Ueber die Entwicklung der musischen Kuenste bei den Etruskern und Sabellern mangelt uns so gut wie jede Kunde ^8. Es kann hoechstens erwaehnt werden, dass auch in Etrurien die Taenzer (histri, histriones) und die Floetenspieler (subulones) frueh und wahrscheinlich noch frueher als in Rom aus ihrer Kunst ein Gewerbe machten und nicht bloss in der Heimat, sondern auch in Rom um geringen Lohn und keine Ehre sich oeffentlich produzierten. Bemerkenswerter ist es, dass an dem etruskischen Nationalfest, welches die saemtlichen Zwoelfstaedte durch einen Bundespriester ausrichteten, Spiele wie die des roemischen Stadtfestes gegeben wurden; indes die dadurch nahegelegte Frage, inwieweit die Etrusker mehr als die Latiner zu einer nationalen, ueber den einzelnen Gemeinden stehenden musischen Kunst gelangt sind, sind wir zu beantworten nicht mehr imstande. Anderseits mag wohl in Etrurien schon in frueherer Zeit der Grund gelegt sein zu der geistlosen Ansammlung gelehrten, namentlich theologischen und astrologischen Plunders, durch den die Tusker spaeterhin, als in dem allgemeinen Verfall die Zopfgelehrsamkeit zur Bluete kam, mit den Juden, Chaldaeern und Aegyptern die Ehre teilten, als Urquell goettlicher Weisheit angestaunt zu werden.

Womoeglich noch weniger wissen wir von sabellischer Kunst; woraus natuerlich noch keineswegs folgt, dass sie der der Nachbarstaemme nachgestanden hat. Vielmehr laesst sich nach dem sonst bekannten Charakter der drei Hauptstaemme vermuten, dass an kuenstlerischer Begabung die Samniten den Hellenen am naechsten, die Etrusker ihnen am fernsten gestanden haben moegen; und eine gewisse Bestaetigung dieser Annahme gewaehrt die Tatsache, dass die bedeutendsten und eigenartigsten unter den roemischen Poeten, wie Naevius, Ennius, Lucilius, Horatius, den samnitischen Landschaften angehoeren, wogegen Etrurien in der roemischen Literatur fast keine anderen Vertreter hat als den Arretiner Maecenas, den unleidlichsten aller herzvertrockneten und worteverkraeuselnden Hofpoeten, und den Volaterraner Persius, das rechte Ideal eines hoffaertigen und mattherzigen, der Poesie beflissenen Jungen.

Die Elemente der Baukunst sind, wie dies schon angedeutet ward, uraltes Gemeingut der Staemme. Den Anfang aller Tektonik macht das Wohnhaus; es ist dasselbe bei Griechen und Italikern. Von Holz gebaut und mit einem spitzen Stroh- oder Schindeldach bedeckt, bildet es einen viereckigen Wohnraum, welcher durch die mit dem Regenloch im Boden korrespondierende Deckenoeffnung (cavum aedium) den Rauch entlaesst und das Licht einfuehrt. Unter dieser “schwarzen Decke” (atrium) werden die Speisen bereitet und verzehrt; hier werden die Hausgoetter verehrt und das Ehebett wie die Bahre aufgestellt; hier empfaengt der Mann die Gaeste und sitzt die Frau spinnend im Kreise ihrer Maegde. Das Haus hatte keinen Flur, insofern man nicht den unbedeckten Raum zwischen der Haustuer und der Strasse dafuer nehmen will, welcher seinen Namen vestibulum, das ist der Ankleideplatz, davon erhielt, dass man im Hause im Untergewand zu gehen pflegte und nur, wenn man hinaustrat, die Toga umwarf. Auch eine Zimmereinteilung mangelte, ausser dass um den Wohnraum herum Schlaf- und Vorratskammern angebracht werden konnten; und an Treppen und aufgesetzte Stockwerke ist noch weniger zu denken.

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^8 Dass die Atellanen und Fescenninen nicht der kampanischen und etruskischen, sondern der latinischen Kunst angehoeren, wird seiner Zeit gezeigt werden.

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Ob und wieweit aus diesen Anfaengen eine national-italische Tektonik hervorging, ist kaum zu entscheiden, da die griechische Einwirkung schon in der fruehesten Zeit hier uebermaechtig eingegriffen und die etwa vorhandenen volkstuemlichen Anfaenge fast ganz ueberwuchert hat. Schon die aelteste italische Baukunst, welche uns bekannt ist, steht nicht viel weniger unter dem Einfluss der griechischen als die Tektonik der augustischen Zeit. Die uralten Graeber von Caere und Alsium sowie wahrscheinlich auch das aelteste unter den kuerzlich aufgedeckten praenestinischen sind ganz wie die Thesauren von Orchomenos und Mykenae durch uebereinandergeschobene, allmaehlich einspringende und mit einem grossen Deckstein geschlossene Steinlagen ueberdacht gewesen. In derselben Weise ist ein sehr altertuemliches Gebaeude an der Stadtmauer von Tusculum gedeckt, und ebenso gedeckt war urspruenglich das Quellhaus (tullianum) am Fusse des Kapitols, bis des darauf gesetzten Gebaeudes wegen die Spitze abgetragen ward. Die nach demselben System angelegten Tore gleichen sich voellig in Arpinum und in Mykenae. Der Emissar des Albaner Sees hat die groesste Aehnlichkeit mit dem des Kopaischen. Die sogenannten kyklopischen Ringmauern kommen in Italien, vorzugsweise in Etrurien, Umbrien, Latium und der Sabina haeufig vor und gehoeren der Anlage nach entschieden zu den aeltesten Bauwerken Italiens, obwohl der groesste Teil der jetzt vorhandenen wahrscheinlich erst viel spaeter, einzelne sicher erst im siebenten Jahrhundert der Stadt aufgefuehrt worden sind. Sie sind, eben wie die griechischen, bald ganz roh aus grossen unbearbeiteten Felsbloecken mit dazwischen eingeschobenen kleineren Steinen, bald quadratisch in horizontalen Lagen ^9, bald aus vieleckig zugehauenen, ineinandergreifenden Bloecken geschichtet; ueber die Wahl des einen oder des anderen dieser Systeme entschied in der Regel wohl das Material, wie denn in Rom, wo man in aeltester Zeit nur aus Tuff baute, deswegen der Polygonalbau nicht vorkommt. Die Analogie der beiden ersten einfacheren Arten mag man auf die des Baustoffs und des Bauzwecks zurueckfuehren; aber es kann schwerlich fuer zufaellig gehalten werden, dass auch der kuenstliche polygone Mauerbau und das Tor mit dem durchgaengig links einbiegenden und die unbeschildete rechte Seite des Angreifers den Verteidigern blosslegenden Torweg den italischen Festungen ebensowohl wie den griechischen eignet. Bedeutsame Winke liegen auch darin, dass in demjenigen Teil Italiens, der von den Hellenen zwar nicht unterworfen, aber doch mit ihnen in lebhaftem Verkehr war, der eigentliche polygone Mauerbau landueblich war und er in Etrurien nur in Pyrgi und in den nicht sehr weit davon entfernten Staedten Cosa und Saturnia begegnet; da die Anlage der Mauer von Pyrgi, zumal bei dem bedeutsamen Namen (“Tuerme”), wohl ebenso sicher den Griechen zugeschrieben werden kann wie die der Mauern von Tirynth, so steht hoechst wahrscheinlich in ihnen noch uns eines der Muster vor Augen, an denen die Italiker den Mauerbau lernten. Der Tempel endlich, der in der Kaiserzeit der tuscanische hiess und als eine den verschiedenen griechischen Tempelbauten koordinierte Stilgattung betrachtet ward, ist sowohl im ganzen eben wie der griechische ein gewoehnlich viereckiger ummauerter Raum (cella), ueber welchem Waende und Saeulen das schraege Dach schwebend emportragen, als auch im einzelnen, vor allem in der Saeule selbst und ihrem architektonischen Detail, voellig abhaengig von dem griechischen Schema. Es ist nach allem diesem wahrscheinlich wie auch an sich glaublich, dass die italische Baukunst vor der Beruehrung mit den Hellenen sich auf Holzhuetten, Verhacke und Erd- und Steinaufschuettungen beschraenkte und dass die Steinkonstruktion erst in Aufnahme kam durch das Beispiel und die besseren Werkzeuge der Griechen. Kaum zu bezweifeln ist es, dass die Italiker erst von diesen den Gebrauch des Eisens kennenlernten und von ihnen die Moertelbereitung (cal[e]x, calecare, von χάλιξ), die Maschine (machina μηχανή), das Richtmass (groma, verdorben aus γνώμων γνώμα) und den kuenstlichen Verschluss (clatri κλήθρον) ueberkamen. Demnach kann von einer eigentuemlich italischen Architektur kaum gesprochen werden. Doch mag in dem Holzbau des italischen Wohnhauses neben den durch griechischen Einfluss hervorgerufenen Abaenderungen manches Eigentuemliche festgehalten oder auch erst entwickelt worden sein und dies dann wieder auf den Bau der italischen Goetterhaeuser zurueckgewirkt haben. Die architektonische Entwicklung des Hauses aber ging in Italien aus von den Etruskern. Der Latiner und selbst der Sabeller hielten noch fest an der ererbten Holzhuette und der guten alten Sitte, dem Gotte wie dem Geist nicht eine geweihte Wohnung, sondern nur einen geweihten Raum anzuweisen, als der Etrusker schon begonnen hatte, das Wohnhaus kuenstlerisch umzubilden und nach dem Muster des menschlichen Wohnhauses auch dem Gotte einen Tempel und dem Geist ein Grabgemach zu errichten. Dass man in Latium zu solchen Luxusbauten erst unter etruskischem Einfluss vorschritt, beweist die Bezeichnung des aeltesten Tempelbau- und des aeltesten Hausbaustils als tuscanischer ^10. Was den Charakter dieser Uebertragung anlangt, so ahmt der griechische Tempel wohl auch die allgemeinen Umrisse des Zeltes oder des Wohnhauses nach; aber er ist wesentlich von Quadern gebaut und mit Ziegeln gedeckt, und in dem durch den Stein und den gebrannten Ton bestimmten Verhaeltnissen haben sich fuer ihn die Gesetze der Notwendigkeit und der Schoenheit entwickelt. Dem Etrusker dagegen blieb der scharfe griechische Gegensatz zwischen der von Holz hergerichteten Menschen- und der steinernen Goetterwohnung fremd; die Eigentuemlichkeiten des tuscanischen Tempels: der mehr dem Quadrat sich naehernde Grundriss, der hoehere Giebel, die groessere Weite der Zwischenraeume zwischen den Saeulen, vor allem die gesteigerte Schraegung und das auffallende Vortreten der Dachbalkenkoepfe ueber die tragenden Saeulen gehen saemtlich aus der groesseren Annaeherung des Tempels an das Wohnhaus und aus den Eigentuemlichkeiten des Holzbaues hervor.

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^9 Dieser Art sind die Servianischen Mauern gewesen. Sie bestehen teils aus einer Verstaerkung der Huegelabhaenge durch vorgelegte bis zu vier Metern starke Futtermauern, teils in den Zwischenraeumen, vor allem am Viminal und Quirinal, wo vom Esquilinischen bis zum Collinischen Tore die natuerliche Verteidigung fehlte, aus einem Erdwall, welcher nach aussen durch eine aehnliche Futtermauer abgeschlossen wird. Auf diesen Futtermauern ruhte die Brustwehr. Ein Graben, nach zuverlaessigen Berichten der Alten 30 Fuss tief und 100 Fuss breit, zog sich vor dem Wall hin, zu dem die Erde aus eben diesem Graben genommen war. Die Brustwehr hat sich nirgends erhalten; von den Futtermauern sind in neuerer Zeit ausgedehnte Ueberreste zum Vorschein gekommen. Die Tuffbloecke derselben sind im laenglichen Rechteck behauen, durchschnittlich 60 Zentimeter (= 2 roem. Fuss) hoch und breit, waehrend die Laenge von 70 Zentimetern bis zu drei Metern wechselt, und ohne Anwendung von Moertel, abwechselnd mit den Lang- und mit den Schmalseiten nach aussen, in mehreren Reihen nebeneinander geschichtet.

Der im Jahre 1862 in der Villa Negroni aufgedeckte Teil des Servianischen Walls am Viminalischen Tor ruht auf einem Fundament gewaltiger Tuffbloecke von drei bis vier Metern Hoehe und Breite, auf welchem dann aus Bloecken von demselben Material und derselben Groesse, wie sie bei der Mauer sonst verwandt waren, die Aussenmauer sich erhob. Der dahinter aufgeschuettete Erdwall scheint auf der oberen Flaeche eine Breite bis zu etwa dreizehn Metern oder reichlich 40 roem. Fuss, die ganze Mauerwehr mit Einrechnung der Aussenmauer von Quadern eine Breite bis zu fuenfzehn Metern oder 50 roem. Fuss gehabt zu haben. Die Stuecke aus Peperinbloecken, welche mit eisernen Klammern verbunden sind, sind erst bei spaeteren Ausbesserungsarbeiten hinzugekommen.