Unter diesen Verhältnissen traf der neue Statthalter Gaius Caesar im Frühling 696 (58) in dem Narbonensischen Gallien ein, das zu seiner ursprünglichen, das Diesseitige Gallien nebst Istrien und Dalmatien umfassenden Statthalterschaft durch Senatsbeschluß hinzugefügt worden war. Sein Amt, das ihm zuerst auf fünf (bis Ende 700 54), dann im Jahre 699 (55) auf weitere fünf Jahre (bis Ende 705 49) übertragen ward, gab ihm das Recht, zehn Unterbefehlshaber von proprätorischem Rang zu ernennen, und - wenigstens nach seiner Auslegung - aus der besonders im Diesseitigen Gallien zahlreichen Bürgerbevölkerung des ihm gehorchenden Gebiets nach Gutdünken seine Legionen zu ergänzen oder auch neue zu bilden. Das Heer, das er in den beiden Provinzen übernahm, bestand an Linienfußvolk aus vier geschulten und kriegsgewohnten Legionen, der siebenten, achten, neunten und zehnten, oder höchstens 24000 Mann, wozu dann, wie üblich, die Untertanenkontingente hinzutraten. Reiterei und Leichtbewaffnete waren außerdem vertreten durch Reiter aus Spanien und numidische, kretische, balearische Schützen und Schleuderer. Caesars Stab, die Elite der hauptstädtischen Demokratie, enthielt neben nicht wenigen unbrauchbaren, vornehmen jungen Männern einzelne fähige Offiziere, wie Publius Crassus, den jüngeren Sohn des alten politischen Bundesgenossen Caesars, und Titus Labienus, der dem Haupt der Demokratie als treuer Adjutant vom Forum auf das Schlachtfeld gefolgt war. Bestimmte Aufträge hatte Caesar nicht erhalten; für den Einsichtigen und Mutigen lagen sie in den Verhältnissen. Auch hier war nachzuholen, was der Senat versäumt hatte, und vor allen Dingen der Strom der deutschen Völkerwanderung zu hemmen. Ebenjetzt begann die mit der deutschen eng verflochtene und seit langen Jahren vorbereitete helvetische Invasion. Um die verlassenen Hütten nicht den Germanen zu gönnen, und um sich selber die Rückkehr unmöglich zu machen, hatten die Helvetier ihre Städte und Weiler niedergebrannt, und ihre langen Wagenzüge, mit Weibern, Kindern und dem besten Teil der Fahrnis beladen, trafen von allen Seiten her am Leman bei Genava (Genf) ein, wo sie und ihre Genossen sich zum 28. März ^13 dieses Jahres Rendezvous gegeben hatten. Nach ihrer eigenen Zählung bestand die gesamte Masse aus 368000 Köpfen, wovon etwa der vierte Teil imstande war, die Waffen zu tragen. Das Juragebirge, das vom Rhein bis zur Rhone sich erstreckend die helvetische Landschaft gegen Westen fast vollständig abschloß und dessen schmale Defileen für den Durchzug einer solchen Karawane ebenso schlecht geeignet waren wie gut für die Verteidigung, hatten darum die Führer beschlossen, in südlicher Richtung zu umgehen und den Weg nach Westen sich da zu eröffnen, wo zwischen dem südwestlichen und höchsten Teil des Jura und den savoyischen Bergen bei dem heutigen Fort de l’Ecluse die Rhone die Gebirgsketten durchbrochen hat. Allein am rechten Ufer treten hier die Felsen und Abgründe so hart an den Fluß, daß nur ein schmaler, leicht zu sperrender Pfad übrig bleibt und die Sequaner, denen dies Ufer gehörte, den Helvetiern mit Leichtigkeit den Paß verlegen konnten. Sie zogen es darum vor, oberhalb des Durchbruchs der Rhone auf das linke allobrogische Ufer überzugehen, um weiter stromabwärts, wo die Rhone in die Ebene eintritt, wieder das rechte zu gewinnen und dann weiter nach dem ebenen Westen Galliens zu ziehen; dort war der fruchtbare Kanton der Santonen (Saintonge, das Tal der Charente) am Atlantischen Meer von den Wanderern zu ihrem neuen Wohnsitz ausersehen. Dieser Marsch führte, wo er das linke Rhoneufer betrat, durch römisches Gebiet; und Caesar, ohnehin nicht gemeint, sich die Festsetzung der Helvetier im westlichen Gallien gefallen zu lassen, war fest entschlossen, ihnen den Durchzug nicht zu gestatten. Allein von seinen vier Legionen standen drei weit entfernt bei Aquileia; obwohl er die Milizen der jenseitigen Provinz schleunigst aufbot, schien es kaum möglich, mit einer so geringen Mannschaft dem zahllosen Keltenschwarm den Übergang über die Rhone, von ihrem Austritt aus dem Leman bei Genf bis zu ihrem Durchbruch, auf einer Strecke von mehr als drei deutschen Meilen, zu verwehren. Caesar gewann indes durch Unterhandlungen mit den Helvetiern, die den Übergang über den Fluß und den Marsch durch das allobrogische Gebiet gern in friedlicher Weise bewerkstelligt hätten, eine Frist von fünfzehn Tagen, welche dazu benutzt ward, die Rhonebrücke bei Genava (Genf) abzubrechen und das südliche Ufer der Rhone durch eine fast vier deutsche Meilen lange Verschanzung dem Feinde zu sperren - es war die erste Anwendung des von den Römern später in so ungeheurem Umfang durchgeführten Systems, mittels einer Kette einzelner, durch Wälle und Gräben miteinander in Verbindung gesetzter Schanzen die Reichsgrenze militärisch zu schließen. Die Versuche der Helvetier, auf Kähnen oder mittels Furten an verschiedenen Stellen das andere Ufer zu gewinnen, wurden in diesen Linien von den Römern glücklich vereitelt und die Helvetier genötigt, von dem Rhoneübergang abzustehen. Dagegen vermittelte die den Römern feindlich gesinnte Partei in Gallien, die an den Helvetiern eine mächtige Verstärkung zu erhalten hoffte, namentlich der Häduer Dumnorix, des Divitiacus Bruder und in seinem Gau wie dieser an der Spitze der römischen so seinerseits an der Spitze der nationalen Partei, ihnen den Durchmarsch durch die Jurapässe und das Gebiet der Sequaner. Dies zu verbieten hatten die Römer keinen Rechtsgrund; allein es standen für sie bei dem helvetischen Heerzug andere und höhere Interessen auf dem Spiel als die Frage der formellen Integrität des römischen Gebiets - Interessen, die nur gewahrt werden konnten, wenn Caesar, statt, wie alle Statthalter des Senats, wie selbst Marius getan, auf die bescheidene Aufgabe der Grenzbewachung sich zu beschränken, an der Spitze einer ansehnlichen Armee die bisherige Reichsgrenze überschritt. Caesar war Feldherr nicht des Senats, sondern des Staates: er schwankte nicht. Sogleich von Genava aus hatte er sich in eigener Person nach Italien begeben und mit der ihm eigenen Raschheit die drei dort kantonnierenden sowie zwei neugebildete Rekrutenlegionen herangeführt. Diese Truppen vereinigte er mit dem bei Genava stehenden Korps und überschritt mit der gesamten Macht die Rhone. Sein unvermutetes Erscheinen im Gebiete der Häduer brachte natürlich daselbst sofort wieder die römische Partei ans Regiment, was der Verpflegung wegen nicht gleichgültig war. Die Helvetier fand er beschäftigt, die Saône zu passieren und aus dem Gebiet der Sequaner in das der Häduer einzurücken; was von ihnen noch am linken Saôneufer stand, namentlich das Korps der Tigoriner, ward von den rasch vordringenden Römern aufgehoben und vernichtet. Das Gros des Zuges war indes bereits auf das rechte Ufer des Flusses übergesetzt; Caesar folgte ihnen und bewerkstelligte den Übergang, den der ungeschlachte Zug der Helvetier in zwanzig Tagen nicht hatte vollenden können, in vierundzwanzig Stunden. Die Helvetier, durch diesen Übergang der römischen Armee über den Fluß gehindert, ihren Marsch in westlicher Richtung fortzusetzen, schlugen die Richtung nach Norden ein, ohne Zweifel in der Voraussetzung, daß Caesar nicht wagen werde, ihnen weit in das innere Gallien hinein zu folgen, und in der Absicht, wenn er von ihnen abgelassen habe, sich wieder ihrem eigentlichen Ziel zuzuwenden. Fünfzehn Tage marschierte das römische Heer in dem Abstand etwa einer deutschen Meile von dem feindlichen hinter demselben her, an seine Fersen sich heftend und auf einen günstigen Augenblick hoffend, um den feindlichen Heereszug unter den Bedingungen des Sieges anzugreifen und zu vernichten. Allein dieser Augenblick kam nicht; wie schwerfällig auch die helvetische Karawane einherzog, die Führer wußten einen Überfall zu verhüten und zeigten sich wie mit Vorräten reichlich versehen, so durch ihre Spione von jedem Vorgang im römischen Lager aufs genaueste unterrichtet. Dagegen fingen die Römer an, Mangel an dem Notwendigsten zu leiden, namentlich als die Helvetier sich von der Saône entfernten und der Flußtransport aufhörte. Das Ausbleiben der von den Häduern versprochenen Zufuhren, aus dem diese Verlegenheit zunächst hervorging, erregte um so mehr Verdacht, als beide Heere immer noch auf ihrem Gebiete sich herumbewegten. Ferner zeigte sich die ansehnliche, fast 4000 Pferde zählende römische Reiterei völlig unzuverlässig - was freilich erklärlich war, da dieselbe fast ganz aus keltischer Ritterschaft, namentlich den Reitern der Häduer unter dem Befehl des wohlbekannten Römerfeindes Dumnorix bestand und Caesar selbst sie mehr noch als Geiseln denn als Soldaten übernommen hatte. Man hatte guten Grund zu glauben, daß eine Niederlage, die sie von der weit schwächeren helvetischen Reiterei erlitten, durch sie selbst herbeigeführt worden war, und daß durch sie der Feind von allen Vorfällen im römischen Lager unterrichtet ward. Caesars Lage wurde bedenklich; in leidiger Deutlichkeit kam es zu Tage, was selbst bei den Häduern, trotz ihres offiziellen Bündnisses mit Rom und der nach Rom sich neigenden Sonderinteressen dieses Gaus, die keltische Patriotenpartei vermochte; was sollte daraus werden, wenn man in die gärende Landschaft tiefer und tiefer sich hineinwagte und von den Verbindungen immer weiter sich entfernte? Eben zogen die Heere an der Hauptstadt der Häduer, Bibracte (Autun), in mäßiger Entfernung vorüber; Caesar beschloß, dieses wichtigen Ortes sich mit gewaffneter Hand zu bemächtigen, bevor er den Marsch in das Binnenland fortsetzte, und es ist wohl möglich, daß er überhaupt beabsichtigte, von weiterer Verfolgung abzustehen und in Bibracte sich festzusetzen. Allein da er, von der Verfolgung ablassend, sich gegen Bibracte wendete, meinten die Helvetier, daß die Römer zur Flucht Anstalt machten, und griffen nun ihrerseits an. Mehr hatte Caesar nicht gewünscht. Auf zwei parallel laufenden Hügelreihen stellten die beiden Heere sich auf; die Kelten begannen das Gefecht, sprengten die in die Ebene vorgeschobene römische Reiterei auseinander und liefen an gegen die am Abhang des Hügels postierten römischen Legionen, mußten aber hier vor Caesars Veteranen weichen. Als darauf die Römer, ihren Vorteil verfolgend, nun ihrerseits in die Ebene hinabstiegen, gingen die Kelten wieder gegen sie vor und ein zurückgehaltenes keltisches Korps nahm sie zugleich in die Flanke. Dem letzteren ward die Reserve der römischen Angriffskolonne entgegengeworfen; sie drängte dasselbe von der Hauptmasse ab auf das Gepäck und die Wagenburg, wo es aufgerieben ward. Auch das Gros des helvetischen Zuges ward endlich zum Weichen gebracht und genötigt, den Rückzug in östlicher Richtung zu nehmen - der entgegengesetzten von derjenigen, in die ihr Zug sie führte. Den Plan der Helvetier, am Atlantischen Meer sich neue Wohnsitze zu gründen, hatte dieser Tag vereitelt und die Helvetier der Willkür des Siegers überliefert; aber es war ein heißer auch für die Sieger gewesen. Caesar, der Ursache hatte, seinem Offizierkorps nicht durchgängig zu trauen, hatte gleich zu Anfang alle Offizierspferde fortgeschickt, um die Notwendigkeit standzuhalten den Seinigen gründlich klar zu machen; in der Tat würde die Schlacht, hätten die Römer sie verloren, wahrscheinlich die Vernichtung der römischen Armee herbeigeführt haben. Die römischen Truppen waren zu erschöpft, um die Überwundenen kräftig zu verfolgen; allein infolge der Bekanntmachung Caesars, daß er alle, die die Helvetier unterstützen würden, wie diese selbst als Feinde der Römer behandeln werde, ward, wohin die geschlagene Armee kam, zunächst in dem Gau der Lingonen (um Langres), ihr jede Unterstützung verweigert und, aller Zufuhr und ihres Gepäcks beraubt und belastet von der Masse des nicht kampffähigen Trosses, mußten sie wohl dem römischen Feldherrn sich unterwerfen. Das Los der Besiegten war ein verhältnismäßig mildes. Den heimatlosen Boiern wurden die Häduer angewiesen, in ihrem Gebiet Wohnsitze einzuräumen; und diese Ansiedlung der überwundenen Feinde inmitten der mächtigsten Kettengaue tat fast die Dienste einer römischen Kolonie. Die von den Helvetiern und Raurakern noch übrigen, etwas mehr als ein Drittel der ausgezogenen Mannschaft, wurden natürlich in ihr ehemaliges Gebiet zurückgesandt. Dasselbe wurde der römischen Provinz einverleibt, aber die Bewohner zum Bündnis mit Rom unter günstigen Bedingungen zugelassen, um unter römischer Hoheit am oberen Rhein die Grenze gegen die Deutschen zu verteidigen. Nur die südwestliche Spitze des helvetischen Gaus wurde von den Römern in unmittelbaren Besitz genommen und späterhin hier, an dem anmutigen Gestade des Leman, die alte Keltenstadt Noviodunum (jetzt Nyon) in eine römische Grenzfestung, die Julische Reiterkolonie ^14, umgewandelt.

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^13 Nach dem unberichtigten Kalender. Nach der gangbaren Rektifikation, die indes hier keineswegs auf hinreichend zuverlässigen Daten beruht, entspricht dieser Tag dem 16. April des Julianischen Kalenders.

^14 Julia Equestris, wo der letzte Beiname zu fassen ist wie in anderen Kolonien Caesars die Beinamen sextanorum, decimanorum, u. a. m. Es waren keltische oder deutsche Reiter Caesars, die, natürlich unter Erteilung des römischen oder doch des latinischen Bürgerrechts, hier Landlose empfingen.

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Am Oberrhein also war der drohenden Invasion der Deutschen vorgebeugt und zugleich die den Römern feindliche Partei unter den Kelten gedemütigt. Auch am Mittelrhein, wo die Deutschen bereits vor Jahren übergegangen waren und die in Gallien mit der römischen wetteifernde Macht des Ariovist täglich weiter um sich griff, mußte in ähnlicher Weise durchgegriffen werden, und leicht war die Veranlassung zum Bruche gefunden. Im Vergleich mit dem von Ariovist ihnen drohenden oder bereits auferlegten Joch mochte hier dem größeren Teil der Kelten jetzt die römische Suprematie das geringere Übel dünken; die Minorität, die an ihrem Römerhaß festhielt, mußte wenigstens verstummen. Ein unter römischem Einfluß abgehaltener Landtag der Keltenstämme des mittleren Galliens ersuchte im Namen der keltischen Nation den römischen Feldherrn um Beistand gegen die Deutschen. Caesar ging darauf ein. Auf seine Veranlassung stellten die Häduer die Zahlung des vertragsmäßig an Ariovist zu entrichtenden Tributes ein und forderten die gestellten Geiseln zurück, und da Ariovist wegen dieses Vertragsbruchs die Klienten Roms angriff, nahm Caesar davon Veranlassung, mit ihm in direkte Verhandlung zu treten und, außer der Rückgabe der Geiseln und dem Versprechen, mit den Häduern Frieden zu halten, namentlich zu fordern, daß Ariovist sich anheischig mache, keine Deutschen mehr über den Rhein nachzuziehen. Der deutsche Feldherr antwortete dem römischen in dem Vollgefühl ebenbürtigen Rechtes. Ihm sei das nördliche Gallien so gut nach Kriegsrecht untertänig geworden wie den Römern das südliche; wie er die Römer nicht hindere, von den Allobrogen Tribut zu nehmen, so dürften auch sie ihm nicht wehren, seine Untertanen zu besteuern. In späteren geheimen Eröffnungen zeigte es sich, daß der Fürst der römischen Verhältnisse wohl kundig war: er erwähnte der Aufforderungen, die ihm von Rom aus zugekommen seien, Caesar aus dem Wege zu räumen, und erbot sich, wenn Caesar ihm das nördliche Gallien überlassen wolle, ihm dagegen zur Erlangung der Herrschaft über Italien behilflich zu sein - wie ihm der Parteihader der keltischen Nation den Eintritt in Gallien eröffnet hatte, so schien er von dem Parteihader der italischen die Befestigung seiner Herrschaft daselbst zu erwarten. Seit Jahrhunderten war den Römern gegenüber diese Sprache der vollkommen ebenbürtigen und ihre Selbständigkeit schroff und rücksichtslos äußernden Macht nicht geführt worden, wie man sie jetzt von dem deutschen Heerkönig vernahm: kurzweg weigerte er sich zu kommen, als der römische Feldherr nach der bei Klientelfürsten hergebrachten Übung ihm ansann, vor ihm persönlich zu erscheinen. Um so notwendiger war es, nicht zu zaudern: sogleich brach Caesar auf gegen Ariovist. Ein panischer Schrecken ergriff seine Truppen, vor allem seine Offiziere, als sie daran sollten, mit den seit vierzehn Jahren nicht unter Dach und Fach gekommenen deutschen Kernscharen sich zu messen - auch in Caesars Lager schien die tiefgesunkene römische Sitten- und Kriegszucht sich geltend machen und Desertion und Meuterei hervorrufen zu wollen. Allein der Feldherr, indem er erklärte, nötigenfalls mit der zehnten Legion allein gegen den Feind zu ziehen, wußte nicht bloß durch solche Ehrenmahnung diese, sondern durch den kriegerischen Wetteifer auch die übrigen Regimenter an die Adler zu fesseln und etwas von seiner eigenen Energie den Truppen einzuhauchen. Ohne ihnen Zeit zu lassen, sich zu besinnen, führte er in raschen Märschen sie weiter und kam glücklich Ariovist in der Besetzung der sequanischen Hauptstadt Vesontio (Besançon) zuvor. Eine persönliche Zusammenkunft der beiden Feldherrn, die auf Ariovists Begehren stattfand, schien einzig einen Versuch gegen Caesars Person bedecken zu sollen; zwischen den beiden Zwingherren Galliens konnten nur die Waffen entscheiden. Vorläufig kam der Krieg zum Stehen. Im unteren Elsaß, etwa in der Gegend von Mülhausen, eine deutsche Meile vom Rhein ^15, lagerten die beiden Heere in geringer Entfernung voneinander, bis es Ariovist gelang, mit seiner sehr überlegenen Macht an dem römischen Lager vorbeimarschierend, sich ihm in den Rücken zu legen und die Römer von ihrer Basis und ihren Zufuhren abzuschneiden. Caesar versuchte sich aus seiner peinlichen Lage durch eine Schlacht zu befreien; allein Ariovist nahm sie nicht an. Dem römischen Feldherrn blieb nichts übrig, als trotz seiner geringen Stärke, die Bewegung des Feindes nachzuahmen und seine Verbindungen dadurch wieder zu gewinnen, daß er zwei Legionen am Feinde vorbeiziehen und jenseits des Lagers der Deutschen eine Stellung nehmen ließ, während vier in dem bisherigen Lager zurückblieben. Ariovist, da er die Römer geteilt sah, versuchte einen Sturm auf ihr kleineres Lager; allein die Römer schlugen ihn ab. Unter dem Eindruck dieses Erfolges ward das gesamte römische Heer zum Angriff vorgeführt; und auch die Deutschen stellten in Schlachtordnung sich auf, in langer Linie, jeder Stamm für sich, hinter sich, um die Flucht zu erschweren, die Karren der Armee mit dem Gepäck und den Weibern. Der rechte Flügel der Römer unter Caesars eigener Führung stürzte sich rasch auf den Feind und trieb ihn vor sich her; dasselbe gelang dem rechten Flügel der Deutschen. Noch stand die Waage gleich; allein die Taktik der Reserven entschied, wie so manchen anderen Kampf gegen Barbaren, so auch den gegen die Germanen zu Gunsten der Römer; ihre dritte Linie, die Publius Crassus rechtzeitig zur Hilfe sandte, stellte auf dem linken Flügel die Schlacht wieder her und damit war der Sieg entschieden. Bis an den Rhein ward die Verfolgung fortgesetzt; nur wenigen, darunter dem König, gelang es, auf das andere Ufer zu entkommen (696 58).

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^15 F. W. A. Göler (Cäsars gallischer Krieg. Karlsruhe 1858, S. 45f.) meint, das Schlachtfeld bei Cernay unweit Mühlhausen aufgefunden zu haben, was im ganzen übereinkommt mit Napoleons (précis p. 35) Ansetzung des Schlachtfeldes in der Gegend von Belfort. Diese Annahme ist zwar nicht sicher, aber den Umständen angemessen; denn daß Caesar für die kurze Strecke von Besançon bis dahin sieben Tagemärsche brauchte, erklärt er selbst (Lall. 1, 41) durch die Bemerkung, daß er einen Umweg von über zehn deutschen Meilen genommen, um die Bergwege zu vermeiden, und dafür, daß die Schlacht 5, nicht 50 Milien vom Rhein geschlagen ward, entscheidet bei gleicher Autorität der Überlieferung die ganze Darstellung der bis zum Rhein fortgesetzten und offenbar nicht mehrtägigen, sondern an dem Schlachttag selbst beendigten Verfolgung. Der Vorschlag W. Rüstows (Einleitung zu Caesars Kommentar, S. 117), das Schlachtfeld an die obere Saar zu verlegen, beruht auf einem Mißverständnis. Das von den Sequanern, Denkern, Lingonen erwartete Getreide soll dem römischen Heere nicht unterwegs auf dem Marsche gegen Ariovist zukommen, sondern vor dem Aufbruch nach Besançon geliefert und von den Truppen mitgenommen werden; wie dies sehr deutlich daraus hervorgeht, daß Caesar, indem er seine Truppen auf jene Lieferungen hinweist, daneben sie auf das unterwegs einzubringende Korn vertröstet. Von Besançon aus beherrschte Caesar die Gegend von Langres und Epinal und schrieb, wie begreiflich, seine Lieferungen lieber hier aus als in den ausfouragierten Distrikten, aus denen er kam.

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So glänzend kündigte dem mächtigen Strom, den hier die italischen Soldaten zum erstenmal erblickten, das römische Regiment sich an; mit einer einzigen glücklichen Schlacht war die Rheinlinie gewonnen. Das Schicksal der deutschen Ansiedlungen am linken Rheinufer lag in Caesars Hand; der Sieger konnte sie vernichten, aber er tat es nicht. Die benachbarten keltischen Gaue, die Sequaner, Leuker, Mediomatriker, waren weder wehrhaft noch zuverlässig; die übersiedelten Deutschen versprachen nicht bloß tapfere Grenzhüter, sondern auch bessere Untertanen Roms zu werden, da sie von den Kelten die Nationalität, von ihren überrheinischen Landsleuten das eigene Interesse an der Bewahrung der neugewonnenen Wohnsitze schied und sie bei ihrer isolierten Stellung nicht umhin konnten, an der Zentralgewalt festzuhalten. Caesar zog hier wie überall die überwundenen Feinde den zweifelhaften Freunden vor; er ließ den von Ariovist längs des linken Rheinufers angesiedelten Germanen, den Tribokern um Straßburg, den Nemetern um Speyer, den Vangionen um Worms, ihre neuen Sitze und vertraute ihnen die Bewachung der Rheingrenze gegen ihre Landsleute an ^16.