7. Kapitel.
Die Kolonisten auf Edenthal betrachteten mich, den Bevollmächtigten der Gesellschaft, der unseren Zug an den Kenia veranstaltet und die Mittel zu demselben beschafft hatte, als ihren Vorgesetzten im gemeingebräuchlichen Sinne des Wortes: ich hätte befehlen können und es wäre gehorcht worden. Anderseits aber handelte ich nicht bloß meinen eigenen Neigungen, sondern den offenbaren Intentionen des Ausschusses gemäß, wenn ich mich dem Wesen nach als den Vorsitzenden einer Versammlung frei über sich selber verfügender Männer benahm. Wo immer möglich, befragte ich vor meinen Anordnungen die Genossen, fügte mich der Meinung der Mehrheit und traf selbständige Verfügungen bloß in dringenden Fällen oder wenn es sich um Zuweisung von Aufträgen an Abwesende handelte. Sonst geschah die Zuteilung der verschiedenen Arbeiten an verschiedene Gruppen stets im Einverständnisse mit allen betreffenden Mitgliedern, die Vorsteher dieser Arbeitszweige wurden von ihren speziellen Genossen selber gewählt, und wenn dabei auch in allen wesentlichen Fragen stets meiner und meiner engeren Vertrauten Ansichten und Vorschläge zur Ausführung gelangten, (so daß — wenn im Bisherigen zumeist der Kürze halber gesagt wurde: „ich ordnete an, ich designierte“ — damit dem Wesen nach die Wahrheit erzählt wurde) so geschah dies doch nur aus dem Grunde, weil diese meine Vertrauten eben die geistigen Spitzen der Kolonie waren und die anderen sich diesen freiwillig unterordneten. Dabei wußten wir alle, daß dies keine auf Dauer berechnete Organisation sei. Niemand arbeitete einstweilen für sich, alles was wir erzeugten, gehörte nicht dem Erzeuger, auch nicht der Gesamtheit von uns Erzeugern, sondern dem Unternehmen, aus dessen Mitteln wir hinwieder allesamt zehrten. Mit einem Worte, die „freie Gesellschaft“, die wir gründen wollten, war noch nicht gegründet, sie befand sich noch unterwegs und inzwischen waren wir ihr gegenüber nichts anderes, als Angestellte nach altem Recht, die sich von gewöhnlichen Lohnarbeitern bloß dadurch unterschieden, daß ihnen selber überlassen war, was sie zu ihrem Unterhalte vorweg nehmen und was sie als „Unternehmergewinn“ für die Auftraggeberin zurücklegen mochten. Hätte mich böser Wille einzelner Genossen dazu genötigt, so war ich nicht bloß im Rechte, sondern auch entschlossen, den „Bevollmächtigten“ hervorzukehren; daß ich es vermeiden konnte, trug nicht wenig dazu bei, das Behagen, das uns alle erfüllte, zu steigern und war auch insofern von großem Werte, als dadurch der Übergang zu den späteren endgültigen Organisationsformen wesentlich erleichtert wurde, ändert aber nichts an dem Sachverhalt, daß unser Leben und Wirken unterwegs wie am Kenia sich noch innerhalb der sozialen Formen der alten Welt bewegte.
Die Arbeitszeit war in Edenthal einstweilen für jedermann — ob Arbeitsvorsteher oder simpler Arbeiter, Weißer oder Neger — die gleiche, von 5 bis 10 Uhr vormittags und von 4 bis 6 Uhr nachmittags; nur in der Erntezeit waren ein bis zwei Stunden zugegeben worden. Am Sonntag ruhte ebenso gleichmäßig alle Arbeit.
Die Tagesordnung war die folgende: Gegen 4 Uhr wurde aufgestanden, im Edensee — es waren zu diesem Behufe mehrere Badehütten errichtet — ein Bad genommen und hierauf Toilette gemacht. Das Reinigen und etwa notwendige Ausbessern der Kleider besorgte unter Anleitung eines in solchen Künsten bewanderten Mitgliedes eine Gruppe von Suaheli, welcher diese Arbeit als alleinige Verrichtung zugewiesen worden war. Da wir Kleidungsstücke zum Wechseln besaßen, so wurden des Morgens immer die während des gestrigen Tages gereinigten gebracht, dafür die gestern gebrauchten abgeholt, um im Laufe des Tages für den morgigen Gebrauch in Stand gesetzt zu werden. Hierauf kam das Frühstück, gleich allen Mahlzeiten wieder das Werk einer damit betrauten anderen Schar von Suahelis — um deren Einweihung in mehrfache Geheimnisse französischer Kochkunst sich meine Schwester große Verdienste erworben hatte. Dieses erste Frühstück bestand je nach dem Geschmacke eines Jeden aus Thee, Schokolade, schwarzem oder mit Milch gemengtem Kaffee, Milch oder irgend einer Suppe; dazu ebenso nach Wahl Butter, Käse, Honig, Eier, kalter Braten nebst Brot oder anderem Gebäck. Nach diesem ersten Frühstück wurde bis 8 Uhr gearbeitet, um welche Zeit ein zweites Frühstück kam, bestehend aus irgend einer substantiellen warmen Speise — Omelette, Fisch oder Braten mit Brot, etwas Käse und Früchten, dazu als Getränk entweder das köstliche Quellwasser unserer Berge, oder der sehr erfrischende, wohlschmeckende Bananenwein, den die Eingeborenen zu bereiten verstehen. Nach diesem Frühstück, welches in der Regel 15 bis 20 Minuten in Anspruch nahm, wurde bis 10 Uhr weiter gearbeitet, worauf die große Mittagspause folgte. Diese wurde, insbesondere in den heißeren Monaten, von den Meisten zunächst zu einem zweiten Bade im See benutzt, welchem irgendeine häusliche Zerstreuung, Lektüre, Konversation oder Spiel folgte. Die Hitze war um diese Zeit in der Regel groß; während der heißen Monate stieg das Thermometer häufig auf 35 Grad Celsius im Schatten. Zwar verhüteten kühle Brisen, die bei schönem Wetter regelmäßig zwischen 11 Uhr vormittags und 5 Uhr nachmittags vom Kenia her wehten und zwar desto stärker, je heißer der Tag sich anließ, daß der Aufenthalt im Freien jemals unerträglich wurde; aber am angenehmsten und zuträglichsten war während der Mittagsstunden jedenfalls das Verweilen in gedeckten Räumen. Um 1 Uhr wurde die Hauptmahlzeit gehalten, bestehend aus Suppe, einem Fleisch- oder Fischgericht mit Gemüsen, süßem Backwerk und Früchten der mannigfachsten Art, dazu abermals Bananenwein oder, nachdem unsere Brauerei zu arbeiten angefangen hatte, Bier. Nach dem Speisen wurde von Einzelnen ein halbes Stündchen geschlafen, hierauf gab es wieder Konversation, Lektüre, Spiel, worauf, nachdem die ärgste Hitze vorüber war, die zweistündige Nachmittagsarbeit erledigt ward. Dieser ließen Einzelne ein drittes kurzes Bad folgen. Um 7 Uhr nahm man wieder eine dem ersten Frühstück ähnliche Mahlzeit, sofern es nicht regnete, im Freien und zu größeren Gesellschaften vereinigt. Zu bemerken ist dabei, daß hinsichtlich aller Mahlzeiten, wie überhaupt aller Genußmittel als Regel galt, daß Jedermann wählen konnte, was und soviel ihm beliebte. Nur bezüglich der geistigen Getränke hielten wir es anders — aus leicht begreiflichen Gründen. Späterhin, wenn Jedermann auf eigenen Füßen stand, mochte er es auch mit diesen halten, wie ihm beliebte; solange wir von Gesellschaftswegen verpflegt wurden, mußten wir schon mit Rücksicht auf unsere Neger Beschränkung üben.
Des Abends wurde meist Musik gemacht. Wir hatten einige sehr tüchtige Musiker, ein ganz artiges, 45 Mann zählendes Orchester von Blas- und Streichinstrumenten und einen vortrefflichen Chor, die sich, so oft es das Wetter erlaubte, hören ließen. Zwei oder drei Stunden nach Sonnenuntergang pflegte es kühl zu werden; in wenigen Nächten behauptete sich das Thermometer über 22 Grad, sank aber bisweilen bis auf 15 Grad Celsius, so daß die Nachtruhe stets erquickend war.
An den Sonntagen gab es mannigfaltige Veranstaltungen zu Zwecken der Belustigung sowohl als der Belehrung: Ausflüge in die benachbarten Wälder, Jagden, Konzerte, Vorlesungen, Vorträge.
Die von uns bewohnten Blockhäuser waren eigentlich dazu bestimmt, je einer Familie als zukünftiges, wenn auch bloß provisorisches Heim zu dienen. Ein jedes lag inmitten eines tausend Quadratmeter umfassenden Gärtchens und deckte mit seinen 6 Räumen: Vorzimmer, Küche und 4 Stuben, selber ein Areal von 150 Quadratmetern. Jedes solcher Häuschen nun wurde einstweilen von Vieren der Unseren besetzt; den beiden Frauen mit Sakemba, die inzwischen den Besuch ihrer Eltern und Geschwister erhalten und diese bewogen hatten, ihre Grashütten gleichfalls in Edenthal aufzuschlagen, war selbstverständlich auch ein besonderes Häuschen eingeräumt.
Letztere Anordnung aber gefiel meiner Schwester ganz und gar nicht. Während der Reise hatte sie sich notgedrungen darein gefunden, getrennt von mir, dem ihr von unserer verewigten Mutter ans Herz gelegten Pfleglinge, zu kampieren; in Edenthal angelangt, gedachte sie jedoch ihre alten Vormundschaftsrechte und -Pflichten wieder zu beanspruchen, sah sich aber durch die Rücksicht auf einen zweiten Schützling, der inzwischen auch zu einem Liebling geworden war, durch die auf Ellen Fox nämlich, in der Ausführung ihrer Vorsätze gehindert. Sie konnte doch unmöglich dies junge Mädchen inmitten so vieler Männer allein lassen; ebenso wenig aber konnte sie uns beide — obwohl wir in ihren Augen die reinen Kinder waren — Thür an Thür im selben Häuschen unterbringen. Was hätten ihre Freunde und Freundinnen in Paris dazu gesagt! Zwar brachte ich all meine freie Zeit bei den Frauen zu, wo mich, ohne daß ich es bemerkte, die aus geistreichen theoretischen Kontroversen und unbefangenem Geplauder eigentümlich gemengte Konversation der jungen Amerikanerin nicht minder als ihr Harfenspiel und ihre glockenhelle Altstimme, stets mehr und mehr fesselten; aber das genügte Schwester Klara nicht und sie geriet schließlich auf den Gedanken, uns zu verheiraten. Schon wegen unserer gemeinsamen „Narrheit“ — unserer sozialen Ideen nämlich — paßten wir ganz gut zu einander, und wenn auch — ihrer Meinung nach — außer Zweifel stand, daß in dieser Ehe gesunder, hausbackener Menschenverstand gänzlich fehlen würde, so war ja sie dazu da, für die beiden Kindsköpfe zu sorgen und zu handeln.
Nachdem sie diesen Vorsatz einmal gefaßt, legte sie sich als vorsichtige, diskrete Person, die ganz richtig voraussah, daß in diesem Punkte weder bei mir, noch bei Miß Ellen auf unbedingten Gehorsam zu rechnen wäre, zunächst aufs Beobachten, und dabei machte sie denn ungeachtet ihrer in Sachen der Liebe höchst mangelhaften eigenen Erfahrungen, ausgerüstet bloß mit dem keinem Weibe fehlenden instinktiven Feingefühle, die überraschende Entdeckung — daß wir beiden bereits bis über die Ohren ineinander verliebt seien. Anfangs war sie über diese Wahrnehmung so erstaunt, daß sie ihren Augen keinen Glauben schenken wollte. Aber die Sache war zu klar, als daß eine Täuschung möglich gewesen wäre. Wir beiden Liebenden ahnten zwar selber nicht im entferntesten, wie es um uns stand; aber wer Miß Fox so genau kannte, wie dies bei meiner Schwester nach mehrmonatlichem ununterbrochenen Zusammenleben mit der offenherzigen und freimütigen Amerikanerin selbstverständlich war, der konnte sich nicht darüber täuschen, was es zu bedeuten habe, wenn ein Mädchen, das bisher nur seinen Idealen: Freiheit und Gerechtigkeit, gelebt, deren Abgott die Menschheit gewesen und das keinem Manne gegenüber anderes Interesse gezeigt, als dasjenige für die Ideen, denen er diente — wenn dieses selbe Mädchen in Aufregung geriet, so oft es eines gewissen Mannes Schritte hörte, und im vertrauten Umgange mit meiner Schwester statt von der Herrlichkeit unserer Prinzipien mit Vorliebe von den Vorzügen dessen sprach, der hier in Edenthal der erste Diener dieser Prinzipien war. Und was meine Gefühle anlangt, so wußte Schwester Klara allzu genau, daß mir am Weibe bisher dessen Stellung in der menschlichen Gesellschaft das einzig Interessante gewesen, als daß es ihr nicht wie Schuppen von den Augen hätte fallen sollen, als ich sie kürzlich, nachdem ich Miß Fox, die eben abseits mit etwas beschäftigt war, lange und andächtig betrachtet hatte, mit den Worten apostrophierte: „Ist nicht jede Bewegung dieses Mädchens Musik?“
Sie nahm uns daher beide einzeln beiseite und erklärte, daß wir uns heiraten müßten. Aber da kam sie hier und dort schlecht an. Miß Ellen wurde zwar auf diesen Antrag hin abwechselnd purpurrot und leichenblaß, erklärte aber sofort, lieber sterben zu wollen, als mich zu heiraten. „Würden diese übermütigen Männer, die uns Frauen allen Sinn für das Ideale, jede Fähigkeit rein sachlichen Strebens absprechen und als Sklavinnen unserer egoistischen Triebe betrachten, nicht triumphierend behaupten, daß meine vorgebliche Begeisterung für unser soziales Unternehmen nichts anderes gewesen, als Leidenschaft für einen Mann, daß ich nicht um einer Idee, sondern um dieses Mannes willen nach Afrika bis an den Äquator gelaufen? Nein, — ich liebe Deinen Bruder nicht — ich werde überhaupt niemals lieben und noch weniger heiraten!“ Dieser heroischen Apostrophe folgte zwar ein Strom von Thränen, die jedoch — als Schwester Klara sie zu meinen Gunsten auslegen wollte — für Zeugen der Empörung ob des kränkenden Verdachtes ausgegeben wurden. Nicht viel anders machte ich es; als Klara mir auf den Kopf zusagte, ich sei in Miß Fox verliebt, lachte ich sie aus und erklärte die mir vorgehaltenen Symptome meiner Leidenschaft als bloße Zeichen psychologischen Interesses an einem weiblichen Geschöpfe, welches echter Begeisterung für abstrakte Ideen fähig sei.