Unter Antoninus, dem Sohn des Severus, brach (213) abermals in Rätien ein neuer und schwererer Krieg aus. Auch dieser ist gegen die Chatten geführt worden; aber neben ihnen wird ein zweites Volk genannt, das hier zum erstenmal begegnet, das der Alamannen. Woher sie kamen, wissen wir nicht. Einem wenig später schreibenden Römer zufolge war es zusammengelaufenes Mischvolk; auf einen Gemeindebund scheint auch die Benennung hinzuweisen sowie, daß später noch die verschiedenen, unter diesem Namen zusammengefaßten Stämme mehr als bei den sonstigen großen germanischen Völkern in ihrer Besonderheit hervortreten, und die Juthungen, die Lentienser und andere Alamannenvölker nicht selten selbständig handeln. Aber daß es nicht die Germanen dieser Gegend sind, welche unter dem neuen Namen verbündet und durch den Bund verstärkt hier auftreten, zeigt sowohl die Nennung der Alamannen neben den Chatten wie die Meldung von der ungewohnten Geschicklichkeit der Alamannen im Reitergefecht. Vielmehr sind es der Hauptsache nach sicher aus dem Osten nachrückende Scharen gewesen, die dem fast erloschenen Widerstand der Germanen am Rhein neue Kraft verliehen haben; es ist nicht unwahrscheinlich, daß die in früherer Zeit an der mittleren Elbe hausenden mächtigen Semnonen, deren seit dem Ende des 2. Jahrhunderts nicht wieder gedacht wird, zu den Alamannen ein starkes Kontingent gestellt haben. Das stetig sich steigernde Mißregiment im Römischen Reich hat natürlich auch, wenngleich nur in zweiter Reihe, zu der Machtverschiebung seinen Teil beigetragen. Der Kaiser zog persönlich gegen die neuen Feinde ins Feld; im August des Jahres 213 überschritt er die römische Grenze und ein Sieg über sie am Main wurde erfochten oder wenigstens gefeiert; es wurden noch Kastelle angelegt; die Völkerschaften von der Elbe und der Nordsee beschickten den römischen Herrscher und verwunderten sich, wenn er sie in ihrer eigenen Tracht empfing, in silberbeschlagener Jacke und Haar und Bart nach deutscher Art gefärbt und geordnet. Aber von da an hören die Kriege am Rhein nicht auf, und die Angreifer sind die Germanen; die sonst so fügsamen Nachbarn waren wie ausgetauscht. Zwanzig Jahre später wurden an der Donau wie am Rhein die Einfälle der Barbaren so stetig und so ernsthaft, daß Kaiser Alexander deswegen den weniger unmittelbar gefährlichen Persischen Krieg abbrechen und sich persönlich in das Lager von Mainz begeben maßte, nicht so sehr, um das Gebiet zu verteidigen, als um von den Deutschen den Frieden durch hohe Geldsummen zu erkaufen. Die Erbitterung der Soldaten darüber führte zu seiner Ermordung (235) und damit zu dem Untergang der Severischen Dynastie, der letzten, die es bis auf die Regeneration des Staats überhaupt gegeben hat. Sein Nachfolger Maximinus, ein roher, aber tapferer, vom gemeinen Soldaten aufgedienter Thraker, machte das feige Verhalten seines Vorgängers wieder gut durch einen nachdrücklichen Feldzug tief in Germanien hinein. Noch wagten die Barbaren nicht, einem starken und wohlgeführten Römerheere die Spitze zu bieten; sie wichen in ihre Wälder und Sümpfe, und auch dahin ihnen folgend, focht im Handgemenge der tapfere Kaiser allen voran. Von diesen Kämpfen, die ohne Zweifel von Mainz aus zunächst gegen die Alamannen sich richteten, durfte er mit Recht sich Germanicus nennen; und auch für die Zukunft hat die Expedition vom Jahre 236, auf lange hinaus der letzte große Sieg, den die Römer am Rhein gewannen, wohl einiges gefruchtet. Obwohl die stetigen und blutigen Thronwechsel und die schweren Katastrophen im Osten und an der Donau die Römer nicht zu Atem kommen ließen, ist doch durch die nächsten zwanzig Jahre am Rhein wenn nicht eigentlich die Ruhe erhalten worden, doch eine größere Katastrophe nicht eingetreten. Es scheint sogar damals eine der obergermanischen Legionen nach Afrika geschickt worden zu sein, ohne daß dafür Ersatz kam, also Obergermanien als wohl gesichert gegolten zu haben. Aber als im Jahre 253 wieder einmal die verschiedenen Feldherren Roms um die Kaiserwürde untereinander schlugen und die Rheinlegionen nach Italien marschierten, um ihren Kaiser Valerianus gegen den Aemilianus der Donauarmee durchzufechten, scheint dies das Signal gewesen zu sein ^31 für das Vorbrechen der Germanen namentlich auch gegen den Unterrhein ^32. Diese Germanen sind die hier zuerst auftretenden Franken, allerdings vielleicht nur dem Namen nach neue Gegner; denn obwohl die schon im späteren Altertum begegnende Identifikation derselben mit früher am Unterrhein genannten Völkerschaften, teils den neben den Bructerern sitzenden Chamavern, teils den früher genannten, den Römern untertänigen Sugambrern, unsicher und mindestens unzulänglich ist, so hat es hier größere Wahrscheinlichkeit als bei den Alamannen, daß die bisher von Rom abhängigen Germanen am rechten Rheinufer und die früher vom Rhein abgedrängten germanischen Stämme damals unter dem Gesamtnamen der “Freien” gemeinschaftlich die Offensive gegen die Römer ergriffen haben. Solange Gallienus selbst am Rhein blieb, hielt er, trotz der geringen, ihm zur Verfügung stehenden Streitkräfte, die Gegner einigermaßen im Zaum, verhinderte sie am Überschreiten des Flusses oder schlug die Eingedrungenen wieder hinaus, räumte auch wohl einem der germanischen Führer einen Teil des begehrten Ufergebietes ein unter der Bedingung, die römische Herrschaft anzuerkennen und seinen Besitz gegen seine Landsleute zu verteidigen, was freilich schon fast auf eine Kapitulation hinauskam. Aber als der Kaiser, abgerufen durch die noch gefährlichere Lage der Dinge an der Donau, sich dorthin begab und in Gallien als Repräsentanten seinen noch im Knabenalter stehenden älteren Sohn zurückließ, ließ einer der Offiziere, denen er die Verteidigung der Grenze und die Hut seines Sohnes anvertraut hatte, Marcus Cassianius Latinius Postumus ^33, sich von seinen Leuten zum Kaiser ausrufen und belagerte in Köln den Hüter des Kaisersohnes Silvanus. Es gelang ihm, die Stadt einzunehmen und seinen früheren Kollegen sowie den kaiserlichen Knaben in seine Gewalt zu bekommen, worauf er beide hinrichten ließ. Aber während dieser Wirren brachen die Franken über den Rhein und überschwemmten nicht bloß ganz Gallien, sondern drangen auch in Spanien ein, ja plünderten selbst die afrikanische Küste. Bald nachher, nachdem Valerians Gefangennahme durch die Perser das Maß des Unheils voll gemacht hatte, ging in der oberrheinischen Provinz alles römische Land auf dem linken Rheinufer verloren, ohne Zweifel an die Alamannen, deren Einbruch in Italien in den letzten Jahren des Gallienus diesen Verlust notwendig voraussetzt. Dieser ist der letzte Kaiser, dessen Name auf rechtsrheinischen Denkmälern gefunden wird. Seine Münzen feiern ihn wegen fünf großer Siege über die Germanen, und nicht minder sind die seines Nachfolgers in der gallischen Herrschaft, des Postumus, voll des Preises der deutschen Siege des Retters von Gallien. Gallienus hatte in seinen früheren Jahren nicht ohne Energie den Kampf am Rhein aufgenommen, und Postumus war sogar ein vorzüglicher Offizier und wäre gern auch ein guter Regent gewesen. Aber bei der Meisterlosigkeit, welche damals in dem römischen Staat oder vielmehr in der römischen Armee waltete, nützte Talent und Tüchtigkeit des Einzelnen weder ihm noch dem Gemeinwesen. Eine Reihe blühender römischer Städte wurde damals von den einfallenden Barbaren ödegelegt, und das rechte Rheinufer ging den Römern auf immer verloren.

———————————————————————

^31 Nicht bloß der ursächliche Zusammenhang, sondern selbst die zeitliche Folge dieser wichtigen Vorgänge liegen im unklaren. Der relativ beste Bericht bei Zosimus (hist. 1, 29) bezeichnet den germanischen Krieg als die Ursache, weshalb Valerianus gleich bei seiner Thronbesteigung 253 seinen Sohn zum Mitherrscher gleichen Rechts gemacht habe; und den Titel Germanicus maximus führt Valerian schon im Jahre 256 (CIL VIII, 2380; ebenso 259 CIL XI, 826), vielleicht sogar, wenn der Münze Cohen n. 54 zu trauen ist, den Titel Germanicus maximus ter.

^32 Daß die Germanen, gegen die Gallienus zu streiten hatte, wenigstens hauptsächlich am Unterrhein zu suchen sind, zeigt die Residenz seines Sohnes in Agrippina, wo er doch nur als nomineller Repräsentant des Vaters zurückgeblieben sein kann. Auch der Biograph (c. 8) nennt die Franken.

^33 Von dem Grade der Geschichtsfälschung, welche in einem Teil der Kaiserbiographien herrscht, macht man sich schwer eine Vorstellung; es wird nicht unnütz sein, hier an dem Bericht über Postumus dies beispielsweise zu zeigen. Er heißt hier (freilich in einer Einlage) Iulius Postumus (tyr. 6), auf den Münzen und Inschriften al. Cassianius Latinius Postumus, im epitomierten Victor 32 Cassius Labienus Postemus.

Er regiert sieben Jahre (Gall. 4; tyr. 3 und 5); Münzen nennen seine tr. p. X, und zehn Jahre gibt ihm Eutropius (9, 10).

Sein Gegner heißt Lollianus, nach den Münzen Ulpius Cornelias Laelianus, Laelianus bei Eutropius (9, 9; nach der einen Handschriftenklasse, während die andere der Interpolation der Biographen folgt) und bei Victor (c. 33), Aelianus in der Victorianischen Epitome.

Postumus und Victorinus herrschen nach dem Biographen gemeinschaftlich; aber es gibt keine beiden gemeinschaftliche Münzen, und somit bestätigen diese den Bericht bei Victor und Eutropius, daß Victorinus der Nachfolger des Postumus gewesen ist.

Es ist eine Besonderheit dieser Kategorie von Fälschungen, daß sie in den eingelegten Urkunden gipfeln. Das Kölner Epitaphium der beiden Victorinus (tyr. 7): hic duo Victorini tyranni(!) siti sunt kritisiert sich selbst. Das angebliche Patent Valerians (tyr. 3), womit dieser den Galliern die Ernennung des Postumus mitteilt, rühmt nicht bloß prophetisch des Postumus Herrschergaben, sondern nennt auch verschiedene unmögliche Ämter: einen Transrhenani limitis dux et Galliae praeses hat es zu keiner Zeit gegeben und kann Postumus αρχήν εν Κέλτοίς στρατιωτών εμπεπιστευμένος ;Zos. hist. 1, 38) nur praeses einer der beiden Germanien oder, wenn sein Kommando ein außerordentliches war, dux per Germanias gewesen sein. Ebenso unmöglich ist in derselben Quasi-Urkunde der tribunatus Vocontiorum des Sohnes, eine offenbare Nachbildung der Tribunate, wie sie in der Notitia dignitatum aus der Zeit des Honorius auftreten.

Gegen Postumus und Victorinus, unter denen die Gallier und die Franken fechten, zieht Gallienus mit Aureolus, später seinem Gegner, und dem späteren Kaiser Claudius; er selbst wird durch einen Pfeilschuß verwundet, siegt aber, ohne daß durch den Sieg sich etwas ändert. Von diesem Kriege wissen die anderen Berichte nichts. Postumus fällt in dem von dem sogenannten Lollianus angezettelten Militäraufstand, während nach dem Bericht bei Victor und Eutropius Postumus dieser Mainzer Insurrektion Herr wird, aber dann die Soldaten ihn erschlagen, weil er ihnen Mainz nicht zur Plünderung überliefern will. Über die Erhebung des Postumus steht neben der im wesentlichen mit der gewöhnlichen übereinstimmenden Erzählung, daß Postumus den seiner Hut anvertrauten Sohn des Gallienus treulos beseitigt habe, eine andere, offenbar als Rettung erfundene, wonach das Volk in Gallien dies tat und dann dem Postumus die Krone antrug. Die enkomiastische Tendenz für den, der Gallien das Schicksal der Donauländer und Asiens erspart und es vor den Germanen gerettet habe, tritt hier und überall (am offenbarsten tyr. 5) zutage; womit denn zusammenhängt, daß dieser Bericht den Verlust des rechten Rheinufers und die Züge der Franken nach Gallien, Spanien und Afrika nicht kennt. Bezeichnend ist noch, daß der angebliche Stammvater des konstantinischen Hauses auch hier mit einer ehrenvollen Nebenrolle bedacht wird. Diese nicht zerrüttete, sondern durchgefälschte Erzählung wird völlig beseitigt werden müssen; die Berichte einerseits bei Zosimus, andererseits der aus einer gemeinschaftlichen Quelle schöpfenden Lateiner Victor und Eutropius, kurz und zerrüttet wie sie sind, können allein in Betracht kommen.