Und nicht bloß auf dem afrikanischen Kontinente, sondern auch in den anderen Weltteilen häuften sich die einer Erledigung dringend bedürftigen „Fragen“ zwischen uns und unterschiedlichen Regierungen. Wir mengten uns zwar grundsätzlich nicht in die politischen Angelegenheiten des Auslandes, aber für unser Recht und unsere Pflicht hielten wir es, aus der Fülle unseres Reichtums und unserer Macht unseren notleidenden Brüdern, in welchem Teile der bewohnten Erde immer, beizuspringen. Freiländisches Geld war überall zur Hand, wo es galt, irgend welche Not zu lindern, den Enterbten und Elenden in welchem Winkel der Erde immer gegen Ausbeutung Hülfe zu bringen. Unsere Anmeldebureaux und Schiffe standen jedermann zur unentgeltlichen Verfügung bereit, der sich aus dem Jammer der alten Weltordnung zu uns herüberretten wollte, und wir ließen es an Bemühungen nicht fehlen, die Segnungen unserer Einrichtungen unseren leidenden Mitbrüdern in stets ausgedehnterem Maße zugänglich zu machen. Das alles betrachteten wir, wie gesagt, als unsere Pflicht und unser Recht zugleich; wir waren daher nicht gesonnen, uns in der Ausübung dieser Mission durch den Einspruch ausländischer Machthaber beirren zu lassen. Damit aber gerieten wir — auf die Dauer ließ sich das unmöglich verkennen — mehr und mehr in Kollision mit den Anschauungen einzelner europäischer und asiatischer Regierungen. Zwar im demokratischen Westen Europas, in Amerika und Australien sprach die öffentliche Meinung zu mächtig zu unseren Gunsten, als daß von dorther irgendwelcher — und sei es auch bloß passiver — Widerstand unseren Bestrebungen gegenüber zu besorgen gewesen wäre; anders aber verhielt es sich in einzelnen Staaten des Ostens, und insbesondere seitdem unsere Mittel und mit diesen unsere propagandistische Thätigkeit die kolossalen Dimensionen der letzten Jahre erreicht hatten und eine stetige Zunahme voraussehen ließen, begann man sich hie und da ganz ernstlich mit der Frage zu beschäftigen, ob und durch Anwendung welcher Mittel es thunlich wäre, freiländischem Gelde und freiländischem Einflusse die Wege zu verlegen. Zwar scheuten einstweilen jene Regierungen noch den offenen Bruch mit uns, teils aus Rücksicht auf die auch bei ihnen sich geltend machende öffentliche Meinung, teils aus Respekt vor den gewaltigen finanziellen Hülfsmitteln, über welche wir verfügten. Man wollte uns nicht gerne zu erklärten Feinden haben, aber man wollte freiländische Geldsendungen und deren Zwecke kontrollieren und die Auswanderung nach Freiland einschränken.

Wir waren nun durchaus nicht gewillt, derartigen Bestrebungen mit verschränkten Armen zuzusehen; das Recht, unseren geknechteten Mitmenschen beizuspringen oder ihnen die Zuflucht nach Freiland offen zu halten, waren wir fest entschlossen, zu verteidigen, so weit unsere Kräfte reichten, und Niemand in Freiland zweifelte daran, daß wir stark genug seien, um die Absperrungsgelüste der fremden Machthaber im Notfalle gewaltsam niederzuschlagen. Nur war man in Freiland ebenso einig darüber, daß zuvor jedes erdenkliche friedliche Mittel versucht werden müsse, ehe man an die Waffen appellieren dürfe. Und die Schwierigkeit einer unblutigen Einigung lag eben darin, daß ersichtlich im Punkte der Anschauungen über die kriegerische Stärke Freilands ein Gegensatz zwischen unserer freiländischen und der außerfreiländischen öffentlichen Meinung bestand; während wir — wie gesagt — der Überzeugung waren, jedem Militärstaate der Welt, ja selbst mehreren zugleich durchaus gewachsen zu sein, hielten uns insbesondere jene Regierungen, mit denen wir diesfalls zu thun hatten, für militärisch durchaus ohnmächtig. Wir mußten also darauf gefaßt sein, daß eine eventuell drohende Sprache unserer Bevollmächtigten gar nicht ernst genommen werden dürfte und daß gerade deshalb jeder Versuch, unseren Standpunkt energisch zu vertreten, nur durch einen thatsächlichen Krieg den erforderlichen Nachdruck erlangen könnte. Und ein Krieg war es denn auch, der unseren Standpunkt allenthalben im Auslande zur Geltung bringen sollte, nur allerdings nicht ein Krieg mit einer europäischen oder asiatischen, sondern ein solcher mit einer afrikanischen Großmacht, ein Krieg zudem, der mit den soeben erörterten Fragen höchstens indirekt etwas gemein hatte, trotzdem aber auch diese zur Entscheidung brachte.

Wie dies kam, darüber sollen die in den nachfolgenden Kapiteln mitgeteilten Briefe Aufschluß geben. Dieselben haben den Prinzen Carlo Falieri, einen jungen italienischen Diplomaten zum Verfasser, der nachmals nach Freiland übersiedelte, in jener Zeit jedoch, von welcher die Briefe handeln, im Auftrage seiner Regierung Edenthal aufsuchte. Zugleich werden diese Korrespondenzen ein lebhaftes Bild der freiländischen Zustände und der Lebensweise im fünfundzwanzigsten Jahre der Gründung bieten.

14. Kapitel.

Edenthal, den 12. Juli ..

Ich schreibe Dir diese Zeilen nach mehrmonatlichem Stillschweigen aus der Hauptstadt von Freiland, die mich und meinen Vater seit einigen Tagen beherbergt. Was uns ins Land der socialen Freiheit gebracht hat? Du weißt, oder weißt vielleicht auch nicht, daß meine Chefs auf Monte Citorio sich in letzter Zeit gegen den braunen Napoleon an der Ostküste Afrikas, den Negus Johannes V. von Abyssinien, keinen Rat mehr wissen, und da ihnen solcher von unseren guten Freunden in London und Paris, wo man sich in gleichen Nöten befindet, auch nicht erteilt werden kann, so einigten sich die drei westmächtlichen Kabinette schließlich dahin, gegen die gemeinsame afrikanische Krankheit ein afrikanisches Heilmittel zu suchen; diesem nachzuspüren sind wir nun hier, von seiten Englands die Herren Lord Elgin und Sir Bartelet, von seiten Frankreichs Mrs. Charles Delpart und Henri de Pons, von seiten unseres Italien Principe Falieri und dessen Sohn, meine Wenigkeit nämlich. Beauftragt sind wir insgesamt, den Freiländern nahezulegen, daß es in ihrem wie in unserem gemeinsamen Besten gelegen wäre, wenn sie ihr Land zum Kriegsschauplatze gegen Abyssinien hergeben wollten.

Der Negus nämlich, der uns Europäern, die wir Besitzungen an den afrikanischen Küsten des Roten Meeres und südlich der Straße von Bab-el-Mandeb unser eigen nennen, auch bisher schon viel zu schaffen machte und gelegentlich des letzten Krieges die verbündeten englisch-französisch-italienischen Armeen in Schach hielt, ja ohne die Intervention unserer Flotten denselben um ein kleines das Schicksal jenes ägyptischen Heeres bereitet hätte, welches nach biblischen Berichten vor 3300 Jahren im Roten Meere ertränkt wurde, der Negus, sage ich, hat den fünfjährigen, für uns nicht gerade rühmlichen Frieden — offenbar mit Hülfe gewisser guter Freunde in Europa — dazu benützt, um seine auch vorher schon Achtung gebietende Armee vollkommen nach abendländischem Muster zu organisieren. Er besitzt jetzt 300000 Mann, durchweg mit Waffen bester, modernster Konstruktion versehen, eine vorzügliche Kavallerie von mindestens 40000 Köpfen, und eine Artillerie von 106 Batterien, die es, unseren Militärbevollmächtigten zufolge, mit jeder europäischen an Tüchtigkeit aufnehmen soll. Die Absichten aber, die Johannes mit diesen für das arme Abyssinien geradezu ungeheuerlichen Rüstungen verfolgt, können — insbesondere nach den Erfahrungen des vergangenen Lustrums — nicht zweifelhaft sein. Er will uns und den Engländern die Küstenplätze am Roten Meere, den Franzosen ihr Gebiet südlich von Bab-el-Mandeb abnehmen. Unsere Küstenfestungen und Flotten werden dies auf die Dauer nicht verhindern, falls es uns nicht gelingt, die Abyssinier in offener Feldschlacht zu schlagen. Wie aber Armeen, die der reorganisierten abyssinischen gewachsen wären, an jenen unwirtlichen Küsten erhalten, wie einen Feldzug mit dem Meere als einziger Rückzugslinie gegen einen Feind wagen, dessen furchtbare Offensivkraft wir auch bisher schon sattsam kennen gelernt haben? Und doch muß dem Negus begegnet werden, koste es, was es wolle, da mit dem Preisgeben der Küstenorte die Verbindung mit Ostasien und dem seit den letzten zwei Dezennien in die erste Linie des Welthandels gerückten Ostafrika für alle europäischen Mächte verloren wäre. Ist uns doch nur zu wohl bekannt, daß Johannes V. sich diesbezüglich mit den weitestgehenden Plänen trägt. Heute schon werben seine Agenten in Griechenland, Dalmatien und selbst in Nordamerika Matrosen zu Tausenden, die offenbar bestimmt sind, eine Kriegsflotte zu bemannen, sowie der Besitz der Küstenpunkte es den Abyssiniern ermöglicht, eine solche zu halten. Ob er diese Flotte im Auslande kaufen, oder selber bauen will, ist annoch ein Rätsel. Wäre ersteres der Fall, so könnte es den Nachforschungen der von dieser Zukunftsflotte bedrohten Mächte unmöglich entgehen; aber keine der bekannten Schiffswerften der Welt hat derzeit Kriegsfahrzeuge unbekannter Bestimmung in Bau. Soll die abyssinische Flotte aber am Roten Meere gebaut werden, erst nachdem dessen Küsten in abyssinische Gewalt geraten sind, wozu braucht der Negus jetzt schon die vielen Matrosen? Keineswegs ist dieses Geheimnis geeignet, über die Endabsichten Abyssiniens zu beruhigen — kurzum, man hat in London, Paris und Rom beschlossen, den Stier an den Hörnern zu fassen und gegen den ostafrikanischen Eroberer offensiv vorzugehen. Die drei Kabinette wollen gemeinsam ein Expeditionskorps von mindestens 300000 Mann ausrüsten, und mit diesem sofort nach Ablauf des fünfjährigen Friedens — das wäre also Ende September dieses Jahres — gegen Abyssinien vorgehen. Als Operationsbasis aber sind diesmal nicht unsere eigenen Küstenorte — sondern Freiland ausersehen. Dieses würde den verbündeten Armeen eine gesicherte Verpflegungs- und Rückzugslinie gewähren, und Aufgabe von uns Diplomaten ist es nun, die freiländische Verwaltung für dieses Projekt zu gewinnen. Wir verlangen nichts, als passive Mitwirkung, d. h. freien Durchzug für unsere Truppen. Ob unsere Instruktionen dahin gehen, diese passive Assistenz im Notfalle zu erzwingen, weiß ich nicht, denn nicht ich, bloß mein Vater ist eingeweiht in die letzten Hintergedanken der Leiter unserer auswärtigen Politik, und wenn meine bekannte Schwärmerei für dies Land der Socialisten unsere Regierung auch nicht hinderte, mich meinem Vater beizugeben, so vermute ich doch, daß mir die intimeren Geheimnisse unserer Diplomatie vorenthalten werden.

Du weißt also jetzt, Freund meiner Seele, warum wir nach Freiland reisten. Bist Du zu erfahren begierig, wie wir die Reise bewerkstelligten, so diene Dir, daß wir dazu von Brindisi bis Alexandrien den „Uranus“, eines der Riesenschiffe benützten, die Freiland zum Zwecke des Post- und Passagierdienstes auf allen Meeren laufen läßt. Zugleich mit uns machten 2300 Einwanderer nach Freiland die Seereise, und wenn diesen die neue Heimat nur einen Teil dessen hält, was sie sich von ihr versprechen, so muß sie ein wahres Paradies sein. Mein Vater, der anfangs einige Bedenken hegte, sich einem freiländischen Dampfer anzuvertrauen, auf welchem keinerlei Überfahrtgebühr angenommen, dafür aber auch, wie männiglich bekannt ist, keinerlei Unterschiede in der Behandlung der Passagiere gemacht werden, gestand mir schon am zweiten Tage der Fahrt, daß er nicht bereue, meinem Drängen nachgegeben zu haben. Die Kabine, die wir erhielten, war nicht zu klein, komfortabel und von peinlichster Sauberkeit, Küche und Verpflegung ließen nichts zu wünschen übrig und — was uns am meisten wunderte — der Umgang mit den buntzusammengewürfelten Auswanderern erwies sich als keineswegs unangenehm. Zwar waren unter unseren 2300 Reisegenossen alle Stände und Berufsklassen, vom Gelehrten bis zum Handarbeiter, vertreten; allein auch die letzteren erwiesen sich von dem Bewußtsein, einer neuen Heimat entgegenzueilen, in welcher unbedingte Gleichberechtigung aller Menschen herrschen sollte, dermaßen gehoben, daß während der ganzen Fahrt keinerlei Roheit oder gemeine Ausschreitung vorkam.

In Alexandrien benützten wir den nächsten nach dem Sudan abgehenden Kurierzug, der jedoch bis Assuan, so lange nämlich ägyptische Kondukteure und Maschinisten ihn führten, von einem solchen wenig mehr als den Namen hatte. In Assuan nahm uns ein freiländischer Eisenbahnzug auf, und nunmehr ging es mit einer Accuratesse und Raschheit vorwärts, wie man sie sonst nur in England oder Amerika antrifft. Mit raffiniertester Bequemlichkeit eingerichtete Schlaf-, Speise- und Konversationswagen führten uns in rasendem Fluge den Nil aufwärts, den Riesenstrom bis Dongola zweimal übersetzend. Charakteristisch ist, daß von Assuan ab keinerlei Fahrtaxe berechnet wurde. Die im Speisewagen oder auf den Stationen verzehrten Speisen und Getränke mußten zwar bezahlt werden — auf der Urania waren auch die Mahlzeiten unentgeltlich gewesen — die Beförderung aber besorgte das freiländische Gemeinwesen unentgeltlich zu Land wie zu Wasser.

Die Schilderung von Land und Leuten in Ägypten und dessen Dependenzen wirst Du mir erlassen; es hat sich zwar diesbezüglich im letzten Decennium, und insbesondere seit Vollendung der freiländischen Nilbahn einiges zum Besseren geändert; aber im großen Ganzen fand ich das Elend der Fellachen noch sehr arg und nur dem Grade, nicht dem Wesen nach verschieden von jenen Schilderungen, die den zahlreichen älteren Reiseberichten über diese Gegenden zu entnehmen sind. Ein durchaus anderes Bild bot sich dem Auge, sowie wir uns dem Albert-Njanza näherten und freiländisches Gebiet erreichten. Ich traute meinen Sinnen kaum, als ich am Morgen des fünften Tages der Eisenbahnreise erwachend, zum Waggonfenster hinausblickte und statt der bisherigen Landschaft von üppigen Gärten und lachenden Hainen anmutig unterbrochene endlose Fruchtfelder erblickte, aus deren Mitte elegante Villen, teils zerstreut, teils zu größeren Ortschaften vereinigt, hervorleuchteten. Als der Zug bald darauf in einer Station — sie hieß, ein freundliches Omen für uns Italiener, Garibaldi — hielt, sahen wir auch zum erstenmale Freiländer in ihrer eigentümlichen und, wie ich auf den ersten Blick erkannte, überaus zweckmäßig den Anforderungen des Klimas angepaßten, ebenso einfachen als kleidsamen Tracht.