Menschen zu seyn, und man wird sich ohne Zweifel am besten befinden, wenn man in Züchten und Ehren mitlacht, oder seine Schrift, des Bildes und der Überschrift des Ernstes ungeachtet, zu einem Tone stimmt, der nicht ernsthafte Blößen (die lächerlichsten von allen) giebt. — »Ihr werdet lange nicht so viel über mich weinen, wie ihr über mich gelacht habt,« sagte Scarron, der Ehevorfahr Ludwigs des XIV., zu denen, die sein Sterbelager umringten und weinten. Diese Vorstellung war im Stande, ihn im Sterben aufzuheitern — und warum auch nicht? — Jetzt, da selbst die heilige Moral nicht mehr im Klosteranzuge ihr Glück machen kann und will, vielmehr fröhlich und guter Dinge einhertritt, und die Becher, welche sie mit ihrem herzerfreuenden Wein anfüllet, zu bekränzen gebeut; jetzt, da sogar jede widerliche Außenseite des Menschen eher seines Herzens Härtigkeit als dessen Reinheit zu verrathen scheint: jetzt ist Fröhlichkeit ein lebensartiges Ingredienz geworden, und Lachen und Weinen leben in einer so glücklichen Ehe, daß jene philosophischen Gaukler, von denen der eine nicht aus dem Lachen und der andere nicht aus dem Weinen kommen konnte, schwerlich Professuren auf unsern Akademieen erhalten würden. Kinder, die der Natur am nächsten sind, lachen und weinen über eine und dieselbe Sache, und eine liebenswürdige Braut reißt sich weinend aus den Armen ihrer verwaiseten Mutter, um in eben dem Augenblicke sich lachend in die Arme ihres Vielgeliebten zu stürzen. — Unser Leben ist Ebbe und Fluth, immerwährender Wechsel von Freude und Leid; und sollten nicht alle Gegenstände des gemeinen Lebens Spuren und Eindrücke von der comédie larmoyante des verwünschten Schlosses von Planeten zeigen, auf dem uns eine Menschen-Rolle angewiesen ist? — die schwerste vielleicht in Gottes weitem und breitem Weltall! — vielleicht auch die leichteste, je nachdem sie gespielt wird. — Aller unvergeßlichen Bemühungen so mancher edlen Ritter ungeachtet, welche die Menschheit und durch sie die Erde entzaubern wollten, ist das Abentheuer noch nicht bestanden — O der verdammten Hexe, der Sünde, die das Verderben so braver Leute ist! — Wenn wir gleich durch die Erinnerung des Todes nicht unseres ganzen Lebens Knechte sind; so sind doch die Gedanken an den Tod und an Gott die, welche uns in jedem Falle zu einem Memento! bringen. Wahrlich! es war Philosophie, wenn des Königes Xerxes Majestät über sein Heer sich freute und traurig ward. — Jeder Schmerz hat seine Wollust; und wie schal ist nicht das Vergnügen, das nicht durch etwas Bitterkeit gewürzt wird! Vom Glück ist dem Weisen nur zu träumen erlaubt; das Unglück, als das gewöhnliche Loos der Menschheit, mit Fassung zu ertragen, bleibt ihm unabläßliche Pflicht: und es giebt in der That überall eine Mittelstraße, eine gemäßigte Fröhlichkeit und ein Lächeln, das bei warmen Thränen im Auge Statt finden kann. Alle vier und zwanzig Stunden giebt es Nacht und Tag, ein Licht, das den Tag regiert, und eins, das die Nacht regiert. — Noch näher kann ich dieses Exordium legen, wenn ich bemerke, daß das schöne Geschlecht, der Natur getreu, die gute und vollkommene Gabe von oben herab besitzt, alle seine Bitterkeiten, deren es sich zu seinen Wehr und Waffen zu bedienen pflegt, so zu bezuckern, und ihren Ernst, vermittelst eines ihn lindernden Lächelns, so zu ermäßigen, daß ich keinen Augenblick Bedenkzeit nehmen darf, diesem liebenswürdigen Beispiele zu huldigen und mich der beiden Gesichter des Janus mit patriotischer Freiheit zu erinnern. Auch scheint die Last, welche das schöne Geschlecht trägt, einem und bei weitem dem größeren Theile desselben so sanft und sein Joch so leicht zu seyn, daß es vielleicht im Diensthause Egyptens und bei den Fleischtöpfen eines gemächlichen wirklichen Alltags-Lebens zu verbleiben wünschen wird, ohne die beschwerliche Reise nach Kanaan, wo Milch und Honig der Natur fließt, antreten zu wollen. Selbst Damen von Bedeutung scheinen oft nicht zu wissen, daß sie in ihrem Prunk von Purpur und köstlicher Leinwand Leid tragen, und daß ihr Leben in Herrlichkeit und Freude eine Leibes- und Lebensstrafe ist, die man ihnen im heimlichen Gericht zuerkannt hat. — Wo viel Glanz ist, da ist wenig Geschmack — so wie gemeiniglich Bigotterie und Sittenlosigkeit getreue Nachbarn und desgleichen zu seyn pflegen. Wahrlich! es ist der höchste Gipfel der Krankheit, wenn Patienten Fieberhitze für blühende Gesundheit halten und jede Arznei von der Hand weisen; und so übersteigt es auch den gewöhnlichen Grad des menschlichen Verderbens, wenn Sklaven auf alle Rechte Verzicht thun und ihre Verfassung auf das gute Glück der Denkungsart ihrer Gebieter gründen. — Und wer ist Schuld an diesem Gerichte der Verstockung? das andere Geschlecht? wird man diesen Stab brechen, da selbst der Naturverkündiger Rousseau, der alle Welt, und besonders die schönere Hälfte derselben, zur Natur bekehren wollte, trotz dieser gewaltigen Predigt von Buße und Glauben am liebsten mit vornehmen Damen umging? Wie konnte seine Eitelkeit sich gütlich thun, wenn Standespersonen ihn hervorzogen, ob er gleich über das Verderben der höheren Stände bei aller Gelegenheit außer Athem kam! — — Doch ich will dem zweiten Theile dieses Kapitels nicht vorgreifen. Mag sich meine Schrift in die Zeit schicken, und von allen Seiten ihr Heil versuchen —! Mit der Anrufung der heiligen Zahl der drei mal drei Schwestern soll sie sich nicht brüsten, da ein dergleichen Oremus bloß poëtischen Arbeiten die Bahn zu brechen gewohnt ist; aber um alles in der Welt wünschte ich nicht, daß ihr die Ehre erwiesen würde, die Bibliothek der erlauchten Republik des Plato zu zieren. — Zur Sache.
Als Ludwig den Vierzehnten wegen der neuen Lasten, die er seinem schon gedrückten Volke zugedacht hatte, wirklich eine Art von Gewissens-Schauer anwandelte, fand er in dem leidigen Troste seines Beichtvaters Tellier, »daß das Vermögen seiner Unterthanen sein Eigenthum sei,« ein so sanftes Küssen für dieses aufgewachte Gewissen, daß er sich kein Bedenken gemacht haben würde, die Auflage, die ihn beunruhiget hatte, aus dem Stegreife zu verdoppeln; und ohne Zweifel ist dieser Köhlerglaube der Grund zu jener Behauptung: ich bin der Staat.
Die Gewohnheit wird so leicht zur andern Natur, daß die Franzosen, welche die Plackereien eines Terray, und die Härte eines Meaupou ertrugen, sich hinreichend glücklich schätzten, wenn nur ein kleiner, vielleicht der unwürdigste, Theil die durch die Zehnten der Wittwen und die Sparpfennige der Elenden gefüllten Freudenbecher des Staats in unmäßigen Zügen leeren konnte, während der andere größere und arbeitende Theil, unter dem Joche der Willkühr der Despotie und der Dürftigkeit schmachtend, doch noch immer das Glück hatte, so gut es sich thun ließ', zu springen und zu singen, zu hüpfen und zu pfeifen. — Bei einem so leichten, über Alles sich wegsetzenden und mit einem Chanson sich aus aller Noth helfenden Völkchen, war diese Zuchtruthe, theils mit Peitschen, theils mit Skorpionen, um so weniger fühlbar, da es an den Gallatagen und Staatsfesten der Ausgezeichneten unter ihm, durch ein Freibillet vermittelst der Augen Theil nahm — und dieses Völkchen lernte es je länger je mehr ertragen, daß jene den Freudenkelch für sich allein behielten und es für sie alle thaten. Die Brocken, die etwa dem Künstler und der Putzmacherin von den Tischen dieser reichen Männer fielen — waren ihnen eine Segenserndte, und die Hunde der Großen leckten ihnen ihre Schwären — Dies Jammer und Elend ist kommen zu einem seligen End, und Laternenpfähle scheinen über Frankreich das Licht der Natur und einer Gleichheit aller Menschen so stark verbreitet zu haben, daß man vor lauter Licht das Licht zuweilen nicht zu erblicken scheint. Es giebt Menschen, die den Wald nicht vor den Bäumen sehen, und gar zu hell macht dunkel: auch giebt es moralische Blendlinge, die das Glück oder Unglück haben, da etwas flittern zu sehen, wo das gesunde Auge des Verstandes nichts wahrnimmt. Wie wär' es, wenn ich ohne Feldgeschrei und Sturmglocke, wie weiland Diogenes, laternisirte und mit einer Handleuchte in der schönen Welt, wo so viel Überfluss von tausend und abermal tausend Dingen für Geld oder für gute Worte zu haben ist — Menschen suchte? — Ob ich finden würde? — Einige Auflösungen sind mit Brausen verbunden; bei einigen entstehet eine Hitze, bei einigen eine Kälte. — Daß Ew. Excellenz sich nur ja nicht ereifern, vielmehr Hochdero Galle für Ihren ungetreuen Liebhaber Num. 30. besparen! — Eine Schwalbe macht keinen Sommer, und meine Laterne ist mit einem Hauch Ihres Eifers ausgeblasen. Wollten Ew. Excellenz in aller Zucht und Ehrbarkeit Sich in einen wohlgemeinten Wortwechsel mit mir einzulassen geruhen; Sie würden, wie ich nach der Liebe hoffe, Sich eines andern besinnen, und vielleicht überzeugt werden, daß ich weniger Vorwürfe verdiene, als alle Ihre Liebhaber bis auf den sub Num. 30., der es freilich außer der Weise macht, woran indeß ich und meine Schrift auch nicht auf die entferntste Weise Schuld sind — Bin ich gleich kein galanter, so bin ich doch ein treuer Verehrer eines Geschlechtes, unter welchem Sie und viele andere Ihres Gleichen so unrichtig Excellenz heißen, wogegen andere trefliche Weiber, welche diesen Ehrennamen zehnfach verdienen, aus Hof-Etiquette nicht so genannt werden.
Keinem anderen als einem Deutschen konnte wohl ein solches Buch einfallen!
Auch unter den Franzosen gab es Sonderlinge, die, wenn sie gleich freilich nicht mit der Thür ins Haus fielen, und an keine bürgerliche Verbesserung des schönen Geschlechtes dachten, ihm doch ein anderes Verhältniß anwiesen. Ich habe geglaubt, man müsse dem Übel die Wurzel nehmen und den Staat nicht aus dem Spiele lassen.
Frankreich, wo jetzt alles gleich ist, ließ unser Geschlecht unangetastet.
Unverzeihlich! wie konnte ein Volk, das (wie weiland Voltaire par et pour die Komödianten lebte) par et pour das schöne Geschlecht existirt, bei der weltgepriesenen allgemeinen Gleichheit ein Geschlecht vernachlässigen, das eine Königin hat, derengleichen es gewiß wenige in der Welt gab. —
Wenn ich nur selbst wüßte, wie ich mich hier ins Mittel legen könnte, um aus diesem excellenten Handel mit Ehren herauszukommen! — Wohlan! ich will den gegenwärtigen Weltlauf der Damen copiren, die in Einem Athem trotzen und bitten, fluchen und segnen — —