Darnach hatten sich also die Beiden gleich bei ihrer ersten Begegnung verständigt und das Komplott in seinen Grundzügen angelegt, die näheren Vereinbarungen der Zeit nach meiner Abreise aus Europa vorbehaltend. Meine Schwester hatte in Miß Fox die Energie und die erforderlichen pekuniären Mittel zur Inscenierung einer gegen den Willen der Männer auf eigene Faust durchzusetzenden Expedition, Miß Fox dagegen in meiner Schwester die Gefährtin und ältere Beschützerin gefunden, ohne welche auch sie vor einem solchen Geniestreich zurückschreckte. Da insbesondere Miß Fox die Dispositionen unserer Reise ganz genau kannte, so ahmte sie dieselben dem Wesen nach im Kleinen nach; sie bestellte bei denselben Fabrikanten und Lieferanten, von denen wir unsere Vorräte, Tauschwaren und Reisegeräte bezogen, auch die ihrigen, entschied sich gleich uns für Tragtiere statt für Pagazis, wählte aber, um wenigstens in Einem Punkte originell zu sein, Elefanten statt der Pferde, Kamele oder Esel. Da es überall dort, wo wir hin wollten, wilde, wenn auch bisher niemals gezähmte Elefanten in Menge gebe, so mußten — das war ihr Kalkül, indische Elefanten auch überall im äquatorialen Afrika fortkommen. Ein Geschäftsfreund ihres verstorbenen Vaters in Kalkutta, hatte ihr vier Prachtexemplare dieser Dickhäuter verschafft, diese mitsamt acht erprobten indischen Führern und Wärtern nach Aden expediert, wo sie dieselben angetroffen und nach Zanzibar genommen. Hier wurden einige Wegführer und Dolmetscher geworben und um nicht etwa zu nahe an der Küste mit uns zusammenzutreffen, der Weg über Pangani genommen, auf welchem ihnen zwar die Neugier der Eingeborenen hie und da lästig geworden, im übrigen aber, insbesondere Dank der liebenswürdigen Fürsorge der in Pangani, Mkumbana, Membe und Taweta stationierten deutschen Agenten nicht der geringste Unfall zugestoßen sei. Ihre Suaheli-Leute hätten sie sofort nach ihrer Ankunft entlassen, mit den Elefanten und Indern gedächten sie sich uns anzuschließen — es sei denn, daß wir sie allein in Taweta zurücklassen wollten.
Was war unter so bewandten Umständen zu thun? Es verstand sich von selbst, daß die beiden Amazonen von da ab zu den Unsrigen gehörten und was mich anlangt, so müßte ich die Unwahrheit sagen, wollte ich behaupten, ich sei meiner Schwester oder Miß Fox ob ihrer Hartnäckigkeit gram geworden. Die ärgsten Gefahren konnten nach der Affaire mit den Massai in Duruma als beschworen gelten; die Beschwerden des Weges waren — wie ja der Erfolg zeigte — auch von Frauen recht gut zu überwinden; ich gab mich also der Freude des unverhofften Wiedersehens ungetrübt hin. Aber auch die anderen Mitglieder der Expedition waren — wie ich mit Genugthuung bemerkte — mit dem Zuwachse, der uns in Taweta geworden, durchaus einverstanden und so erhielten denn die Elefanten mitsamt ihrer schönen Last — denn nebenbei bemerkt ist auch meine Schwester trotz ihrer 38 Jahre noch immer ein schönes Weib — ihren Platz in der Karawane angewiesen.
Vor Taweta verabschiedeten sich unsere Massai-Freunde. Sie nahmen den Auftrag mit, ihren Landsleuten mitzuteilen, daß wir in 8-10 Tagen an den Grenzen von Leitok-i-tok eintreffen würden, daß es unsere Absicht sei, ganz Massai-Land zu durchreisen, um uns dort, wo es uns am besten gefallen würde, dauernd niederzulassen. Diese unsere Ansiedelung werde dem Stamme, in dessen Nachbarschaft wir Hütten bauen würden, zum größten Vorteil gereichen, denn wir würden ihn reich und unbesiegbar allen Feinden gegenüber machen. Uns aufzunehmen und Gebiete abzutreten würden wir Niemand zwingen, obwohl wir, wie sie bezeugen könnten, dazu genügende Macht besäßen und noch viele Tausende unserer weißen Brüder nur auf Nachricht von uns warteten, um uns nachzufolgen; den freien Durchzug aber würden wir, wenn er uns nicht friedlich gewährt werde, überall zu erkämpfen wissen. Schließlich banden wir unseren Blutbrüdern noch ans Herz, dafür zu sorgen, daß bei den Verhandlungen möglichst zahlreiche Stämme erscheinen, insbesondere diejenigen, welche längs des Weges nach dem Naiwascha-See — unserer Route an den Kenia — wohnen, und schieden unter beiderseitigen herzlich gemeinten Wünschen von einander. Als letztes Angedenken gaben wir den ganz zuthunlich gewordenen Kerlen eine Reihe in ihren Augen überaus kostbarer Geschenke für ihre Herzallerliebsten, die sogenannten „Dittos“ mit, als da sind, Messingdraht, messingene Armbänder und Ringe mit falschen Steinen, Handspiegel, auf Schnüre gereihte Glasperlen, Baumwollzeuge und Bänder. Der Tauschwert dieser Geschenke, obwohl sie uns in Europa insgesamt keine 200 Mark gekostet hatten, betrug nach Massai-Währung, wie wir uns später zu überzeugen Gelegenheit hatten, reichlich den von 100 fetten Ochsen, und die El Moran waren auch ganz sprachlos über unsere Freigebigkeit. Geradezu unschätzbar aber war in ihren Augen das Geschenk, mit welchem Johnston zum Schlusse herausrückte: ein Kavalleriesäbel mit eiserner Scheide und guter Solinger Klinge für jeden der sich verabschiedenden Helden. Um ihnen die Vortrefflichkeit dieser Waffe ad oculos zu demonstrieren, ließ Johnston durch einen in solchen Kunststücken bewanderten Belgier den mächtigsten der Massaispeere, dessen Klinge gut 12 Centimeter breit war, mit einem Hiebe durchhauen, und wies dann den zu Bildsäulen erstarrten Kriegern die völlig unversehrte Schwertklinge vor. „So schneiden unsere „Siemes,“ sagte er, wenn sie in gerechtem Kampfe gebraucht werden; hütet Euch aber, sie bei Raubzügen oder Mordthaten zu ziehen, sie würden Euch in der Hand zerspringen wie Glas und Unheil über Eure Köpfe bringen.“ Damit winkten wir ihnen nochmals freundlich zu und hatten sie bald aus den Augen verloren.
In Taweta weilten wir 5 Tage, um den Tieren nach den anstrengenden Märschen Ruhe zu gönnen und uns an den über alle Beschreibung entzückenden Reizen dieses an Lieblichkeit und tropischer Pracht sowohl als an Großartigkeit der Gebirgsformen alles bis dahin Gesehene weitaus übertreffenden Landes zu erlaben, und schließlich um unsere Ausrüstung mit Hilfe der hier und im benachbarten Moschi residierenden deutschen Agenten einigermaßen zu ergänzen. Diese Herren, wie nicht minder die freundlichen Eingeborenen, informierten uns bereitwilligst über jene Waren, nach denen augenblicklich im Massai-Lande besonderer Begehr herrsche und da sich ergab, daß wir von einer derzeit bei den Dittos modernen blauen Perlenart sehr wenig, von einer als haute Nouveauté geltenden Sorte Baumwolltücher vollends auch nicht einen Ballen besaßen, so kauften wir in Taweta mehrere Traglasten von diesen Kostbarkeiten.
Auf unseren Streifungen in Taweta sahen wir zum ersten Male den Kilima Ndscharo in seiner vollen überwältigenden Majestät. Nahe an 4000 Meter steil aus dem umliegenden Hochlande emporragend, trägt dieser zweizinkige, sich zu 5700 Metern über die Meeresfläche erhebende Riese auf seinem breiten, wuchtigen Rücken ein Schneefeld, mit dessen Wirkung sich nicht die Gletscher unserer europäischen Alpenriesen, ja in gewissem Sinne nicht einmal die der Anden und des Himalaja vergleichen lassen. Denn nirgend sonst auf unserer Erde bietet die Natur so unvermittelt nebeneinander den Kontrast der üppigsten, saftigsten Tropenwelt und der schauerlichen Öde zerrissenen Geklüftes und ewigen Eises, wie hier im äquatorialen Afrika. Die Flora und Fauna am Fuße des Himalaja z. B. ist zwar kaum minder herrlich, wie im Wald- und Quell-Lande von Taweta; aber während die schneebedeckten Gipfel des Central-Asiatischen Gebirgsstockes sich Hunderte von Kilometern entfernt vom Fuße desselben erheben und es daher dem Menschen nicht vergönnt ist, die Reize beider zugleich zu genießen und durch den Kontrast zu steigern, kann man hier, beschattet von einer wildwachsenden Banane oder Mangopalme mit einem guten Fernrohre die unergründlichen Schlünde der Gletscherspalten zählen, so zum Greifen nahe ist die Welt des ewigen Eises der des ewigen Sommers gerückt. Und welchen Sommers! Eines Sommers, der seine reichsten Schätze an Schönheit und Fruchtbarkeit gewährt, ohne unsere Nerven durch seinen Gluthauch zu erschlaffen. Man muß diese schattigen und doch lichten Wälder, diese allenthalben durch den blumenduftenden Boden hüpfenden krystallklaren Bäche gesehen, diese kühlenden Lüfte, die beinahe ununterbrochen von den nahen Eisfeldern herabwehen und sich unterwegs durch den Blumenatem der tiefer gelegenen Bergabhänge würzen, um seine Schläfen empfunden haben, um zu wissen, was Taweta ist.
An materiellen Genüssen greifbarer Art bietet dieses gesegnete Ländchen eine überreiche Fülle. Fette Rinder, Schafe und Ziegen, Hühner, köstliche Fische aus dem nahen Jipe-See und dem Lumi-Flusse, einige besonders delikate aus den rings vom Kilima-Ndscharo herabschäumenden kleineren Gebirgswässern, Wildpret in tausenderlei Varietäten, befriedigen selbst den unersättlichen Hunger nach Fleisch; das Pflanzenreich schüttet ein nicht minder reiches Füllhorn fast aller in den Tropen irgend gedeihenden Feldfrüchte, Gemüse und Obstarten aus. Dabei ist alles so wohlfeil, daß selbst der übermütigste Schlemmer nicht im Stande ist, mehr als wenige Pfennige täglich auszugeben — falls die liebenswürdigen, gastfreundlichen Wataweta überhaupt Zahlung annehmen, was z. B. uns gegenüber fast niemals der Fall war. Allerdings kam uns dabei der Ruhm unserer Heldenthaten gegen die Massai und insbesondere unsere Versicherung zu statten, daß wir auch Taweta von diesen bösen Gästen befreien würden, die bisher zwar noch bei jedem Angriffe von den uneinnehmbaren Waldfestungen des Kilima abgeschlagen worden waren, deren Nachbarschaft sich aber bisher doch sehr lästig erwiesen hatte. Auch war unsere Hand den Taweta-Männern und mehr noch den Weibern gegenüber stets offen. Europäische Geräte aller Art, Kleidungsstücke, primitive Schmucksachen, und hauptsächlich eine Auslese von Photographien und bemalten Münchener Bilderbogen gewannen uns die Herzen unserer schwarzen Gastfreunde, so daß, als wir am Morgen des 23. Mai endlich aufbrachen, wir ebenso ungern diesen herrlichen Waldwinkel verließen, als die Wataweta uns ungern scheiden sahen. Bis über die Grenze ihres Gebietes begleiteten uns diese guten, einfachen Menschen, und gar manches der keineswegs unschönen Tawetafräulein, das sein Herz an einen der weißen, oder wohl auch der Suaheli-Gäste verloren haben mochte, vergoß bittere Thränen und klagte sein Leid mit Vorliebe — unseren beiden Damen, die glücklicher Weise von diesen Ergüssen und Eröffnungen tawetanischer Mädchen-Seelen kein Wort verstanden. Prüderie ist im äquatorialen Afrika eine gänzlich unbekannte Sache und die Taweta-Schönen würden ebensowenig begriffen haben, daß irgend Jemand Übles darin finden könne, wenn man einem Gaste ohne weiteres sein Herz entgegenträgt, als ihre weißen Schwestern begriffen hätten, daß man derlei Dinge in aller Unschuld ausplaudern könne, ohne daß Freunde und Verwandte daran den geringsten Anstoß nähmen.
4. Kapitel.
Nach Massailand führen von Taweta zwei Wege, der eine westlich vorbei am Kilima durch das Gebiet der Wakwafi; der andere am Ostabhange des Gebirgsstockes durch die verschiedenen Tribus der Wadjagga.
Das Land ist fruchtbar und schön auf beiden Seiten; wir wählten aber die letztere Route, weil die Wakwafi eben im Kriege waren mit den Massai und wir uns in keine überflüssigen Händel mengen wollten, auch ganz im allgemeinen der Verkehr mit den friedfertigen und schüchternen Wadjagga dem mit den rauflustigen Wakwafi vorzuziehen ist. In kleinen Tagemärschen zogen wir vorbei an dem wildromantischen, von düsteren, senkrecht abfallenden Felsen eingefaßten Dschallasee, durch die waldigen Bergabhänge von Rombo und durch die Hochebenen von Useri, übersetzten dabei drei nicht unansehnliche, wasserreiche Bäche, die vereint den Tsabofluß bilden, und zahllose Quellen, die allenthalben vom Kilima herunterrieselnd, die parkartigen Wiesen und die wohlangebauten Felder der Eingeborenen bewässern. Überall tauschten wir reiche Geschenke und schlossen Freundschaftsbündnisse. Nebenbei wurde auch der Jagd gepflegt, die Antilopen, Zebras, Giraffen und Rhinoceros in großer Menge ergab.
Am 28. Mai trafen wir an der Grenze von Leitok-i-tok, dem südöstlichen Grenzdistrikt von Massailand ein. Als wir den Rongeibach überschritten, stieß unser Freund Mdango in Begleitung zahlreicher seiner Krieger zu uns. Sein Bericht war befriedigend. Die ihm aufgetragene Botschaft hatte er nicht bloß den Alten und den Kriegern des eigenen Stammes, sondern allen Stämmen von Leitok-i-tok bis an die Grenzen von Kapte übermittelt und sie zu einem großen Schauri am Minjenjeberge — einen halben Tagmarsch von der Grenze gegen Useri — eingeladen. Sie waren zahlreich erschienen, El-Morun und El-Moran, d. i. verheiratete Männer und Krieger, letztere in einer Gesamtstärke von über 3000 Mann, und vorgestern hatten sie vom Morgen bis Abend verhandelt. Das Ergebnis war der einstimmige Beschluß, uns ein Freundschaftsbündnis anzutragen.