Alfred, weit entfernt, Lodoiska’s Frohsinn zu theilen, wurde immer tiefsinniger und trauriger, jemehr sich der Abend näherte. Kaum öffnete er den Mund zum Sprechen; eine ihm unerklärbare Unruhe bewegte sein Inneres, und er wagte es nicht, weder Lodoiska’n noch seine Frau anzublicken. Vorzüglich fürchtete er, bei der bevorstehenden Zusammenkunft mit der Erstern, mitten in der Nacht überrascht zu werden, da hiervon seine ganze häusliche Ruhe abhing.
Endlich begab sich ein Jeder in sein Zimmer. Die Oberstin, die sich seit einiger Zeit über eine allgemeine Schwäche in allen Gliedern beklagte, legte sich zuerst zu Bett, und schickte bald darauf auch Lisetten fort. Der Oberst setzte sich in seinem Zimmer auf einen Lehnstuhl, und erwartete so, völlig angezogen, aber ohne Ungeduld, sondern zitternd, die Mitternachtszeit. Als endlich der letzte Schlag der zwölften Stunde erschallte, stand er seufzend auf, und ging mit leisen Tritten nach dem großen Saale, ohne ein Licht mit sich zu nehmen.
Die undurchdringliche Finsterniß in diesem weiten Saale, die schneidende Kälte, welche durch die schlecht geschlossenen Fensterscheiben eindrang, die Furcht, überrascht zu werden: alles dieß vereinigte sich, um dem Obersten ein solches Beben zu verursachen, wie er noch nie empfunden hatte, selbst als er früher, hundert Feuerschlünden gegenüber, den Tod in der ihm angewiesenen Position erwarten mußte. Aber damals lebte er mit seinem Herzen in Frieden, und sein Gewissen war ruhig; jetzt befand er sich mit sich selbst im Widerspruch. Er war auf den Befehl eines Frauenzimmers hierhergekommen, das zu seinem Glücke nichts mehr beitragen, wohl aber es zerstören konnte. Aber konnte er ihr ungehorsam sein? Mußte er nicht fürchten, daß sie, bei ihrem heftigen Charakter, seine ehemaligen Verhältnisse zu ihr öffentlich bekannt machte? Alfred glaubte, Alles thun zu müssen, um eine fast wahnsinnige Liebende in Schranken zu halten.
Sie ließ nicht lange auf sich warten. Sie trat durch die Thür ein, welche von der Haupttreppe in den Saal führte, mit einem weißen Kleide angethan, und halb in einen großen schwarzen Schleier verhüllt, der ihr das furchtbare Ansehen eines Gespenstes gab, das sie auch durch ihren leblosen Blick, durch die Leichenblässe ihres Gesichts nicht verläugnete. In der Hand trug sie ein Licht, das sie schnell auf den Fußboden setzte, als sie den Obersten erblickte; dann trat sie auf ihn zu, und gab ihm ihre Zufriedenheit über sein pünktliches Erscheinen zu erkennen.
„Ich werde stets gern erscheinen, wenn Lodoiska mich sehen will, vorzüglich seitdem sie mich versichert hat ....“
— Alfred, ich bitte Sie, rufen Sie mir ein Versprechen nicht mehr in’s Gedächtniß zurück, dessen Erfüllung mir zu viel kostet. Wie! soll ich mich denn unaufhörlich verstellen? Soll ich es ruhig mit ansehen, daß Sie alle Mittel aufsuchen, mich von hier zu entfernen, und daß Sie dergleichen Anträge unterstützen, wie man mir gestern mitgetheilt hat? —
„Glauben Sie mir, Lodoiska, daß ich dabei so viel gelitten habe, als Sie selbst, sobald man mich davon in Kenntniß setzte? Ja, es war mir schon unerträglich, es nur zu vermuthen; aber was konnte ich dagegen thun? Schweigen und das Weitere Ihnen überlassen. Ich hoffte .... ich wußte, wollte ich sagen, daß Ihre Antwort verneinend sei, und daß man Sie dann nicht weiter verfolgen würde.“
Ein Strahl von Freude blitzte bei diesen Worten in Lodoiska’s Augen auf.
„Sie hofften, sagen Sie. Ach, warum kann ich meinerseits nicht mehr hoffen! Ich bin die Zeugin eines Glücks, das mir über Alles verhaßt ist, und das ich niemals selbst schmecken werde. Jetzt muß ich mich einem Orte entreißen, der mir unerträglich wird. Ich habe Sie wiedergesehen; mein Unglück ist vollendet, und es bleibt mir nichts mehr übrig, als mich zu entfernen.“
— Sie wollen fort? Lodoiska, bedenken Sie unsere Freundschaft! —