Wer wüßte nicht Namen zu solchen Beispielen zu nennen? – Oder wo noch ein besseres häusliches Zusammenleben besteht und keine solche Verlotterung um sich gefressen, da brechen Elend und Jammer an der Hand von Krankheiten, besonders herrschender Seuchen, des Nervenfiebers, der gefürchteten Cholera mit Vorliebe in die unreinlichen und vernachlässigten Wohnungen. Der Vater, die Mutter werden auf's Krankenlager geworfen, häufig genug zugleich auf's Todbette. Sie sind nicht das einzige Opfer. Ein paar Tage später wird ein zweites Glied der Familie ergriffen und es ist gar nichts Seltenes, ganze Häuser weggerafft zu sehen, indem jede Erkrankung der Seuche nur immer neue Nahrung zuführt. Die Unreinlichkeit steigert sich ja dadurch stets wieder, die sich anhäufenden schlechten Ausdünstungen bilden eine ansteckende Pestluft aus, die alles Leben vergiftet.
Dieß hat leider die Cholera der letzten Jahre überall, fern wie nah, des Unläugbarsten dargethan, während Reinlichkeit und regelmäßiges Leben als eine wahre Schutzmauer gegen die Seuche sich erwiesen.
7. Vom Allerinwendigsten einer schlechten Wohnung.
Aber warum sind denn nur auch gerade die schlechtesten und unfreundlichsten Wohnungen immer so gesucht, als hätten viele Menschen eine angeborne Vorliebe just für Spelunken und weder Augen, Nasen noch Nerven überhaupt? Woher kommt das? –
Ja, diese schlechten Wohnungen, – hören wir entgegnen, sind halt viel wohlfeiler als jene gut eingerichteten, und darauf muß der gemeine Mann bei so theurer Zeit vor Allem sehen. Sie liegen auch nicht so weit ab vom Mittelpunkte des Verkehrs und des täglichen Erwerbes wie jene luftigern, besser eingerichteten, die draußen vor den Thoren, an irgend einem Ende der Stadt stehen!
Hierin liegt Etwas, wenigstens für den ersten Blick, wenn auch ein wenig Bewegung in freier Luft, bevor man sich halbe Tage lang ununterbrochen in eine Fabrikstube setzt, hinter einen Webstuhl stellt, gewiß weit mehr anzurathen als zu vermeiden ist. Doch lassen wir die Antwort gelten und fragen nur: warum sieht's denn bei diesen an sich schon so schlechten Wohnungen auch drinnen so liederlich und verwahrlost aus? Warum stößt man innert den vier Wänden noch extra auf Unreinlichkeit, Unordnung und verkommenes Wesen? Warum wird der letzte Lichtstrahl durch die schmuzigen Scheiben auch noch abgewehrt? die feuchte Luft noch besonders verpestet? die morsche Diele mit einer Kruste Unraths eigens überzogen? der beschränkte, schlecht eingetheilte Raum durch Unordnung noch mehr verstellt?
Da kann nicht mehr von Einschränkung, von Genügsamkeit die Rede sein. Dieß zeigt vielmehr, daß für solche Bewohner Reinlichkeit, Ordnung, Wohnlichkeit überhaupt keinen Werth haben, daß ihnen im Gegentheil eine derartige Umgebung zusagen muß, ihr Wesen und Treiben darin sich nicht belästigt, nicht beengt findet, sondern beides vielmehr ganz zu einander paßt. Wenn man mit Recht behauptet, von der Wohnung und Umgebung des Menschen lasse sich auf diesen selbst und seine Neigungen und Gesinnungen schließen, so sieht es eben in solchen Leuten selber nur zu oft dumpfig, lichtscheu, unsauber, verschlossen aus. Die innere Unordnung versteckt sich hinter die äußere wie hinter einen Schild und Scheuern, Lüften, Ordnungschaffen thäte in derlei Köpfen und Herzen nicht minder Noth wie in den von ihnen bewohnten Zimmern und Kammern und Vorräumen.
Dieß inwendige Verlottern kommt nicht plötzlich über Nacht. Häufig ist schon früh bei der Erziehung gefehlt, der Sinn für Reinlichkeit und Ordnung nicht geübt und genährt worden: der Vater war wenig zu Hause, die Mutter hatte alle Hände voll zu thun und griff's sonst nicht zum geschicktesten an, die Umgebung war auch nicht darnach, wo hätte da das Kind drauf merken lernen? Später aber war man an die Vernachlässigung gewöhnt. Bei dieser Gleichgültigkeit bleibt es nun nicht, es setzt sich allmälig noch Andres dran und macht aus arg ärger.
8. Ein Wörtlein über Zerstreuungen und Erholungen.
Jeder Mensch will seine Erholung, seine Vergnügen haben und wer im Schweiße des Angesichts arbeitet, dem sind diese doppelt zu gönnen. Nun kann's einer Seele aber in solch schlechten Wohnungen unmöglich wohl werden, wo einen Alles so unfreundlich und unwirthlich ansieht. Man sucht deßhalb seine Freude sonstwo; Gelegenheiten gibt's genug, täglich werden noch neue erfunden und in allen Blättern dazu eingeladen, – zu ermäßigten Preisen sogar. An diesem Vergnügungsorte, in jenem Wirthshause sieht's dann freilich heitrer aus als in dem Neste daheim, man wird noch obendrein wie ein Herr behandelt, die Gesellschaft ist unterhaltend, ein gutes Glas Wein, ein schmackhaftes Bißlein, das Alles findet sich da, und wie appetitlich! Der Arbeiter verdient ja seinen schönen Batzen, was soll er nicht auch einmal sich wohl sein lassen, nicht eine Zerstreuung haben? Und diese Gelegenheiten außer dem Hause gefallen einem so gut, daß man sie bald wieder und immer häufiger sucht, dem Hause vollends den Rücken kehrt, kaum noch drin schläft.