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^3 Die Geschichte des Alphabets bei den Hellenen besteht im wesentlichen darin, dass gegenueber dem Uralphabet von 23 Buchstaben, das heisst dem vokalisierten und mit dem u vermehrten phoenikischen, die verschiedenartigsten Vorschlaege zur Ergaenzung und Verbesserung desselben gemacht worden sind und dass jeder dieser Vorschlaege seine eigene Geschichte gehabt hat. Die wichtigsten dieser Vorschlaege, die auch fuer die Geschichte der italischen Schrift im Auge zu behalten vor. Interesse ist, sind die folgenden.
I. Einfuehrung eigener Zeichen fuer die Laute ξ φ χ. Dieser Vorschlag ist so alt, dass mit einziger Ausnahme desjenigen der Inseln Thera, Melos und Kreta alle griechischen und schlechterdings alle aus dem griechischen abgeleiteten Alphabete unter dem Einfluss desselben stehen. Urspruenglich ging er wohl dahin, die Zeichen Χ ξι, Φ φι, Ψ χι dem Alphabet am Schluss anzufuegen, und in dieser Gestalt hat er auf dem Festland von Hellas mit Ausnahme von Athen und Korinth und ebenso bei den sizilischen und italischen Griechen Annahme gefunden. Die kleinasiatischen Griechen dagegen und die der Inseln des Archipels, ferner auf dem Festland die Korinther scheinen, als dieser Vorschlag zu ihnen gelangte, fuer den Laut ~i bereits das fuenfzehnte Zeichen des phoenikischen Alphabets (Samech) Ξ im Gebrauch gehabt zu haben; sie verwendeten deshalb von den drei neuen Zeichen zwar das Φ auch fuer φι, aber das Χ nicht fuer ξι sondern fuer χι. Das dritte, urspruenglich fuer χι erfundene Zeichen liess man wohl meistenteils fallen; nur im kleinasiatischen Festland hielt man es fest, gab ihm aber den Wert ψι. Der kleinasiatischen Schreibweise folgte auch Athen, nur dass hier nicht bloss das ψι, sondern auch das ξι nicht angenommen, sondern dafuer wie frueher der Doppelkonsonant geschrieben ward.
II. Ebenso frueh, wenn nicht noch frueher, hat man sich bemueht, die naheliegende Verwechslung der Formen fuer i und s zu verhueten; denn saemtliche uns bekannte griechische Alphabete tragen die Spuren des Bestrebens, beide Zeichen anders und schaerfer zu unterscheiden. Aber schon in aeltester Zeit muessen zwei Aenderungsvorschlaege gemacht sein, deren jeder seinen eigenen Verbreitungskreis gefunden hat: entweder man verwendete fuer den Sibilanten, wofuer das phoenikische Alphabet zwei Zeichen, das vierzehnte (M) fuer sch und das achtzehnte (Σ) fuer s, darbot, statt des letzteren, lautlich angemesseneren vielmehr jenes - und so schrieb man in aelterer Zeit auf den oestlichen Inseln, in Korinth und Kerkyra und bei den italischen Achaeern - oder man ersetzte das Zeichen des i durch einfachen Strich І, was bei weitem das Gewoehnlichere war und in nicht allzu spaeter Zeit wenigstens insofern allgemein ward, als das gebrochene i ueberall verschwand, wenngleich einzelne Gemeinden das s in der Form M auch neben dem І festhielten.
III. Juenger ist die Ersetzung des leicht mit Γ γ zu verwechselnden λ Λ durch V, der wir in Athen und Boeotien begegnen, waehrend Korinth und die von Korinth abhaengigen Gemeinden denselben Zweck dadurch erreichten, dass sie dem γ statt der haken- die halbkreisfoermige Gestalt C gaben.
IV. Die ebenfalls der Verwechslung sehr ausgesetzten Formen fuer ρ Ρ p p und r P wurden unterschieden durch Umgestaltung des letzteren in R; welche juengere Form nur den kleinasiatischen Griechen, den Kretern, den italischen Achaeern und wenigen anderen Landschaften fremd geblieben ist, dagegen sowohl in dem eigentlichen wie in Grossgriechenland und Sizilien weit aeberwiegt. Doch ist die aeltere Form des r p hier nicht so frueh und so voellig verschwunden wie die aeltere Form des l; diese Neuerung faellt daher ohne Zweifel spaeter.
Die Differenzierung des langen und kurzen e und des langen und kurzen o ist in aelterer Zeit beschraenkt geblieben auf die Griechen Kleinasiens und der Inseln des Aegaeischen Meeres.
Alle diese technischen Verbesserungen sind insofern gleicher Art und geschichtlich von gleichem Wert, als eine jede derselben zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Orte aufgekommen ist und sodann ihren eigenen Verbreitungsweg genommen und ihre besondere Entwicklung gefunden hat. Die vortreffliche Untersuchung A. Kirchhoffs (Studien zur Geschichte des griechischen Alphabets. Guetersloh 1863), welche auf die bisher so dunkle Geschichte des hellenischen Alphabets ein helles Licht geworfen und auch fuer die aeltesten Beziehungen zwischen Hellenen und Italikern wesentliche Daten ergeben, namentlich die bisher ungewisse Heimat des etruskischen Alphabets unwiderleglich festgestellt hat, leidet insofern an einer gewissen Einseitigkeit, als sie auf einen einzelnen dieser Vorschlaege verhaeltnismaessig zu grosses Gewicht legt. Wenn ueberhaupt hier Systeme geschieden werden sollen, darf man die Alphabete nicht nach der Geltung des X als ξ oder als χ in zwei Klassen teilen, sondern wird man das Alphabet von 23 und das von 25 oder 26 Buchstaben und etwa in dem letzteren noch das kleinasiatisch-ionische, aus dem das spaetere Gemeinalphabet hervorgegangen ist, und das gemeingriechische der aelteren Zeit zu unterscheiden haben. Es haben aber vielmehr im Alphabet die einzelnen Landschaften sich den verschiedenen Modifikationsvorschlaegen gegenueber wesentlich eklektisch verhalten und ist der eine hier, der andere dort rezipiert worden. Eben insofern ist die Geschichte des griechischen Alphabets so lehrreich, als sie zeigt, wie in Handwerk und Kunst einzelne Gruppen der griechischen Landschaften die Neuerungen austauschten, andere in keinem solchen Wechselverhaeltnis standen. Was insbesondere Italien betrifft, so ist schon auf den merkwuerdigen Gegensatz der achaeischen Ackerstaedte zu den chalkidischen und dorischen mehr kaufmaennischen Kolonien aufmerksam gemacht worden; in jenen sind durchgaengig die primitiven Formen festgehalten, in diesen die verbesserten Formen angenommen, selbst solche, die von verschiedenen Seiten kommend sich gewissermassen widersprechen, wie das C Y neben dem V l. Die italischen Alphabete stammen, wie Kirchhoff gezeigt hat, durchaus von dem Alphabet der italischen Griechen und zwar von dem chalkidisch-dorischen her; dass aber die Etrusker und die Latiner nicht die einen von den andern, sondern beide unmittelbar von den Griechen das Alphabet empfingen, setzt besonders die verschiedene Form des r ausser Zweifel. Denn waehrend von den vier oben bezeichneten Modifikationen des Alphabets, die die italischen Griechen ueberhaupt angehen (die fuenfte blieb auf Kleinasien beschraenkt), die drei ersten bereits durchgefuehrt waren, bevor dasselbe auf die Etrusker und Latiner ueberging, war die Differenzierung von p und r noch nicht geschehen, als dasselbe nach Etrurien kam, dagegen wenigstens begonnen, als die Latiner es empfingen, weshalb fuer r die Etrusker die Form R gar nicht kennen, dagegen bei den Faliskern und den Latinern mit der einzigen Ausnahme des Dresselschen Tongefaesses ausschliesslich die juengere Form begegnet.
^4 Dass das Koppa den Etruskern von jeher gefehlt hat, scheint nicht zweifelhaft: denn nicht bloss begegnet sonst nirgends eine sichere Spur desselben, sondern es fehlt auch in dem Musteralphabet des galassischen Gefaesses. Der Versuch, es in dem Syllabarium desselben nachzuweisen, ist auf jeden Fall verfehlt, da dieses nur auf die auch spaeterhin gemein gebraeuchlichen etruskischen Buchstaben Ruecksicht nimmt und nehmen kann zu diesen aber das Koppa notorisch nicht gehoert; ueberdies kann das am Schluss stehende Zeichen seiner Stellung nach nicht wohl einen anderen Wert haben als den des f, das im etruskischen Alphabet eben das letzte ist und das in dem, die Abweichungen .des etruskischen Alphabets von seinem Muster darlegenden Syllabarium nicht fehlen durfte. Auffallend bleibt es freilich, dass in dem nach Etrurien gelangten griechischen Alphabet das Koppa mangelte da es sonst in dem chalkidisch-dorischen sich lange behauptet hat; aber es kann dies fueglich eine lokale Eigentuemlichkeit derjenigen Stadt gewesen sein, deren Alphabet zunaechst nach Etrurien gekommen ist. Darin, ob ein als ueberfluessig werdendes Zeichen im Alphabet stehenbleibt oder ausfaellt, hat zu allen Zeiten Willkuer und Zufall gewaltet; so hat das attische Alphabet das achtzehnte phoenikische Zeichen eingebuesst, die uebrigen aus der Lautschrift verschwundenen im Alphabet festgehalten.
^5 Die vor kurzem bekannt gewordene goldene Spange von Praeneste (RM 2, 1887), unter den verstaendlichen Denkmaelern lateinischer Sprache und lateinischer Schrift das weitaus aelteste zeigt die aeltere Form des m, das raetselhafte Tongefaess vom Quirinal (herausgegeben von A. Dressel in den AdI 52, 1880) die aeltere Form des r.