Der Vetter war nicht betroffen, sah Alles Punkt für Punkt wohl ein, und es hielt nicht schwer, ihr den schweren Sorgenstein vom Herzen zu nehmen. Es traf sich ja ganz prächtig. Der Freund, der oben bei ihm war, suchte gerade ein Logis auf 1. April und hatte gehofft, bei ihm anzukommen. Natürlich hätte es ihm wehe gethan, jemand aufzukünden, am schwersten hätte es ihm aber gemacht, seine Verwandten zum Ausziehen irgendwie zu veranlassen, obgleich jener ihm ein lieber Freund und gegenwärtig in Verlegenheit sei.

Liese war das schon recht; nur auf ersten April schon? Wie das gehen sollte, konnte sie sich nicht vorstellen; es war ja nicht mehr volle vier Wochen.

Als der Vetter sich wieder verabschiedet hatte, sprachen Mutter und Tochter noch allerlei von der bevorstehenden Aenderung und was wohl der Vater für Bericht bringen werde und ob vielleicht das und ob vielleicht jenes. – Und der Vater brachte frohe Nachricht. Vergessen war der lange Weg, vergessen Sturm und Schneegestöber, Regen und Riesel. „Als ich dort wegging, war mir's, ich käme aus einem Kirchlein, und es tönte in mir wie Orgelton und Lobgesang und der Weg heim ist mir vorgekommen wie eine Spanne.“ – Und weißt du auch, daß wir schon in vier Wochen fortkönnen, und brauchen nicht erst aufzukünden? Der Vetter ist dagewesen ... und nun ging's an ein Erzählen hin und her und Pläne wurden gemacht, was man alles pflanzen wolle und wie man alles stellen wolle und wie man im Gärtlein ein Cabinetlein machen müsse, daß man bei schönem Wetter dort Kaffee trinken oder gar zu Mittag essen, oder auch am Sonntag in der Stille etwas Schönes lesen könne. – Man wurde nicht fertig. Der Kaffee, der nebst den gepregelten Erdäpfeln für Abends und Nachtessen zugleich galt, wurden kalt, ehe man fertig war mit Essen und Erzählen, und selbige Nacht haben sie Alle unruhig geschlafen; aber nicht vor Schmerzen, sondern vor freudiger Bewegung des Gemüths. Vor dem Bettgehen aber wünschte, seit lange zum erstenmal, die Mutter noch etwas Erbauliches zu hören, war's ja doch Sonntag, und sie vor acht Wochen zum letztenmal in der Kirche gewesen. „Liseli, lies doch vor, es ist mir beim Licht und für die Brust zu beschwerlich.“ Und Liseli las nach Angabe des Kalenders das Evangelium am Sonntag Reminiscere: vom cananäischen Weibe, und las weiter von den vielen Heilungen und von der Speisung der 4000 bis zu Ende des Capitels. – Und das, was sie gehört hatte, bewegte die Leidende auch in ihrem Herzen, da sie nicht schlafen konnte in jener Nacht, und ist etwas mit ihr vorgegangen, was ich jetzt nicht weiter ausbringen will, damit der Segen nicht verloren gehe.

Und am Montag Abend wurde die Sache mit dem Fritz ausgemacht und Heiri drückte ihm ein neues Fränklein in die Hand als Gottespfennig.

7.

Den geschäftigen Tag des Einzugs im neuen Logis wollen wir vorbeigehen. Liese strengte sich fast über Kräften an beim Zusammenpacken, und daß jedes Geräthe sorgfältig auf den Wagen komme. Am Abend kam der Heiri, um mit ihr die neue Heimath zum ersten Mal heimzusuchen. Der Vetter und die Base geleiteten sie noch fast bis zum Thor und nahmen herzlichen Abschied unter gegenseitigen Glücks- und Segenswünschen. Und als sie daheim waren, schien der Vollmond gegen die Hausthüre und beleuchtete den Kranz von Epheu, den Liseli unterdeß geflochten und daran gehängt hatte; und die Sterne flimmerten wie alte Bekannte vom Lande zum freundlichen Willkomm.

O, hätte ich nun die Feder eines Dichters, um dennoch wahrheitsgetreu zu schildern, welch' ein neues Leben sich für die Bewohner des neuen Hauses aufthat, um zu erzählen, wie jeder Tag eine neue Freude in's Herz und einen neuen Segen in die Familie brachte.

Man stand, von der Sonne geweckt, frühe auf, ging in den Garten und machte da etwas zurecht; der frischende Morgenwind und der Gesang der Vögel, die sich der neuerwachten Frühlingskräfte und des lieblichen, jungen Tages freuten, das glänzende, goldene Licht, das sich über die Häuser und grünenden Wiesen und fernen Berge ergoß, und die Morgennebel in's klare Blau des Himmels auflöste, weckte ungewohnte, und doch unsere ehemaligen Landbewohner seltsam anheimelnde Gefühle, Gefühle wie von lieblichen Mährchen der Kindheit, die nun plötzlich wahr geworden. Während Fritz und Heiri draußen Bohnenstecken zurecht machten, oder die jungen kräftigen Triebe einer an der Ostseite des Hauses links und rechts von der Hausthüre neu gepflanzten Rebe anhefteten, machte Liseli die untere Stube und das Stüblein. Denn Liese war auch aufgestanden und mahlte unter der offenen, der Sonne entgegengewendeten Hausthüre, vom warmen, wollenen Halstuch gegen die frische Morgenluft geschützt, ihren Kaffee. So strömte durch die geöffneten Fenster und den Hausöhren ein belebender Odem des neugeborenen Tages, und mit ihm eine erfrischende, kräftigende Lebensspende. Die Morgenseite eines Hauses ist immer die trockenste; denn der Ostwind kömmt über weite Landstrecken, von Asien her zu uns und bringt nicht die feuchten Dämpfe irgend eines Meeres mit sich. Auch ist die Wirkung der Morgensonne, namentlich im Sommer, äußerst kräftig; denn ihre Strahlen prallen von Morgens 4 Uhr bis gegen 9 Uhr fast senkrecht gegen die in dieser Richtung stehenden Mauern. Im Waisenhause sind die Schlafsääle gegen Morgen gerichtet, und man hat stets den erfreulichsten Gesundheitszustand bei den vielen, vielen, oft von Haus aus vernachlässigten Kindern bemerkt.

Warum wohl Fritz kein Fenster in den Stuben gegen Osten anbringen ließ, statt der Wandkästen? – Erstens war das Fenster gegen Süden für die mäßige Stube übrig groß genug, zweitens wäre dadurch das Haus im Winter kälter geworden; drittens kostspieliger, denn unten ein Kreuzstock, oben ein Kreuzstock mit Schreiner- und Glaserarbeit, mit Fenstern, Vorfenstern und Läden mit dreifachem Oelanstrich, das hätte schon wieder ein paar Hundert Fränklein gekostet; viertens endlich brennt im Sommer die Sonne den ganzen Vormittag durch ein solches Fenster in's Zimmer hinein, macht man aber alsdann die Läden zu, so ist eben der Zweck solcher Fenster nicht einleuchtend. So wär's auch mit Fenstern auf der Westseite gewesen beim Nachbar; drum hatte auch der's unterlassen.

Aber auf die Liese machte die Morgenluft und Morgensonne einen wunderbaren Eindruck; wohl griff sie es im Anfang etwas mehr an und machte sie müde, wie nach angestrengter Arbeit; aber sie fühlte es, wie das Strahlenbad durch ihre Glieder drang bis auf's innerste Mark und wie die Ermüdung nur eine erneute Anstrengung aller Lebenskräfte bewies. Später in der Jahreszeit setzte sich Liese auch vor die Hausthüre und strickte dabei oder verlas und flickte Kleider, Hemden und Strümpfe; und dazu war sie in den Nerven bald stark genug; nur mit der Gartenarbeit wagte sie sich noch nicht an's Schwerere.