Neben dem jüdischen stand der schon früher erwähnte “König von Nabat”, wie er selber sich nennt. Die Residenz dieser Araberfürsten war die “Felsenstadt”, aramäisch Sela, griechisch Petra, eine mittwegs zwischen dem Toten Meere und der nordöstlichen Spitze des Arabischen Meerbusens gelegene Felsenburg, von jeher ein Stapelplatz für den Verkehr Indiens und Arabiens mit dem Mittelmeergebiet. Von der arabischen Halbinsel besaßen diese Herrscher die nördliche Hälfte; ihre Gewalt erstreckte sich am Arabischen Meerbusen bis nach Leuke Kome gegenüber der ägyptischen Stadt Berenike, im Binnenland wenigstens bis in die Gegend des alten Thaema ^25. Nördlich von der Halbinsel reichte ihr Gebiet bis nach Damaskos, das unter ihrem Schutze stand ^26, und selbst über Damaskos hinaus ^27 und umschloß wie mit einem Gürtel das gesamte palästinensische Syrien. Nach der Besitznahme Judäas stießen die Römer feindlich mit ihnen zusammen, und Marcus Scaurus führte eine Expedition gegen Petra. Damals ist es nicht zu ihrer Unterwerfung gekommen; aber bald nachher muß dieselbe erfolgt sein ^28. Unter Augustus ist ihr König Obodas ebenso reichsuntertänig ^29 wie der Judenkönig Herodes und leistet gleich diesem Heerfolge bei der römischen Expedition gegen das südliche Arabien. Seit jener Zeit muß der Schutz der Reichsgrenze im Süden wie im Osten von Syrien bis hinauf nach Damaskos zunächst in der Hand dieses Araberkönigs gelegen haben. Mit dem jüdischen Nachbarn lag er in beständiger Fehde. Augustus, erzürnt darüber, daß der Araber statt bei dem Lehnsherrn gegen Herodes Recht zu suchen, diesem mit den Waffen entgegengetreten war und daß des Obodas Sohn Harethath oder griechisch Aretas nach dem Tode des Vaters, statt die Belehnung abzuwarten, ohne weiteres die Herrschaft angetreten hatte, war im Begriff, diesen abzusetzen und sein Gebiet mit dem jüdischen zu vereinigen; aber das Mißregiment des Herodes in seinen späteren Jahren hielt ihn davon zurück, und so wurde (um 747 7) Aretas bestätigt. Einige Dezennien später begann derselbe wieder auf eigene Hand Krieg gegen seinen Schwiegersohn, den Fürsten von Galiläa, Herodes Antipas, wegen der Verstoßung seiner Tochter zu Gunsten der schönen Herodias. Er behielt die Oberhand, aber der erzürnte Lehnsherr Tiberius befahl dem Statthalter von Syrien die Exekution gegen ihn. Schon waren die Truppen auf dem Marsche, als Tiberius starb (37); und sein Nachfolger Gaius, der dem Antipas nicht wohl wollte, verzieh dem Araber. Des Aretas Nachfolger König Maliku oder Malchos focht unter Nero und Vespasian in dem Jüdischen Krieg als römischer Vasall und vererbte die Herrschaft auf seinen Sohn Rabel, den Zeitgenossen Traians, den letzten dieser Regenten. Namentlich nach der Einziehung des Staates von Jerusalem und der Reduzierung der ansehnlichen Herrschaft des Herodes auf das wenig schlagfertige Königreich von Caesarea Paneas war unter den syrischen Klientelstaaten der arabische der ansehnlichste, wie er denn auch zu dem Jerusalem belagernden Römerheere unter den königlichen das stärkste Kontingent stellte. Des Gebrauchs der griechischen Sprache hat dieser Staat sich auch unter römischer Oberhoheit enthalten; die unter der Herrschaft seiner Könige geschlagenen Münzen tragen, von Damaskos abgesehen, nur aramäische Aufschrift. Aber es zeigen sich die Anfänge geordneter Zustände und zivilisierten Regiments. Die Prägung selbst hat wahrscheinlich erst begonnen, nachdem der Staat unter römische Klientel gekommen war. Der arabisch-indische Verkehr mit dem Mittelmeergebiet bewegt sich zum großen Teil auf der von Leuke Kome über Petra nach Gaza laufenden, von den Römern überwachten Karawanenstraße ^30. Die Fürsten des Nabatäerreiches bedienen sich, ähnlich wie die Gemeinde Palmyra, für die Beamten griechischer Ämterbezeichnungen, wie zum Beispiel des Eparchen- und des Strategentitels. Wenn unter Tiberius die durch die Römer bewirkte gute Ordnung Syriens und die durch die militärische Besetzung herbeigeführte Sicherheit der Ernten rühmend hervorgehoben wird, so ist dies zunächst zu beziehen auf die in den Klientelstaaten von Jerusalem oder nachher von Caesarea Paneas und von Petra getroffenen Einrichtungen.
————————————————————-
^25 Bei Medain Sâlih oder Hidjr, südlich von Teimâ, dem alten Thaema, sind kürzlich von den Reisenden Doughty und Huber eine Reihe nabatäischer Inschriften aufgefunden worden, die, großenteils datiert, von der Zeit des Augustus bis zum Tode Vespasians reichen. Lateinische Inschriften fehlen, und die wenigen griechischen sind spätester Zeit; allem Anschein nach ist bei der Umwandlung des Nabatäischen Reiches in eine römische Provinz, was von dem inneren Arabien zu jenem gehörte, von den Römern aufgegeben worden.
^26 Die Stadt Damaskos unterwarf sich freiwillig unter den letzten Seleukiden um die Zeit der Diktatur Sullas dem damaligen König der Nabatäer, vermutlich dem Aretas mit dem Scaurus schlug (Ios. ant. Iud. 13, 15). Auch die Münzen mit der Aufschrift βασιλεύς Αρέτου φιλέλληνος; (Eckhel 3, 330; Luynes, Revue numismatique N. S. 3, 1858, S. 311) sind vielleicht in Damaskos geschlagen, als dies von den Nabatäern abhängig war; die Jahreszahl auf einer derselben ist zwar nicht mit Sicherheit bezogen, führt aber vermutlich in die letzte Zeit der römischen Republik. Wahrscheinlich hat diese Abhängigkeit der Stadt von den nabatäischen Königen fortbestanden, solange es überhaupt solche gab. Daraus, daß die Stadt Münzen mit den Köpfen der römischen Kaiser geprägt hat, folgt wohl die Abhängigkeit von Rom und daneben die Selbstverwaltung, aber nicht die Unabhängigkeit von dem römischen Lehnsfürsten; die derartigen Schutzverhältnisse sind so mannigfaltig gestaltet daß diese Ordnungen wohl sich miteinander vertragen konnten. Für die Fortdauer des Nabatäerregiments spricht teils, daß der Ethnarch des Königs Aretas in Damaskos den Apostel Paulus, wie dieser im 2. Brief an die Korinther (11, 32) schreibt, verhaften lassen wollte, teils die seit kurzem festgestellte Tatsache (Anm. 27), daß die Herrschaft der Nabatäer nordöstlich von Damaskos noch unter Traian fortdauerte.
Indem man umgekehrt davon ausging, daß, wenn Aretas in Damaskos herrscht, die Stadt nicht römisch sein kann hat man auf verschiedenen Wegen versucht, jenen Vorgang im Leben des Paulus chronologisch zu fixieren. Man hat an die Verwicklung zwischen Aretas und der römischen Regierung in den letzten Jahren des Tiberius gedacht; aber wie diese verlief, ist es nicht wahrscheinlich, daß sie in dem Besitzstand des Aretas eine dauernde Veränderung herbeigeführt hat. Melchior de Vogue (Mélanges d’archéologie orientale. Paris 1869, S. 33) hat darauf hingewiesen daß zwischen Tiberius und Nero - genauer zwischen den Jahren 33 und 62 (F. C. Saulcy, Numismatique de la Terre-Sainte. Paris 1874, S. 36) - Kaisermünzen von Damaskos fehlen und das Regiment der Nabatäer daselbst in diese Zwischenzeit gesetzt, indem er annahm, daß Kaiser Gaius wie so vielen anderen Lehnsfürsten, auch dem Araber seine Huld erwiesen und ihn mit Damaskos belehnt habe. Aber derartige Unterbrechungen der Prägung treten häufig auf und fordern keine so tiefgreifende Erklärung. Man wird wohl darauf verzichten müssen, an dem Schalten des Nabatäerkönigs in Damaskos für die Lebensgeschichte des Paulus einen chronologischen Haltpunkt zu finden und überhaupt Paulus Aufenthalt in dieser Stadt der Zeit nach zu definieren. Wenn der auf jeden Fall stark verschobenen Darstellung des Vorgangs in der Apostelgeschichte 9 insoweit zu trauen ist, ging Paulus nach Damaskos vor der Bekehrung, um die Christenverfolgung, in welcher Stephanos umgekommen war, dort fortzusetzen, und beschlossen dann, als er bekehrt in Damaskos vielmehr für die Christen eintrat die dortigen Juden ihn umzubringen, wobei also vorausgesetzt werden muß, daß der Beamte des Aretas, ähnlich wie Pilatus, der Ketzer-Verfolgung der Juden Raum gab. Aus den zuverlässigen Angaben des Galaterbriefes folgt ferner, daß die Bekehrung bei Damaskos stattfand (denn dies zeigt das υπέστρεψα) und Paulus von da nach Arabien ging; ferner daß er drei Jahre nach der Bekehrung zum ersten und siebzehn Jahre nach derselben zum zweiten Mal nach Jerusalem kam, wonach die apokryphen Berichte der Apostelgeschichte über seine Jerusalemreisen zu berichtigen sind (E. Zeller, Die Apostelgeschichte kritisch untersucht. Stuttgart 1854, S. 216). Aber weder ist die Zeit des Todes des Stephanos genau bestimmbar, noch viel weniger der Zeitraum zwischen diesem und der Flucht des bekehrten Paulus aus Damaskos, noch die Zwischenzeit zwischen seiner zweiten Reise nach Jerusalem und der Abfassung des Galaterbriefes, noch das Jahr der Abfassung desselben selbst.
^27 Die kürzlich bei Dmer, nordöstlich von Damaskos auf der Straße nach Palmyra, gefundene nabatäische Inschrift (Sachau, ZDMG 38, 1884 S. 535), datiert aus dem Monat Ijjar des Jahres 405 nach römischer (d. h. seleukidischer) Zählung und dem 24. Jahr des Königs Rabel, des letzten nabatäischen, also aus dem Mai 94 n. Chr., hat gezeigt, daß dieser Distrikt bis auf die Einziehung dieses Reiches unter der Herrschaft der Nabatäer geblieben ist. Übrigens scheinen die Herrschaftsgebiete hier geographisch durcheinander gewürfelt gewesen zu sein; so stritten um das Gebiet von Gamala am See Genezareth der Tetrarch von Galiläa und der Nabatäerkönig (Ios. ant. Iud. 18, 5, 1).
^28 Vielleicht durch Gabinius (App. Syr. 51).
^29 Strab. 16, 4, 21 p. 779. Die Münzen dieser Könige zeigen indes den Kaiserkopf nicht. Aber daß im Nabatäischen Reiche nach römischen Kaiserjahren datiert werden konnte, beweist die nabatäische Inschrift von Hebrän (M. de Vogue, l’Architecture civile et religieuse dans la Syrie centrale. 2 Bde. Paris 1865-77. Inscr. n. 1), datiert vom 7. Jahr des Claudius, also vom Jahre 47. Hebrân, wenig nördlich von Bostra, scheint auch später zu Arabien gerechnet worden zu sein (Lebas-Waddington 2287), und nabatäische Inschriften öffentlichen Inhalts begegnen außerhalb des Nabatäerstaats nicht; die wenigen der Art aus der Trachonitis sind privater Natur.
^30 “Leuke Kome im Lande der Nabatäer”, sagt Strabon unter Tiberius (16, 4, 23 p. 780), “ist ein großer Handelsplatz, wohin und von wo die Karawanenhändler (καμηλέμποροι) mit so zahlreichen Leuten und Kamelen sicher und bequem von und nach Petra gehen, daß sie in nichts von Heerlagern sich unterscheiden.” Auch der unter Vespasian schreibende ägyptische Kaufmann erwähnt in seiner Küstenbeschreibung des Roten Meeres c. 19 “den Hafen und die Festung (φρούριον) Leuke Kome von wo der Weg nach Petra führt zum König der Nabatäer Malichas. Er kann als Handelsplatz gelten für die auf nicht eben großen Schiffen dorthin aus Arabien verschifften Waren. Darum wird dorthin ein Einnehmer geschickt (αποστέλλεται) des Eingangszolls von einem Viertel des Wertes und der Sicherheit wegen ein Centurio (εκατοντάρχης) mit Mannschaft.” Da ein römischer Reichsangehöriger hier des Schickens von Beamten und Soldaten erwähnt, so können dies nur römische sein; auch paßt für das Heer des Nabatäerkönigs der Centurio nicht und ist die Steuerreform ganz die römische. Daß ein Klientelstaat in das Gebiet der Reichssteuer eingezogen wird, kommt auch sonst, zum Beispiel in den Alpengegenden vor. Die Straße von Petra nach Gaza erwähnt Plinius nat. 6, 28, 144.
————————————————————-