Von einem vollständigen Auszug der Juden kann wohl nirgends die Rede sein. Die sich assimilieren können oder wollen, bleiben zurück und werden resorbiert.

(II. Kongreßrede.)

Vielmehr ist klar vorherzusehen, daß in jedem Lande der Wert und das Ansehen der Juden steigen würde, wenn ihre Zahl abnähme. Und wenn schließlich nur die Assimilierten zurückbleiben, wird man sie als die Rarität behandeln, die sie sind.

(M. C. Montefiores Ansichten.)

Bei einer solchen Auswanderung gibt es auch viele starke, tiefe Gemütsbewegungen. Es gibt alte Gewohnheiten, Erinnerungen, mit denen wir Menschen an den Orten haften. Wir haben Wiegen, wir haben Gräber, und man weiß, was dem jüdischen Herzen die Gräber sind. Die Wiegen nehmen wir mit — in ihnen schlummert rosig und lächelnd unsere Zukunft. Unsere teueren Gräber müssen wir [pg 25] zurücklassen — ich glaube, von denen werden wir habsüchtiges Volk uns am schwersten trennen. Aber es muß sein.

([Der Judenstaat.])

DIE WANDERUNG

Aus den fürchterlichen Pferchen im Osten Europas brechen seit zwanzig Jahren ununterbrochen Hunderttausende verzweifelter Menschen auf, um anderwärts ein Stück Brot und ein bißchen Freiheit zu suchen. Welcher Mensch, der nicht ein versteinertes Herz in der Brust trägt, wird diese jammervolle Wanderung aus dem Elend ohne Erschütterung mit ansehen können? Aber diese halbverhungerten und ganz verzweifelten Parias tragen nicht nur ihre eigene Not um den Erdkreis herum, sondern auch die der anderen. So fliehen sie vor dem Haß und erzeugen ihn überall, wo sie erscheinen. Kraft ihrer größeren Armut reißen sie den bisher Aermsten das Brot vom Munde weg.

(Der ewige Jude.)

Ich weiß es nicht, ob wir noch in dieser Generation die Befreiung aus Schimpf und Elend erleben werden. Möglich ist es, vorausgesetzt, daß wir klug und entschlossen sind. Aber das weiß ich, daß schon das Wandern auf diesem Wege uns zu anderen Menschen machen wird. Wir gewinnen unsere verlorene innerliche Einheit wieder und mit dieser ein bißchen Charakter, und zwar unseren eigenen [pg 26] Charakter. Keinen marranischen, erborgten, unwahren, sondern unseren eigenen. Und dann erst wollen wir mit allen anderen rechtschaffenen Menschen wetteifern in Gerechtigkeit, Nächstenliebe und hohen Freisinn, wollen uns auf allen Feldern der Ehre betätigen, in Kunst und Wissenschaft es vorwärts zu bringen trachten, damit ein Glanz von unseren Taten auf die Aermsten unseres Volkes zurückfalle.