Die Cherusker im oberen Wesergebiet, zu Augustus’ und Tiberius’ Zeit der führende Gau in Mitteldeutschland, werden seit Armins Tode selten genannt, immer aber als in guten Beziehungen zu den Römern stehend. Als der Bürgerkrieg, der bei ihnen auch nach Arminius’ Fall weiter gewütet haben muß, ihr ganzes Fürstengeschlecht hingerafft, erbaten sie sich den letzten des Hauses, den in Italien lebenden Brudersohn Armins, Italicus, von der römischen Regierung zum Herrscher; freilich entzündete die Heimkehr des tapferen, aber mehr seinem Namen als seiner Herkunft entsprechenden Mannes die Fehde abermals und, von den Seinen vertrieben, setzten ihn noch einmal die Langobarden auf den wankenden Herrschersitz. Einer seiner Nachfolger, der König Chariomerus, ergriff in dem Chattenkrieg Domitians so ernstlich für die Römer Partei, daß er nach dessen Beendigung, von den Chatten vertrieben, zu den Römern flüchtete und deren Intervention, freilich vergebens, anrief. Durch diese ewigen inneren und äußeren Fehden ward das Cheruskervolk so geschwächt, daß es seitdem aus der aktiven Politik verschwindet. Der Name der Marser wird seit den Zügen des Germanicus überhaupt nicht mehr gefunden. Daß die weiter östlich an der Elbe wohnenden Völkerschaften, wie alle entfernteren Germanen, an den Kämpfen der Bataver und ihrer Genossen in den Jahren 69 und 70 sich so wenig beteiligt haben wie diese an den germanischen Kriegen unter Augustus und Tiberius, darf bei der Ausführlichkeit des Berichtes als sicher bezeichnet werden. Wo sie späterhin einmal begegnen, erscheinen sie nie in feindlicher Haltung gegen die Römer. Daß die Langobarden den römischen Cheruskerkönig wieder einsetzten, wurde schon erwähnt. Der König der Semnonen, Masuus, und merkwürdigerweise mit ihm die Prophetin Ganna, welche bei diesem, wegen besonderer Gläubigkeit berühmten Stamme in hohem Ansehen stand, besuchten den Kaiser Domitianus in Rom und wurden an dessen Hofe freundlich aufgenommen. Es mag in den Gegenden von der Weser bis zur Elbe in diesen Jahrhunderten manche Fehde getobt, manche Machtstellung sich verschoben, mancher Gau den Namen gewechselt oder sich anderer Verbindung eingefügt haben; den Römern gegenüber trat, nachdem der feste Verzicht derselben auf Unterwerfung dieser Landschaft allgemein empfunden ward, ein dauernder Grenzfriede ein. Auch Invasionen aus dem fernen Osten können denselben in dieser Epoche nicht wesentlich gestört haben; denn der Rückschlag davon auf die römische Grenzwacht hätte nicht ausbleiben können und von ernsteren Krisen auf diesem Gebiet würde die Kunde nicht fehlen. Zu allem diesem gibt das Siegel die Reduktion der niederrheinischen Armee auf die Hälfte des früheren Bestandes, welche, wir wissen nicht genau wann, aber in dieser Epoche eingetreten ist. Das niederrheinische Heer, mit welchem Vespasian zu kämpfen hatte, zählte vier Legionen, das der traianischen Zeit vermutlich die gleiche Zahl, mindestens drei ^10; wahrscheinlich schon unter Hadrian, gewiß unter Marcus, standen daselbst nicht mehr als zwei, die 1. minervische und die 30. Traians.

———————————————————————-

^10 Unter dem Legaten Q. Acutius Nerva, welcher wahrscheinlich der Konsul des Jahres 100 ist, also nach diesem Jahre Untergermanien verwaltete, standen nach Inschriften von Brohl (Brambach 660, 662, 679, 680) in dieser Provinz vier Legionen, die 1. Minervia, 6. victrix, 10. gemina, 22. primigenia. Da jede dieser Inschriften nur zwei oder drei nennt, so kann die Besatzung damals nur aus drei Legionen bestanden haben, wenn während Acutius’ Statthalterschaft die 1. Minervia für die anderswohin abgegebene 22. primigenia eintrat. Aber bei weitem wahrscheinlicher ist es, da bei den Detachierungen in die Steinbrüche bei Brohl nicht immer alle Legionen beteiligt waren, daß jene vier Legionen gleichzeitig in Untergermanien garnisonierten. Diese vier Legionen sind wahrscheinlich eben die, welche bei der Reorganisation der germanischen Heere durch Vespasian nach Untergermanien kamen, nur daß die 1. Minervia von Domitian an die Stelle der wahrscheinlich von ihm aufgelösten 21. gesetzt ist.

———————————————————————-

In anderer Weise entwickelten sich die germanischen Verhältnisse in der oberen Provinz. Von den linksrheinischen Germanen, die dieser angehörten, den Tribokern, Nemetern, Vangionen, ist geschichtlich nichts hervorzuheben als daß sie, seit langem unter den Kelten ansässig, die Schicksale Galliens teilten. Die hauptsächliche Verteidigungslinie der Römer ist auch hier der Rhein immer geblieben. Alle Standlager der Legionen finden sich zu aller Zeit auf dem linken Rheinufer; nicht einmal das von Argentoratum ist auf das rechte verlegt worden, als das ganze Neckargebiet römisch war. Aber wenn in der unteren Provinz die römische Herrschaft auf dem rechten Rheinufer im Laufe der Zeit beschränkt wird, so wird sie umgekehrt hier erweitert. Die von Augustus beabsichtigte Verknüpfung der Rheinlager mit denen an der Donau durch Vorschiebung der Reichsgrenze in östlicher Richtung, welche, wenn sie zur Ausführung gekommen wäre, mehr Ober- als Untergermanien erweitert haben würde, ist in diesem Kommando wohl niemals völlig aufgegeben und späterhin, wenn auch in bescheidenerem Maßstabe, wieder aufgenommen worden. Die Überlieferung gestattet uns nicht, die in diesem Sinne durch Jahrhunderte fortgeführten Operationen, die dazu gehörigen Straßen- und Wallbauten, die deshalb geführten Kriege in ihrem Zusammenhang darzulegen; und auch der noch vorhandene große Militärbau, dessen gleichfalls Jahrhunderte umfassende Entstehung einen guten Teil jener Geschichte in sich schließen muß, ist bisher nicht so, wie es wohl geschehen könnte, von militärisch geschärften Augen in seiner Gesamtheit untersucht worden - die Hoffnung, daß das geeinigte Deutschland sich auch zu der Erforschung dieses seines ältesten geschichtlichen Gesamtdenkmals vereinigen werde, ist fehlgeschlagen. Was zur Zeit aus den Trümmern der römischen Annalen oder der römischen Kastelle darüber ans Licht gekommen ist, soll hier versucht werden zusammenzufassen.

Auf dem rechten Ufer legt sich, nicht weit von dem nördlichen Ende der Provinz, dem ebenen oder hügeligen niederrheinischen Land in westöstlicher Richtung die Taunuskette vor, die gegenüber Bingen auf den Rhein stößt. Diesem Bergzug parallel, auf der anderen Seite abgeschlossen durch die Ausläufer des Odenwaldes, erstreckt sich die Ebene des unteren Maintales, der rechte Zugang zum inneren Deutschland, beherrscht von der Schlüsselstellung an der Mündung des Mains in den Rhein, Mogontiacum oder Mainz, seit Drusus’ Zeit bis zum Ausgang Roms der Ausfallsburg der Römer aus Gallien gegen Germanien ^11 wie heutzutage dem rechten Riegel Deutschlands gegen Frankreich. Hier behielten die Römer, auch nachdem sie auf die Herrschaft im überrheinischen Land im allgemeinen verzichtet hatten, nicht bloß den Brückenkopf am anderen Ufer, das castellum Mogontiacense (Kastel), sondern jene Mainebene selbst in ihrem Besitz; und in diesem Gebiet durfte auch die römische Zivilisation sich festsetzen. Es war dies ursprünglich chattisches Land und ein chattischer Stamm, die Mattiaker, sind auch unter römischer Herrschaft hier ansässig geblieben; aber nachdem die Chatten diesen Distrikt an Drusus hatten abtreten müssen, ist derselbe ein Teil des Reiches geblieben. Die warmen Quellen in der nächsten Nähe von Mainz (aquae Mattiacae, Wiesbaden) wurden erweislich in Vespasians Zeit, und sicher schon lange vorher, von den Römern benutzt; unter Claudius wurde hier auf Silber gebaut; die Mattiaker haben schon früh wie andere Untertanendistrikte Truppen zur Armee gestellt. An der allgemeinen Auflehnung der Germanen unter Civilis nahmen sie Anteil; aber nach der Besiegung stellten die früheren Verhältnisse sich wieder her. Seit dem Ende des zweiten Jahrhunderts finden wir die Gemeinde der taunensischen Mattiaker unter römisch geordneten Behörden ^12.

———————————————————————

^11 Nach Zangemeisters (Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift 3, 1884, S. 307ff.) schönen Entzifferungen steht es fest, daß eine Militärstraße am linken Rheinufer von Mainz bis an die Grenze der obergermanischen Provinz schon unter Claudius angelegt ward.

^12 Der volle Name c(ivitas) M(attiacorum) Ta(unensium) erscheint auf der Inschrift von Kastel (Brambach 1330); als civitas Mattiacorum oder civitas Taunensium kommt sie öfter vor, mit Duovirn Ädilen, Decurionen, Sacerdotalen Sevirn; eigentümlich und für die Grenzstadt bezeichnend sind die wahrscheinlich als Munizipalmiliz zu fassenden hastiferi civitatis Mattiacorum (Brambach 1336). Das älteste datierte Dokument dieser Gemeinde ist vom Jahre 198 (Brambach 956).

———————————————————————