In der gleichen Zeit vollbrachte Johnston den Einkauf des zum Transporte erforderlichen Zugviehes und die Organisation des Verpflegwesens der Karawane. Seine Massai-Freunde verschafften ihm binnen wenigen Wochen die ursprünglich bestellten 5000 Rinder, aus denen schließlich, da die Zahl der zu transportierenden Mitglieder sich in jeder neuen, vom Ausschusse der freien Gesellschaft anlangenden Depesche größer und größer angegeben fand, nicht weniger als 9000 wurden. Ein Rind stellte sich auf durchschnittlich etwas über 8 Schill. (Mark), wobei jedoch reichlich die Hälfte auf die Nebenspesen entfiel; der nackte Einkaufspreis betrug im Durchschnitt nicht einmal ganze 4 Schilling per Stück.
Den Transportdienst organisierte Johnston in der Weise, daß von Mombas täglich 25 Wagen abgehen und unterwegs auf jeder der 65 Stationen frische Zugochsen finden sollten. In Edenthal angelangt, hatten dann die Wagen wieder umzukehren, um von den Ochsengespannen Etappe um Etappe zurückbefördert zu werden. Im Sinne dieser ebenso einfachen als praktischen Anordnung durchliefen also alle Wagen einen ununterbrochenen Kreislauf von Mombas nach dem Kenia und von dort wieder nach Mombas, während die Zugochsen in gleichen Abteilungen immer bloß zwischen je zwei benachbarten Stationen hin und her wanderten. Es konnten solcher Art täglich 250 Personen befördert werden, und um die sämtlichen, vom Ausschusse signalisierten 20000 Mitglieder aufzunehmen, waren 80 Tage erforderlich, es sei denn, daß ein Teil derselben den Weg zu Pferde zurücklegte.
Die in England, Amerika und Deutschland konstruierten Wagen trafen rechtzeitig in Mombas ein. Sie waren in jeder Beziehung Musterbilder sinnreicher Konstruktion, solid und im Verhältnis zu ihrer Größe doch leicht gebaut, eine Menge von Bequemlichkeiten bietend und doch einfach. 10 Personen fanden in jedem derselben bei Tag gute Sitzplätze, bei Nacht ein erträgliches Lager. Eine höchst einfache Vorrichtung ermöglichte eine derartige Veränderung in der Anordnung der Sitze, daß unter denselben für 6, auf denselben für 4 andere Personen genügender Raum zum Liegen gewonnen wurde. Solide Federn milderten die Stöße des Gefährtes, ein bewegliches Lederdach bot im Bedarfsfalle Deckung gegen Regen wie Sonnenbrand, und die — des Nachts zur Lagerstätte dienenden — Matratzen waren tagsüber derart unterhalb des Lederdaches angeschnallt, daß dieses doppelten Schutz gegen die Sonnenhitze gewährte. Auch für die Unterbringung des Gepäcks war in sehr praktischer Weise gesorgt.
Am 30. September langte das erste Schiff mit 900 Mitgliedern an — und zwar war dasselbe gleich allen folgenden Eigentum der Gesellschaft. In der Voraussicht, daß der Zuzug von Einwanderern sobald nicht aufhören, ja wahrscheinlich stetig zunehmen werde, und von der Absicht geleitet, diese Einwanderung soweit nur irgend möglich in eigener Hand zu behalten, hatte sie 12 große, schnellfahrende Dampfer von durchschnittlich 3500 Tonnen Tragkraft angekauft und ihren Zwecken entsprechend umgestalten lassen. Klassenunterschiede gab es auf den Schiffen der Gesellschaft nicht; es wurde von Niemand Bezahlung genommen, weder für den Transport noch für die Verpflegung auf der ganzen Reise, dafür mußte sich auch Jedermann mit dem gleichen, allerdings nicht geringen, Ausmaße von Komfort begnügen. Auf Deck waren große Speise- und Gesellschaftsräume, unter Deck zwar kleine, aber für jede Familie gesonderte, bequem ausgestattete und durchweg ausgezeichnet ventilierte Schlafkabinen. Die Aufnahme geschah in der Reihenfolge der Beitrittserklärungen zur Gesellschaft; die älteren Mitglieder hatten die Priorität. Natürlich blieb es jedermann freigestellt, die Seereise auch auf fremden Schiffen zu machen, ohne dadurch in Mombas seines Platzes in der Reihe der zu Befördernden verlustig zu werden.
In Mombas angelangt, stand es Jedermann frei, die Weiterreise zu Pferd oder zu Wagen zu wählen. Die Reiter ihrerseits konnten entweder die Wagenkarawanen begleiten oder in beliebig eingeteilten Märschen voraneilen; nur der jeweilige Vorrat an Pferden zum Wechseln in den 65 Stationen mußte beachtet werden; doch war thunlichst dafür gesorgt, daß der erforderliche Pferdebestand nirgends ausging. Die Fahrenden hatten gleichfalls die Wahl, ob sie ununterbrochen Tag und Nacht, bloß mit den zum Wechseln der Gespanne nötigen Pausen, oder bedächtiger, unter Einhaltung beliebig ausgedehnter Mittags- oder Nachtstationen sich fortbewegen wollten. Ersterenfalls konnten sie bei günstigem Wetter in 14 Tagen, ja sogar rascher in Edenthal anlangen, letzterenfalls waren dazu 20 Tage und darüber erforderlich.
Alle getroffenen Anordnungen bewähren sich aufs vollständigste. Nirgends gab es Aufenthalt, die Verpflegung ließ nichts zu wünschen übrig; eine Massaieskorte, die Johnston in der Stärke von 10 Mann für jede Station organisiert hatte, sorgte während der Nachtreisen für Sicherheit gegen wilde Tiere, hatte überhaupt als Beistand in etwaigen Verlegenheiten zu dienen, und 4 aus der Mitte der Unseren entsendete Kommissare mit dem Sitze in Teita, Tawete, Miveruni und Ngongo überwachten das Ganze. Die Eingeborenen kamen den ersten Wagenzügen mit staunendem Jubel, Allen aber mit größter Freundlichkeit und Dienstbeflissenheit entgegen. Insbesondere die Wataweta, der Sultan von Useri und die Massaistämme ließen es sich nicht nehmen, unsere Reisenden mit den Beweisen ihrer Verehrung und Liebe für die „am großen Berge angesiedelten“ weißen Brüder zu überhäufen.
Die ersten neuen Ankömmlinge — unter ihnen unser geliebter Meister — trafen am 14. Oktober in Edenthal ein; ihnen folgten in ununterbrochener Reihe stets neue und neue Scharen. Doch bevor über die damit anhebende neue Ära der Geschichte unseres Unternehmens berichtet wird, mag noch kurz erzählt werden, was in der letzten Zeit am Kenia geschah.
Zunächst ist zu erwähnen, daß noch im Monat August eine zahlreiche Gesandtschaft von Massaistämmen aus Leikipia — das ist das Land nordwestlich von Kenia — und aus den Distrikten nördlich vom Naiwascha- bis zum Baringosee in Edenthal eingetroffen war, uns Gruß und Freundschaft entbietend und die Bitte an uns richtend, sie in den mit den anderen Massai abgeschlossenen Bundesvertrag mit aufzunehmen. Die Gewährung dieser sehr beweglich und nicht ohne einige Empfindlichkeit vorgetragenen Bitte legte uns nun allerdings erhebliche neue Lasten auf; trotzdem besann ich mich keinen Augenblick, dieselbe zu gewähren und alle Mitglieder stimmten mir einhellig zu. Denn mit dem Opfer von einigen tausend Pfd. Sterling jährlich war die vollständige Pacifizierung des streitbarsten und zweifellos tüchtigsten unter allen Volksstämmen der ganzen Äquatorialzone wahrlich nicht zu teuer erkauft. Wir hatten nunmehr genügende Sicherheit, allmählich wachsende Kultur in diesen bisher von unaufhörlichen Fehden und Raubzügen heimgesuchten Gegenden einziehen zu sehen, stets brauchbarere Genossen unseres großen Werkes in den schwarzen und braunen Eingeborenen zu erziehen, und indem wir sie lehrten, Wohlstand und Überfluß für sich selber zu erzeugen, die Quellen unseres eigenen Wohlstandes zu vermehren. Ich hielt also den braunen Recken eine sehr schmeichelhafte Lobrede, erklärte mich gerührt über die an den Tag gelegte gute Gesinnung und versprach behufs Ausfertigung des Vertrages, wie nicht minder, um sie zu ehren, demnächst eine Gesandtschaft an sie zu senden. Reich beschenkt wurden die, übrigens auch ihrerseits nicht mit leeren Händen erschienenen Massai — sie hatten 100 erlesene Rinder und 200 fettschwänzige Schafe als Ehrengabe mitgebracht — entlassen. Johnston, den ich sofort von dem Vorgefallenen verständigte, übernahm die Ausführung des gegebenen Versprechens. Daß er sich zu diesem Behufe aus den Waren der im September am Kenia angelangten Expedition, auf die er in Miveruni gestoßen, reichlich mit Hülfsmitteln versorgte, habe ich schon berichtet; als seine Aufgabe an der Etappenstraße erfüllt war, zog er — zu Anfang des Monats Oktober — an den Naiwaschasee, von da weiter durch die mächtige, meist überaus fruchtbare Hochebene von 1800 Meter Seehöhe, die, eingerahmt von 1000-2000 Meter höheren Randbergen, die Hochseen von Massailand enthält, nämlich außer dem Naiwascha-, dem wunderbaren Elmetaita- und dem Salzsee von Nakuro noch eine Reihe kleinerer Becken, und erreichte am 20. Oktober den etwa 200 Quadratkilometer deckenden, in einer bloß 980 Meter hohen Bodensenkung gelegenen Baringosee, an der Nordgrenze von Massailand. Von da westlich wieder aufwärts steigend durchzog er, vorbei an den gewaltigen Thomsonfällen, das wald- und wasserreiche Leikipia und traf in der zweiten Novemberwoche bei uns am Kenia ein, nachdem er mit allen unterwegs wohnenden Massaistämmen, wie nicht minder mit den „Ndemps“ am Baringosee, Bündnisverträge geschlossen hatte.
In zweiter Linie ist von den erfolgreichen Zähmungsversuchen zu berichten, die auf Anregung unserer beiden Damen mit mehreren der am Kenia heimischen Tierarten angestellt wurden. Die Idee hiezu ging ursprünglich von Miß Fox aus, der dabei in erster Reihe bloß die Absicht vorschwebte, den Frauen und Kindern der neuen Ankömmlinge Freude zu bereiten. Für diese Idee gewann sie meine Schwester, eine große Tierfreundin, und so warben denn die Beiden einige Andorobo und Wakikuja zunächst dafür, Affen und Papageien zu fangen, deren es im Edenthal und Umgebung einige sehr reizende Arten gab. Als die Zähmungsversuche mit diesen Tierchen über Erwarten rasch und gut gelangen, so daß schon nach Verlauf weniger Wochen die ihrer Haft entlassenen Gefangenen den Herrinnen freiwillig nachsprangen und nachflatterten, wuchs Beider Ehrgeiz und die Andorobo erhielten den Auftrag, einige Exemplare einer besonders niedlichen Antilopenart einzufangen, die unsere Naturforscher als eine Abart der hauptsächlich in Westafrika vorkommenden Schopfantilope (Cephalophus rufilatus) bestimmten. Auch dieser Versuch war von Erfolg begleitet; zwar die alten Tiere erwiesen sich so scheu und ungeberdig, daß man sie schließlich laufen ließ; aber mehrere Junge gewöhnten sich überraschend schnell an ihre Wärterinnen und liefen denselben nach, wie die Hündchen. Diese Antilopengattung wird nicht größer, als etwa ein mittelgroßes Schaf, insbesondere die jungen Tiere nehmen sich mit ihren rötlichen Schöpfen überaus putzig aus und geberden sich in allen Stücken wie übermütige Zicklein. Miß Ellen und meine Schwester hatten bald eine ganze Menagerie von Antilopen, Äffchen, Papageien um sich versammelt, die zu Nutz und Frommen der erwarteten Kinderwelt zu allerlei Kunststücken dressiert wurden.
So standen die Dinge, als einer der indischen Elefantenwärter, die Miß Ellen mit an den Kenia genommen hatte und die nicht daran dachten, jemals wieder in ihre Heimat zurückzukehren, seiner „Herrin“ gegenüber — denn die Inder konnten sich noch nicht daran gewöhnen, sich als vollkommen unabhängige Männer zu fühlen — die Frage wagte, ob sie nicht auch ein Elefanten-Baby als Schoßtierchen wünsche? Als diese bejaht wurde, machte er sich anheischig, eines oder mehrere zu fangen, falls ihm erlaubt werde, mit den vier Elefanten und ihren Führern für einige Tage in die Wälder zu ziehen. Da Miß Ellen ihre Elefanten zum Baudienste hergegeben hatte, wo die intelligenten Kolosse von geradezu unschätzbarem Nutzen waren, und eines Spielzeugs halber die Arbeit nicht stören mochte, sagte sie dies dem Inder und erklärte, auf die Erfüllung ihres Wunsches verzichten oder wenigstens so lange damit warten zu wollen, bis man die Elefanten bei der Arbeit leichter entbehren könne. Der Inder ging; aber die Idee, daß seine geliebte Herrin sich etwas versagen sollte, was ihr — das hatte er sofort bemerkt — großes Vergnügen bereitet hätte, rüttelte ihn aus seiner gewohnten fatalistischen Indolenz auf; er grübelte über die Sache zwei Tage lang und erschien am dritten mit dem Vorschlage, die Zeitversäumnis der vier Elefanten dadurch gut zu machen, daß er und die anderen Kornaks nebst dem Elefanten-Jungen auch einige Elefanten-Alte fangen und zur Arbeit dressieren wollten. „Aber afrikanische Elefanten lassen sich nicht dressieren, gleich den indischen“, wandte Miß Ellen ein. Der Inder erlaubte sich, das zu bezweifeln, und seine 7 Kollegen waren sämtlich der gleichen Meinung. Elefant sei Elefant; sie möchten das Rüsseltier sehen, das sie nicht binnen wenigen Wochen kirre bekämen, wenn es erst einmal in ihrer Gewalt wäre. „Wenn dem wirklich so ist, warum habt Ihr das früher nicht gesagt, da Ihr doch sehen mußtet, wie gut man hier Elefanten gebrauchen kann?“ forschte die Amerikanerin weiter, erhielt jedoch darauf bloß ein lakonisches „Weil Du uns nicht gefragt hast“ zur Antwort.