Wenn aber endlich ueber die Kunstbegabung der verschiedenen italischen Nationen ein Urteil gefaellt werden soll, so ist schon hier ersichtlich, was freilich in den spaeteren Stadien der Kunstgeschichte noch bei weitem deutlicher hervortritt, dass die Etrusker wohl frueher zur Kunstuebung gelangt sind und massenhafter und reicher gearbeitet haben, dagegen ihre Werke hinter den latinischen und sabellischen an Zweckrichtigkeit und Nuetzlichkeit nicht minder wie an Geist und Schoenheit zurueckstehen. Es zeigt sich dies allerdings fuer jetzt nur noch in der Architektur. Der ebenso zweckmaessige wie schoene polygone Mauerbau ist in Latium und dem dahinterliegenden Binnenland haeufig, in Etrurien selten und nicht einmal Caeres Mauern sind aus vieleckigen Bloecken geschichtet. Selbst in der auch kunstgeschichtlich merkwuerdigen religioesen Hervorhebung des Bogens und der Bruecke in Latium ist es wohl erlaubt, die Anfaenge der spaeteren roemischen Aquaedukte und roemischen Konsularstrassen zu erkennen. Dagegen haben die Etrusker den hellenischen Prachtbau wiederholt, aber auch verdorben, indem sie die fuer den Steinbau festgestellten Gesetze nicht durchaus geschickt auf den Holzbau uebertrugen und durch das tief hinabgehende Dach und die weiten Saeulenzwischenraeume ihrem Gotteshaus, mit einem alten Baumeister zu reden, “ein breites, niedriges, sperriges und schwerfaelliges Ansehen” gegeben haben. Die Latiner haben aus der reichen Fuelle der griechischen Kunst nur sehr weniges ihrem energisch realistischen Sinne kongenial gefunden, aber was sie annahmen, der Idee nach und innerlich sich angeeignet und in der Entwicklung des polygonen Mauerbaus vielleicht ihre Lehrmeister uebertroffen; die etruskische Kunst ist ein merkwuerdiges Zeugnis handwerksmaessig angeeigneter und handwerksmaessig festgehaltener Fertigkeiten, aber so wenig wie die chinesische ein Zeugnis auch nur genialer Rezeptivitaet. Wie man sich auch straeuben mag, so gut wie man laengst aufgehoert hat, die griechische Kunst aus der etruskischen abzuleiten, wird man sich auch noch entschliessen muessen, in der Geschichte der italischen Kunst die Etrusker aus der ersten in die letzte Stelle zu versetzen.