„Wenn das hierzulande selbstverständlich ist, dann müßt Ihr freiländischen Industriellen uneigennützig wie die Engel sein,“ meinte einer der Besucher. Und sich direkt an den Direktor wendend, fügte er hinzu: „Es scheint also doch, daß nicht alle Eure Einrichtungen sich sofort zu uns Abendländern übertragen lassen, denn bei uns, dessen kann ich Sie versichern, würde Niemand freiwillig von ihm ersonnene Produktionsverbesserungen zur Kenntnis seiner Concurrenten bringen, und am allerwenigsten könnte er sich darauf verlassen, daß diese ihm die ihrigen preisgeben.“

„Sie haben ganz recht,“ war die Antwort, „das würde Niemand bei Ihnen thun, so lange Sie an Ihren bisherigen Einrichtungen festhalten; sowie Sie jedoch die unserigen acceptieren, versteht sich all das, was Ihnen so wunderbar uneigennützig vorkommt, ganz von selbst, als unabweisliches Gebot gerade des Eigennutzes. Denn damit z. B. wir hier in Danastadt uns des Vorteils einer von uns ersonnenen Verbesserung möglichst vollständig erfreuen, ist durchaus notwendig, daß alle chemischen Fabriken des ganzen Landes die gleiche Verbesserung thunlichst rasch auch bei sich einführen. Wären wir so thöricht, unsere Entdeckungen geheim zu halten — ein Versuch, der nebenbei bemerkt angesichts der Öffentlichkeit all unserer geschäftlichen Vorgänge an und für sich ziemlich aussichtslos bliebe — so wäre das einzig mögliche Ergebnis, daß aus allen concurrierenden Associationen insolange Arbeitskräfte zu uns einwanderten, bis der Ertrag unserer Arbeit — umgerechnet auf die einzelne Arbeitsstunde — wieder auf das Niveau der anderwärts in Freiland erzielbaren Erträge herabgedrückt würde, wir also von unserer Entdeckung oder Erfindung so gut als keinen Vorteil behielten. Um das zu vermeiden, bleibt uns schlechterdings kein anderes Auskunftsmittel, als auch den Anderen Allen unsere Errungenschaft mitzuteilen; dadurch allein erzielen wir, daß die Arbeit auch anderwärts ertragreicher wird und daß also Niemand ein Interesse hat, sich behufs Mitgenusses unserer Produktionsvorteile an uns heranzudrängen. Gerade so verhält es sich natürlich mit den in anderen Associationen gemachten Verbesserungen; wir können mit absoluter Sicherheit darauf rechnen, daß wir sofort von denselben verständigt werden, da auch die Anderen Alle das gleiche Interesse haben wie wir, nämlich unsere Produktionserträge zu steigern, damit sie selber den Vorteil der ihrerseits erzielten Verbesserungen möglichst vollständig genießen.“

Gegen dieses Raisonnement konnte nichts Stichhaltiges eingewendet werden. Aber jetzt machte sich die Besorgnis geltend, ob es denn nicht doch möglich sei, dieses Anrecht der Gesamtheit an den Ergebnissen jedes irgend erzielten Produktionsvorteils auf Umwegen zu durchkreuzen.

„Was geschähe“ — so wurde einer der anwesenden Direktoren gefragt — „wenn beispielsweise Sie als Leiter der Bodenassociation von Nordleikipia, dazu aufgefordert durch — selbstverständlich geheimen — Beschluß der die Majorität bildenden alten Mitglieder, es versuchen wollten, neue Zuwanderer vom Mitgenusse irgendwelcher besonderer Produktionsvorteile im Wege schlechter unfreundlicher Behandlung fernzuhalten; wer schützt in solchem Falle diese Neulinge gegen Ihre, von der Majorität Ihrer Associationsmitglieder nicht bloß gebilligte, sondern geradezu in deren Interesse geübte Willkür? Die Mißhandelten haben die Freiheit, fortzuziehen; aber das ist es ja eben, was — Sie entschuldigen wohl die, bloß um der prinzipiellen Aufklärung willen vorgebrachte Unterstellung — erreicht werden will und was doch verhütet werden muß, soll darüber nicht Ihre ganze Gleichberechtigung in die Brüche gehen. Oder die Majorität kann sich zu gleichem Zwecke ein so hohes Präcipuum votieren, daß das damit geübte Unrecht alle Zuwanderung abhält. Wo liegt der Schutz gegen derartige Ausschreitungen des Eigennutzes in einem Gemeinwesen, welches keinerlei Einengung des individuellen Eigennutzes kennt und kennen will?“

„Abermals in der freien Concurrenz,“ entgegnete lächelnd der Direktor. „Derartige Ausschreitungen wären bei uns nur möglich, wenn sie im geheimen geübt werden könnten, d. h. wohlverstanden, wenn nicht bloß die darauf abzielenden Beschlüsse, sondern auch deren Ausführung der Aufmerksamkeit des ganzen Landes vollständig entginge. Ich müßte nicht bloß den geheimen Auftrag von meinen Associationsmitgliedern erhalten, alle Zuwanderer hinauszuchikanieren, ich müßte auch das Kunststück zuwege bringen, diesen Auftrag derart im Verborgenen zu vollstrecken, daß Niemand, am allerwenigsten die Opfer desselben, das Geringste davon merkten. Denn mit dem Momente, wo meine Praktiken ruchbar würden, wäre ich — darauf können Sie sich verlassen — zum längsten Direktor, meine Auftraggeber wären zum längsten Majorität der Bodenassociation von Nordleikipia gewesen. Und genau ebenso verhielte es sich, sowie unser Beschluß, den alten Mitgliedern ein ungebührliches Präcipuum zuzuwenden, bekannt würde. Denn wie Sie leichtlich ermessen können, ist die öffentliche Meinung Freilands in keinem Punkte wachsamer und eifersüchtiger, als gerade in diesem, ihren Lebensnerv berührenden, das individuelle Interesse Aller gleichmäßig bedrohenden; und da die schrankenlose Freizügigkeit allen Arbeitern des ganzen Landes jederzeit gestattet, welcher Association immer beizutreten, so gehört keine sonderliche Phantasie dazu, um sich das mit unfehlbarer Sicherheit Kommende genau auszumalen. Der erste Arbeiter, den meine planmäßigen Chikanen zum Verlassen unserer Association zwängen, würde vielleicht selber noch keine böse Absicht bemerken; der zweite vielleicht schon Lärm, aber vorerst noch vergeblichen schlagen; beim dritten und vierten dürfte bereits das öffentliche Mißtrauen rege werden, und ehe ich meine Künste am zehnten Opfer zu üben vermöchte, wäre durch einen aus allen Gauen herbeiströmenden Zufluß neuer Mitglieder die übelwollende Majorität und ich natürlich mit ihr unschädlich gemacht.“

Diese Darlegung wirkte so schlagend, daß fernerhin kein Zweifel gegen die im Wege wahrhaft freier Concurrenz bewirkte Harmonie der wirtschaftlichen Interessen laut wurde. Die Congreßmitglieder hatten zwar noch wiederholt Anlaß, über gar Manches, was sie sahen und hörten, in Erstaunen zu geraten; daß jedoch Freiheit und Gleichberechtigung die unfehlbaren Zauberformeln seien, auf deren Ruf die nämlichen Wunder allüberall auch außerhalb Freilands in die Erscheinung treten müßten, war ihnen zur Gewißheit geworden.


Nach Ablauf der zweitägigen Pause wurden die Beratungen des Congresses wieder aufgenommen. Zur Discussion gelangte Punkt 3 der Tagesordnung: Sind Not und Elend nicht etwa Naturnotwendigkeiten und müßte nicht Übervölkerung eintreten, wenn es vorübergehend gelänge, das Elend allgemein zu beseitigen? Als erster Redner war vorgemerkt

Robert Murchison (Rechte): Ich muß zuvörderst Namens meiner bisher die Durchführbarkeit des socialen Reformwerkes bezweifelnden Gesinnungsgenossen die formelle Erklärung abgeben, daß wir nunmehr nicht allein von der Durchführbarkeit, sondern von der naturgesetzlichen Unvermeidlichkeit desselben durchaus überzeugt sind. Auch die fernere Hoffnung hat das bisherige Ergebnis der Verhandlungen gezeitigt, daß es der geehrten Gegenpartei gelingen werde, unsere noch vorhandenen Bedenken eben so siegreich zu zerstreuen; einstweilen kann ich mich derselben noch nicht entschlagen und fühle mich daher im Interesse allseitiger Aufklärung verpflichtet, dieselben nach Kräften zu begründen.

Das weitaus gewichtigste dieser Bedenken, welches unabhängig von allen bisher erörterten Fragen noch ungebrochen aufrecht steht, ist das nunmehr zur Diskussion gelangende. Es richtet sich nicht gegen die Durchführbarkeit des allgemeinen Freiheits- und Wohlfahrtswerkes. Die wirtschaftliche Gerechtigkeit muß und wird zur Wahrheit werden, das wissen wir nun; wissen wir damit aber auch schon, daß sie sich wird behaupten können? Die wirtschaftliche Gerechtigkeit wird Reichtum für alle Lebenden zur Folge haben. Not und Elend mit ihrem Gefolge zerstörender Laster werden vom Erdboden verschwinden. Mit diesen aber werden zugleich jene Hemmnisse verschwunden sein, welche bisher der schrankenlosen Vermehrung des Menschengeschlechts Grenzen zogen. Mehr und mehr wird die Menge der Bevölkerung anwachsen, bis endlich — der Tag mag noch so ferne sein — die Erde ihre Bewohner nicht mehr zu ernähren im Stande sein wird.