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^4 Da nach formellem Recht die “gesetzliche Ratversammlung” unzweifelhaft ebenso wie das “gesetzliche Gericht” nur in der Stadt selbst oder innerhalb der Bannmeile stattfinden konnte, so nannte die bei dem afrikanischen Heer den Senat vertretende Versammlung sich die “Dreihundert” (Bell. Afr. 88, 90; App. hist. 2, 95), nicht weil er aus 300 Mitgliedern bestand, sondern weil dies die uralte Normzahl der Senatoren war. Es ist sehr glaublich, daß diese Versammlung sich durch angesehene Ritter verstärkte; aber wenn Plutarch (Cato min. 59, 61) die Dreihundert zu italischen Großhändlern macht, so hat er seine Quelle (Bell. Afr. 90) mißverstanden. Ähnlich wird der Quasisenat schon in Thessalonike geordnet gewesen sein.
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Die Leitung der militärischen Vorbereitungen im makedonischen Lager lag in der Hand des Oberfeldherrn Pompeius. Die stets schwierige und gedrückte Stellung desselben hatte durch die unglücklichen Ereignisse des Jahres 705 (49) sich noch verschlimmert. In den Augen seiner Parteigenossen trug wesentlich er davon die Schuld. Es war das in vieler Hinsicht nicht gerecht. Ein guter Teil der erlittenen Unfälle kam auf Rechnung der Verkehrtheit und Unbotmäßigkeit der Unterfeldherren, namentlich des Konsuls Lentulus und des Lucius Domitius; von dem Augenblick an, wo Pompeius an die Spitze der Armee getreten war, hatte er sie geschickt und mutig geführt und wenigstens sehr ansehnliche Streitkräfte aus dem Schiffbruch gerettet; daß er Caesars jetzt von allen anerkanntem, durchaus überlegenem Genie nicht gewachsen war, konnte billigerweise ihm nicht vorgeworfen werden. Indes es entschied allein der Erfolg. Im Vertrauen auf den Feldherrn Pompeius hatte die Verfassungspartei mit Caesar gebrochen; die verderblichen Folgen dieses Bruches fielen auf den Feldherrn Pompeius zurück, und wenn auch bei der notorischen militärischen Unfähigkeit aller übrigen Chefs kein Versuch gemacht ward, das Oberkommando zu wechseln, so war doch wenigstens das Vertrauen zu dem Oberfeldherrn paralysiert. Zu diesen Nachwehen der erlittenen Niederlagen kamen die nachteiligen Einflüsse der Emigration. Unter den eintreffenden Flüchtlingen war allerdings eine Anzahl tüchtiger Soldaten und fähiger Offiziere namentlich der ehemaligen spanischen Armee; allein die Zahl derer, die kamen, um zu dienen und zu fechten, war ebenso gering, wie zum Erschrecken groß die der vornehmen Generale, die mit ebenso gutem Fug wie Pompeius sich Prokonsuln und Imperatoren nannten, und der vornehmen Herren, die mehr oder weniger unfreiwillig am aktiven Kriegsdienst sich beteiligten. Durch diese ward die hauptstädtische Lebensweise in das Feldlager eingebürgert, keineswegs zum Vorteil des Heeres: die Zelte solcher Herren waren anmutige Lauben, der Boden mit frischem Rasen zierlich bedeckt, die Wände mit Efeu bekleidet; auf dem Tisch stand silbernes Tafelgeschirr und oft kreiste dort schon am hellen Tage der Becher. Diese eleganten Krieger machten einen seltsamen Kontrast mit Caesars Grasteufeln, vor deren grobem Brot jene erschraken und die in Ermangelung dessen auch Wurzeln aßen und schwuren, eher Baumrinde zu kauen als vom Feinde abzulassen. Wenn ferner die unvermeidliche Rücksicht auf eine kollegialische und ihm persönlich abgeneigte Behörde Pompeius schon an sich in seiner Tätigkeit hemmte, so steigerte diese Verlegenheit sich ungemein, als der Emigrantensenat beinahe im Hauptquartier selbst seinen Sitz aufschlug und nun alles Gift der Emigration in diesen Senatssitzungen sich entleerte. Eine bedeutende Persönlichkeit endlich, die gegen all diese Verkehrtheiten ihr eigenes Gewicht hätte einsetzen können, war nirgends vorhanden. Pompeius selbst war dazu geistig viel zu untergeordnet und viel zu zögernd, schwerfällig und versteckt. Marcus Cato würde wenigstens die erforderliche moralische Autorität gehabt und auch des guten Willens, Pompeius damit zu unterstützen, nicht ermangelt haben; allein Pompeius, statt ihn zum Beistand aufzufordern, setzte ihn mit mißtrauischer Eifersucht zurück und übertrug zum Beispiel das so wichtige Oberkommando der Flotte lieber an den in jeder Beziehung unfähigen Bibulus als an Cato. Wenn somit Pompeius die politische Seite seiner Stellung mit der ihm eigenen Verkehrtheit behandelte und was an sich schon verdorben war, nach Kräften weiter verdarb, so widmete er dagegen mit anerkennenswertem Eifer sich seiner Pflicht, die bedeutenden, aber aufgelösten Streitkräfte der Partei militärisch zu organisieren. Den Kern derselben bildeten die aus Italien mitgebrachten Truppen, aus denen mit den Ergänzungen aus den illyrischen Kriegsgefangenen und den in Griechenland domizilierten Römern zusammen fünf Legionen gebildet wurden. Drei andere kamen aus dem Osten: die beiden aus den Trümmern der Armee des Crassus gebildeten syrischen und eine aus den zwei schwachen, bisher in Kilikien stehenden kombinierte. Der Wegziehung dieser Besatzungstruppen stellte sich nichts in den Weg, da teils die Pompeianer mit den Parthern im Einvernehmen standen und selbst ein Bündnis mit ihnen hätten haben können, wenn Pompeius nicht unwillig sich geweigert hätte, den geforderten Preis: die Abtretung der von ihm selbst zum Reiche gebrachten syrischen Landschaft, dafür zu zahlen; teils Caesars Plan, zwei Legionen nach Syrien zu entsenden und durch den in Rom gefangengehaltenen Prinzen Aristobulos die Juden abermals unter die Waffen zu bringen, zum Teil durch andere Ursachen, zum Teil durch Aristobulos’ Tod vereitelt ward. Weiter wurden aus den in Kreta und Makedonien angesiedelten gedienten Soldaten eine, aus den kleinasiatischen Römern zwei neue Legionen ausgehoben. Zu allem dem kamen 2000 Freiwillige, die aus den Trümmern der spanischen Kernscharen und anderen ähnlichen Zuzügen hervorgingen, und endlich die Kontingente der Untertanen. Wie Caesar hatte Pompeius es verschmäht, von denselben Infanterie zu requirieren; nur zur Küstenbesatzung waren die epirotischen, ätolischen und thrakischen Milizen aufgeboten und außerdem an leichten Truppen 3000 griechische und kleinasiatische Schützen und 1200 Schleuderer angenommen worden. Die Reiterei dagegen bestand, außer einer aus dem jungen Adel Roms gebildeten, mehr ansehnlichen als militärisch bedeutenden Nobelgarde und den von Pompeius beritten gemachten apulischen Hirtensklaven, ausschließlich aus den Zuzügen der Untertanen und Klienten Roms. Den Kern bildeten die Kelten, teils von der Besatzung von Alexandreia, teils die Kontingente des Königs Deiotarus, der trotz seines hohen Alters an der Spitze seiner Reiterei in Person erschienen war, und der übrigen galatischen Dynasten. Mit ihnen wurden vereinigt die vortrefflichen thrakischen Reiter, die teils von ihren Fürsten Sadala und Rhaskuporis herangeführt, teils von Pompeius in der makedonischen Provinz angeworben waren; die kappadokische Reiterei; die von König Antiochos von Kommagene gesendeten, berittenen Schützen; die Zuzüge der Armenier von diesseits des Euphrat unter Taxiles, von jenseits desselben unter Megabares und die von König Juba gesandten numidischen Scharen - die gesamte Masse stieg auf 7000 Pferde.
Sehr ansehnlich endlich war die Pompeianische Flotte. Sie ward gebildet teils aus den von Brundisium mitgeführten oder später erbauten römischen Fahrzeugen, teils aus den Kriegsschiffen des Königs von Ägypten, der kolchischen Fürsten, des kilikischen Dynasten Tarkondimotos, der Städte Tyros, Rhodos, Athen, Kerkyra und überhaupt der sämtlichen asiatischen und griechischen Seestaaten und zählte gegen 500 Segel, wovon die römischen den fünften Teil ausmachten. An Getreide und Kriegsmaterial waren in Dyrrhachion ungeheure Vorräte aufgehäuft. Die Kriegskasse war wohlgefüllt, da die Pompeianer sich im Besitz der hauptsächlichen Einnahmequellen des Staats befanden und die Geldmittel der Klientelfürsten, der angesehenen Senatoren, der Steuerpächter und überhaupt der gesamten römischen und nichtrömischen Bevölkerung in ihrem Bereich für sich nutzbar machten. Was in Afrika, Ägypten, Makedonien, Griechenland, Vorderasien und Syrien das Ansehen der legitimen Regierung und Pompeius’ oftgefeierte Königs- und Völkerklientel vermochte, war zum Schutz der römischen Republik in Bewegung gesetzt worden; wenn in Italien die Rede ging, daß Pompeius die Geten, Kolcher und Armenier gegen Rom bewaffne, wenn im Lager er der “König der Könige” hieß, so waren dies kaum Übertreibungen zu nennen. Im ganzen gebot derselbe über eine Armee von 7000 Reitern und elf Legionen, von denen freilich höchstens fünf als kriegsgewohnt bezeichnet werden durften, und über eine Flotte von 500 Segeln. Die Stimmung der Soldaten, für deren Verpflegung und Sold Pompeius genügend sorgte und denen für den Fall des Sieges die überschwenglichsten Belohnungen zugesichert waren, war durchgängig gut, in manchen und eben den tüchtigsten Abteilungen sogar vortrefflich; indes bestand doch ein großer Teil der Armee aus neu ausgehobenen Truppen, deren Formierung und Exerzierung, wie eifrig sie auch betrieben ward, notwendigerweise Zeit erforderte. Die Kriegsmacht überhaupt war imposant, aber zugleich einigermaßen buntscheckig.
Nach der Absicht des Oberfeldherrn sollten bis zum Winter 705/06 (49/48) Heer und Flotte wesentlich vollständig an der Küste und in den Gewässern von Epirus vereinigt sein. Der Admiral Bibulus war auch bereits mit 110 Schiffen in seinem neuen Hauptquartier Kerkyra eingetroffen. Dagegen war das Landheer, dessen Hauptquartier während des Sommers zu Berrhöa am Haliakmon gewesen war, noch zurück; die Masse bewegte sich langsam auf der großen Kunststraße von Thessalonike nach der Westküste auf das künftige Hauptquartier Dyrrhachion zu; die beiden Legionen, die Metellus Scipio aus Syrien heranführte, standen gar noch bei Pergamon in Kleinasien im Winterquartier und wurden erst zum Frühjahr in Europa erwartet. Man nahm sich eben Zeit. Vorläufig waren die epirotischen Häfen außer durch die Flotte nur noch durch die Bürgerwehren und die Aufgebote der Umgegend verteidigt.
So war es Caesar möglich geblieben, trotz des dazwischenfallenden Spanischen Krieges auch in Makedonien die Offensive für sich zu nehmen, und er wenigstens säumte nicht. Längst hatte er die Zusammenziehung von Kriegs- und Transportschiffen in Brundisium angeordnet und nach der Kapitulation der spanischen Armee und dem Fall von Massalia die dort verwendeten Kerntruppen zum größten Teil ebendahin dirigiert. Die unerhörten Anstrengungen zwar, die also von Caesar den Soldaten zugemutet wurden, lichteten mehr als die Gefechte die Reihen, und die Meuterei einer der vier ältesten Legionen, der neunten, auf ihrem Durchmarsch durch Placentia war ein gefährliches Zeichen der bei der Armee einreißenden Stimmung; doch wurden Caesars Geistesgegenwart und persönliche Autorität derselben Herr, und von dieser Seite stand der Einschiffung nichts im Wege. Allein woran schon im März 705 (49) die Verfolgung des Pompeius gescheitert war, der Mangel an Schiffen, drohte auch diese Expedition zu vereiteln. Die Kriegsschiffe, die Caesar in den gallischen, sizilischen und italischen Häfen zu erbauen befohlen hatte, waren noch nicht fertig oder doch nicht zur Stelle; sein Geschwader im Adriatischen Meer war das Jahr zuvor bei Curicta vernichtet worden; er fand bei Brundisium nicht mehr als zwölf Kriegsschiffe und kaum Transportfahrzeuge genug, um den dritten Teil seiner nach Griechenland bestimmten Armee von zwölf Legionen und 10000 Reitern auf einmal überzuführen. Die ansehnliche feindliche Flotte beherrschte ausschließlich das Adriatische Meer und namentlich die sämtlichen festländischen und Inselhäfen der Ostküste. Unter solchen Umständen drängt die Frage sich auf, warum Caesar nicht statt des Seeweges den zu Lande durch Illyrien einschlug, welcher aller von der Flotte drohenden Gefahren ihn überhob und überdies für seine größtenteils aus Gallien kommenden Truppen kürzer war als der über Brundisium. Zwar waren die illyrischen Landschaften unbeschreiblich rauh und arm; aber sie sind doch von anderen Armeen nicht lange nachher durchschritten worden, und dieses Hindernis ist dem Eroberer Galliens schwerlich unübersteiglich erschienen. Vielleicht besorgte er, daß während des schwierigen illyrischen Marsches Pompeius seine gesamte Streitmacht über das Adriatische Meer führen möchte, wodurch die Rollen auf einmal sich umkehren, Caesar in Makedonien, Pompeius in Italien zu stehen kommen konnte; obwohl ein solcher rascher Wechsel dem schwerfälligen Gegner doch kaum zuzutrauen war. Vielleicht hatte Caesar auch in der Voraussetzung, daß seine Flotte inzwischen auf einen achtunggebietenden Stand gebracht sein würde, sich für den Seeweg entschieden, und als er nach seiner Rückkehr aus Spanien des wahren Standes der Dinge im Adriatischen Meere inne ward, mochte es zu spät sein, den Feldzugsplan zu ändern. Vielleicht, ja nach Caesars raschem, stets zur Entscheidung drängenden Naturell darf man sagen wahrscheinlich, fand er durch die augenblicklich noch unbesetzte, aber sicher in wenigen Tagen mit Feinden sich bedeckende epirotische Küste sich unwiderstehlich gelockt, den ganzen Plan des Gegners wieder einmal durch einen verwegenen Zug zu durchkreuzen. Wie dem auch sei, am 4. Januar 706 ^5 (48) ging Caesar mit sechs, durch die Strapazen und Krankheiten sehr gelichteten Legionen und 600 Reitern von Brundisium nach der epirotischen Küste unter Segel. Es war ein Seitenstück zu der tollkühnen britannischen Expedition; indes wenigstens der erste Wurf war glücklich. Inmitten der akrokeraunischen (Chimara-) Klippen, auf der wenig besuchten Reede von Paleassa (Paljassa) ward die Küste erreicht. Man sah die Transportschiffe sowohl aus dem Hafen von Orikon (Bucht von Avlona), wo ein Pompeianisches Geschwader von achtzehn Schiffen lag, als auch aus dem Hauptquartier der feindlichen Flotte bei Kerkyra; aber dort hielt man sich zu schwach, hier war man nicht segelfertig, und ungehindert ward der erste Transport ans Land gesetzt. Während die Schiffe sogleich zurückgingen, um den zweiten nachzuholen, überstieg Caesar noch denselben Abend die akrokeraunischen Berge. Seine ersten Erfolge waren so groß wie die Überraschung der Feinde. Der epirotische Landsturm setzte nirgends sich zur Wehr; die wichtigen Hafenstädte Orikon und Apollonia nebst einer Menge kleinerer Ortschaften wurden weggenommen; Dyrrhachion, von den Pompeianern zum Hauptwaffenplatz ausersehen und mit Vorräten aller Art angefüllt, aber nur schwach besetzt, schwebte in der größten Gefahr.
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^5 Nach dem berichtigten Kalender am 5. November 705 (49).
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