Eine
Reise nach Freiland.

Von
Theodor Hertzka.

Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Vorwort.

Zunächst das Geständnis, daß dieses Büchlein eine Tendenzschrift im schlimmsten Sinne des Wortes ist. Unter dem Deckmantel der Unterhaltung und Belehrung will sie den Leser nicht bloß für eine bestimmte Meinung, sondern geradezu für bestimmte Handlungen gewinnen, sie hat es nicht bloß auf seinen Geist und sein Herz, sondern auf seine Entschlüsse und seinen Geldbeutel abgesehen.

Wohl dürften die meisten — an diese Stelle angelangt — mit überlegenem Lächeln sich sagen, der allzu gewissenhafte Autor hätte diese Warnung sparen können; die Gemüter sowie die Geldbeutel seien heutzutage viel zu gut verwahrt, als daß es noch so aufdringlicher Tendenz leichthin gelingen könnte, sich ihrer zu bemächtigen. Wenn ich hinzufüge, daß das Unternehmen, zu welchem ich thatkräftige Mitwirkung durch diese Schrift gewinnen will, nicht mehr und nicht weniger ist, als die Schaffung eines Gemeinwesens der socialen Freiheit und Gerechtigkeit, d. i. eines solchen, welches jedermann den vollen und ganzen Ertrag der eigenen Arbeit bei unbedingter Wahrung seines freien Selbstbestimmungsrechtes gewährleisten soll, dann wird wahrscheinlich besagtes überlegene Lächeln eine leise Beimischung von Mitleid erhalten, und wenn ich vollends gestehe, daß dieses Eldorado in den Hochlanden Afrikas just unter dem Äquator geplant ist, so dürfte es wohl wenige geben, welche die Zumutung, sie könnten derart überspannte Phantasien ernsthaft nehmen, nicht als beleidigenden Zweifel in ihre Bildung, in ihren gesunden Menschenverstand, ja in ihre Zurechnungsfähigkeit auffassen würden. Der Autor möge nur ruhig sein, so höre ich sie ausrufen; Utopien dieser Art liest man — falls sie unterhaltend geschrieben sind — um sich über eine müßige Stunde hinwegzuhelfen, und damit holla!

Aber der verständige Leser irrt! Ich spreche aus Erfahrung! Dieses Büchlein ist nämlich nicht das erste, das ich zu gleichem Zwecke geschrieben. Vor vier Jahren veröffentlichte ich „Freiland, ein sociales Zukunftsbild“, von welchem er vielleicht dunkle Kunde bereits vernommen. Nun denn, die bisher erschienenen neun deutschen und zahlreichen fremdsprachlichen Auflagen dieses Werkes verlockten tausende und abertausende von Männern und Frauen aus allen Teilen der bewohnten Erde und aus allen Ständen, vom reichsunmittelbaren Fürsten bis zum einfachen Arbeiter zu dem Entschlusse, auszuführen, was in ihm geschildert ist; in achtundzwanzig Städten Europas und Amerikas haben sich Vereine zum Zwecke der freiländischen Propaganda gebildet, Gelder wurden zur Verfügung gestellt, eine Vereinszeitschrift[1] gegründet, an der ostafrikanischen Küste sind der Gesellschaft zur Anlage von Etappenstationen geeignete Ländereien geschenkt worden und alle Vorbereitungen zu praktischer Inangriffnahme des großen Werkes sind im Zuge.

Und die Erklärung dieses seltsamen Unterfangens, die Traumgebilde eines Buches zu verwirklichen? Sie liegt darin, daß dieses Traumgebilde den Stempel höchster innerer Wahrhaftigkeit trägt, daß es buchstäblich verwirklicht werden kann, sofern sich nur eine genügende Anzahl thatkräftiger, von Mitteln nicht allzusehr entblößter Menschen in diesem Entschlusse zusammenfindet und daß damit vollbracht wäre, was Jahrtausende hindurch den edelsten Geistern unseres Geschlechts als Ziel all ihres Denkens, Kämpfens und Leidens vorgeschwebt. Der Verfasser von „Freiland“ maßt sich nicht an, weiser, scharfsinniger oder mutiger zu sein als diese großen Vorfahren, indem er zur That machen will, was jene bloß ersehnten; aber er zeigt, daß und warum nunmehr möglich, ja notwendig geworden, was im bisherigen Verlaufe der menschlichen Entwickelungsgeschichte unmöglich gewesen. „Freiland“, so behauptet er, ist nichts anderes, als das Schlußkapitel jenes großen Erlösungswerkes, an welchem die Menschenfreunde aller Generationen mitgearbeitet.

Für diese erlösende That neue Helfer zu gewinnen, das ist die ausschließliche Absicht auch des vorliegenden Büchleins. Der Leser wird darin nach Freiland geführt, als ob es schon bestände, in der Erwartung, daß die Einrichtungen, die ihm dort vor das geistige Auge treten, den Entschluß in ihm erwecken, das Seinige zu möglichst rascher und großartiger Verwirklichung dieses Gemeinwesens der Freiheit und Gerechtigkeit beizutragen. In welcher Weise diese Verwirklichung vor sich gehen soll, oder vielleicht schon vor sich geht — denn möglicher-, ja wahrscheinlicherweise sind die ersten freiländischen Pioniere bereits unterwegs, wenn die „Reise nach Freiland“ die Presse verläßt —, muß in meinem oben erwähnten früheren Werke[2] nachgelesen werden; nur so viel sei hier nochmals versichert, daß der äußere Schauplatz wie die innere Begründung der im nachfolgenden geschilderten, überaus einfachen Begebenheiten in allen Stücken der nüchternsten Wahrheit entspricht. Die Alpenlandschaften des Kenia sind thatsächlich jenes irdische Paradies, als welches sie sich hier dargestellt finden, und die Menschen, die ich handelnd und redend auftreten lasse, sie handeln und reden zwar einstweilen nur in meiner Phantasie, aber alles, was sie thun und was sie sprechen, folgt den Gesetzen der nüchternsten Notwendigkeit. Freiland ist zur Stunde, wo ich dies schreibe, noch nicht gegründet; aber wenn es gegründet sein wird, kann in ihm nichts wesentlich anderes geschehen als was die „Reise nach Freiland“ ihren Lesern erzählt.

Und zum Schlusse noch eines.