Die Satire ‘Frühauf’ schildert die ländliche Haushaltung. “Frühauf ruft mit der Sonne zum Aufstehen und führt selbst die Leute auf den Arbeitsplatz. Die Jungen machen selbst sich ihr Bett, das die Arbeit ihnen weich macht, und stellen sich selber Wasserkrug und Lampe dazu. Der Trank ist der klare frische Quell, die Kost Brot und als Zubrot Zwiebeln. In Haus und Feld gedeiht alles. Das Haus ist kein Kunstbau; aber der Architekt könnte Symmetrie daran lernen. Für den Acker wird gesorgt, daß er nicht unordentlich und wüst in Unsauberkeit und Vernachlässigung verkomme; dafür wehrt die dankbare Ceres den Schaden von der Frucht, daß die Schober hochgeschichtet das Herz des Landmannes erfreuen. Hier gilt noch das Gastrecht; willkommen ist, wer nur Muttermilch gesogen hat. Brotkammer und Weinfaß und der Wurstvorrat am Hausbalken, Schlüssel und Schloß sind dem Wandersmann dienstwillig, und hoch türmen vor ihm die Speisen sich auf; zufrieden sitzt der gesättigte Gast, nicht vor- noch rückwärts schauend, nickend am Herde in der Küche. Zum Lager wird der wärmste doppelwollige Schafpelz für ihn ausgebreitet. Hier gehorcht man noch als guter Bürger dem gerechten Gesetz, das weder aus Mißgunst Unschuldigen zu nahe tritt, noch aus Gunst Schuldigen verzeiht. Hier redet man nicht Böses wider den Nächsten. Hier rekelt man nicht mit den Füßen auf dem heiligen Herd, sondern ehrt die Götter mit Andacht und mit Opfern, wirft dem Hausgeist sein Stückchen Fleisch in das bestimmte Schüsselchen und geleitet, wenn der Hausherr stirbt, die Bahre mit demselben Gebet, mit welchem die des Vaters und des Großvaters hinweggetragen wurde.”

In einer anderen Satire tritt ein “Lehrer der Alten auf, dessen die gesunkene Zeit dringender zu bedürfen scheint als des Jugendlehrers, und setzt auseinander, “wie einst alles in Rom keusch und fromm war und jetzt alles so ganz anders ist”. “Trügt mich mein Auge oder sehe ich Sklaven in Waffen gegen ihre Herren? - Einst ward, wer zur Aushebung sich nicht stellte, von Staats wegen als Sklave in die Fremde verkauft; jetzt heißt [der Aristokratie, 2, 225; 3, 358; 4, 103 u. 330] der Zensor, der Feigheit und alles hingehen läßt, ein großer Bürger und erntet Lob, daß er nicht darauf aus ist, sich durch Kränkung der Mitbürger einen Namen zu machen. - Einst ließ der römische Bauer sich alle Woche einmal den Bart scheren; jetzt kann der Ackersklave es nicht fein genug haben. - Einst sah man auf den Gütern einen Kornspeicher, der zehn Ernten faßte, geräumige Keller für die Weinfässer und entsprechende Keltern; jetzt hält der Herr sich Pfauenherden und läßt seine Türen mit afrikanischem Zypressenholz einlegen. - Einst drehte die Hausfrau mit der Hand die Spindel und hielt dabei den Topf auf dem Herd im Auge, damit der Brei nicht verbrenne; jetzt” - heißt es in einer andern Satire -“bettelt die Tochter den Vater um ein Pfund Edelsteine, das Weib den Mann um einen Scheffel Perlen an. - Einst war der Mann in der Brautnacht stumm und blöde; jetzt gibt die Frau sich dem ersten besten Kutscher preis. - Einst war der Kindersegen der Stolz des Weibes, jetzt, wenn der Mann sich Kinder wünscht, antwortet sie: Weißt du nicht, was Ennius sagt?:

Lieber will ich ja das Leben dreimal wagen in der Schlacht,

Als ein einzig Mal gebären. -

Einst war die Frau vollkommen zufrieden, wenn der Mann ein- oder zweimal im Jahre sie in dem ungepolsterten Wagen über Land fuhr”; jetzt - konnte er hinzusetzen (vgl. Cic. Mil. 21, 55) - schmollt die Frau, wenn der Mann ohne sie auf sein Landgut geht, und folgt der reisenden Dame das elegante griechische Bedientengesindel und die Kapelle nach auf die Villa.”

In einer Schrift der ernsteren Gattung ‘Catus oder die Kinderzucht’ belehrt Varro den Freund, der ihn deswegen um Rat gefragt, nicht bloß über die Gottheiten, denen nach altem Brauch für der Kinder Wohl zu opfern war, sondern, hinweisend auf die verständigere Kindererziehung der Perser und auf seine eigene streng verlebte Jugend, warnt er vor überfüttern und überschlafen, vor süßem Brot und feiner Kost - die jungen Hunde, meint der Alte, werden jetzt verständiger genährt als die Kinder -, ebenso vor dem Besiebnen und Besegnen, das in Krankheitsfällen so oft die Stelle des ärztlichen Rates vertrat. Er rät, die Mädchen zum Sticken anzuhalten, damit sie später die Stickereien und Webereien richtig zu beurteilen verständen, und sie nicht zu früh das Kinderkleid ablegen zu lassen; er warnt davor, die Knaben in die Fechterspiele zu führen, in denen früh das Herz verhärtet und die Grausamkeit gelernt wird.

In dem ‘Mann von sechzig Jahren’ erscheint Varro als ein römischer Epimenides, der, als zehnjähriger Knabe eingeschlafen, nach einem halben Jahrhundert wiedererwacht. Er staunt darüber, statt seines glattgeschorenen Knabenkopfes ein altes Glatzhaupt wiederzufinden, mit häßlicher Schnauze und wüsten Borsten gleich dem Igel; mehr noch aber staunt er über das verwandelte Rom. Die lucrinischen Austern, sonst eine Hochzeitschüssel, sind jetzt ein Alltagsgericht; dafür rüstet denn auch der bankrotte Schlemmer im stillen die Brandfackel. Wenn sonst der Vater dem Knaben vergab, so ist jetzt das Vergeben an den Knaben gekommen; das heißt, er vergibt dem Vater mit Gift. Der Wahlplatz ist zur Börse geworden, der Kriminalprozeß zur Goldgrube für die Geschworenen. Keinem Gesetze wird noch gehorcht, außer dem einen, daß nichts für nichts gegeben wird. Alle Tugenden sind geschwunden; dafür begrüßen den Erwachten als neue Insassen die Gotteslästerung, die Wortlosigkeit, die Geilheit. “O wehe dir, Marcus, über solchen Schlaf und solches Erwachen!”

Die Skizze gleicht der catilinarischen Zeit, kurz nach welcher (um 697 57) sie der alte Mann geschrieben haben muß, und es lag eine Wahrheit in der bitteren Schlußwendung, wo der Marcus, gehörig ausgescholten wegen seiner unzeitgemäßen Anklagen und antiquarischen Reminiszenzen, mit parodischer Anwendung einer uralten römischen Sitte, als unnützer Greis auf die Brücke geschleppt und in den Tiber gestürzt wird. Es war allerdings für solche Männer in Rom kein Platz mehr.

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Zu einer kritischen Geschichtschreibung in der Art, wie die Nationalgeschichte von den Attikern in ihrer klassischen Zeit, wie die Weltgeschichte von Polybios geschrieben ward, ist man in Rom eigentlich niemals gelangt. Selbst auf dem dafür am meisten geeigneten Boden, in der Darstellung der gleichzeitigen und der jüngst vergangenen Ereignisse, blieb es im ganzen bei mehr oder minder unzulänglichen Versuchen; in der Epoche namentlich von Sulla bis auf Caesar wurden die nicht sehr bedeutenden Leistungen, welche die vorhergehende auf diesem Gebiet aufzuweisen hatte, die Arbeiten Antipaters und Asellios, kaum auch nur erreicht. Das einzige diesem Gebiete angehörende namhafte Werk, das in der gegenwärtigen Epoche entstand, ist des Lucius Cornelius Sisenna (Prätor 676 78) Geschichte des Bundesgenossen- und Bürgerkrieges. Von ihr bezeugen die, welche sie lasen, daß sie an Lebendigkeit und Lesbarkeit die alten trockenen Chroniken weit übertraf, dafür aber in einem durchaus unreinen und selbst in das Kindische verfallenden Stil geschrieben war; wie denn auch die wenigen übrigen Bruchstücke eine kleinliche Detailmalerei des Gräßlichen ^17 und eine Menge neugebildeter oder der Umgangssprache entnommener Wörter aufzeigen. Wenn noch hinzugefügt wird, daß das Muster des Verfassers und sozusagen der einzige ihm geläufige griechische Historiker Kleitarchos war, der Verfasser einer zwischen Geschichte und Fiktion schwankenden Biographie Alexanders des Großen in der Art des Halbromans, der den Namen des Curtius trägt, so wird man nicht anstehen, in Sisennas vielgerühmtem Geschichtswerk nicht ein Erzeugnis echter historischer Kritik und Kunst zu erkennen, sondern den ersten römischen Versuch in der bei den Griechen so beliebten Zwittergattung von Geschichte und Roman, welche das tatsächliche Grundwerk durch erfundene Ausführung lebendig und interessant machen möchte und es dadurch schal und unwahr macht; und es wird nicht ferner Verwunderung erregen demselben Sisenna auch als Übersetzer griechischer Moderomane zu begegnen.