^20 Das hier stationierte Kommando war wenigstens in späterer Zeit ohne Frage das wichtigste unter den britannischen; und es wird auch dort (denn an Eburacum ist hier ohne Zweifel gedacht) ein Palatium erwähnt (vita Severi 22). Das praeto rium, unterhalb Eburacum wohl an der Küste gelegen (Irin. Anton. Aug., p. 466), mag der Sommersitz des Statthalters gewesen sein.
^21 Nördlich von Aldborough und Easingwold (beide etwas nördlich von York) haben sich keine gefunden (J. C. Bruce, Description of the Roman wall. 3. Aufl. 1867, S. 61).
KAPITEL VI.
Die Donauländer und die Kriege an der Donau
Wie die Rheingrenze Caesars, so ist die Donaugrenze das Werk des Augustus. Als er an das Ruder kam, waren die Römer auf der italischen Halbinsel kaum Herren der Alpen, auf der griechischen kaum des Haemus (Balkan) und der Küstenstreifen am Adriatischen und am Schwarzen Meer; nirgends reichte ihr Gebiet an den mächtigen Strom, der das südliche Europa vom nördlichen scheidet; sowohl das nördliche Italien wie auch die illyrischen und pontischen Handelsstädte und mehr noch die zivilisierten Landschaften Makedoniens und Thrakiens waren den Raubzügen der rohen und unruhigen Nachbarstämme stetig ausgesetzt. Als Augustus starb, waren an die Stelle der einen, kaum zu selbständiger Verwaltung gelangten Provinz Illyricum fünf große römische Verwaltungsbezirke getreten, Rätien, Noricum, Unterillyrien oder Pannonien, Oberillyrien oder Dalmatien und Mösien, und die Donau in ihrem ganzen Lauf, wenn nicht überall die militärische, doch die politische Reichsgrenze geworden. Die verhältnismäßig leichte Unterwerfung dieser weiten Gebiete sowie die schwere Insurrektion der Jahre 6 bis 9 und das dadurch veranlaßte Aufgeben der früher beabsichtigten Verlegung der Grenzlinie von der oberen Donau nach Böhmen und an die Elbe sind früher dargestellt worden. Es bleibt übrig, die Entwicklung dieser Landschaften in der Zeit nach Augustus und die Beziehungen der Römer zu den jenseits der Donau wohnhaften Stämmen darzustellen.
Die Schicksale Rätiens sind mit denen der Obergermanischen Provinz so eng verflochten, daß dafür auf die frühere Darstellung verwiesen werden kann. Die römische Zivilisation hat hier, im ganzen genommen, sich wenig entwickelt. Das Hochland der Alpen mit den Tälern des oberen Inn und des oberen Rhein umschloß eine schwache und eigenartige Bevölkerung, wahrscheinlich diejenige, die einstmals die östliche Hälfte der norditalischen Ebene besessen hatte, vielleicht den Etruskern verwandt. Von dort zurückgedrängt durch die Kelten und vielleicht auch die Illyriker, behauptete sie sich in den nördlichen Gebirgen. Während die nach Süden sich öffnenden Täler, wie das der Etsch, zu Italien gezogen wurden, boten jene den Südländern wenig Platz und noch weniger Reiz zur Ansiedelung und Städtegründung. Weiter nördlich, auf der Hochebene zwischen dem Bodensee und dem Inn, welche von den keltischen Stämmen der Vindeliker eingenommen war, wäre wohl für römische Kultur Raum und Stätte gewesen; aber es scheint in diesem Gebiet, das nicht so wie das norische unmittelbare Fortsetzung Italiens werden konnte und das, gleich dem angrenzenden sogenannten Decumatenland, wohl zunächst nur als Scheide gegen die Germanen für die Römer von Wert war, die Politik der früheren Kaiserzeit die Kultur vielmehr zurückgehalten zu haben. Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß gleich nach der Eroberung man bedacht war, die Landschaft zu entvölkern. Diesem geht zur Seite, daß in der früheren Kaiserzeit keine römisch organisierte Gemeinde hier entstanden ist. Zwar von der Anlage der großen Straße, die gleich mit der Eroberung selbst von dem älteren Drusus durch die Hochalpen an die Donau geführt ward, war die Gründung der Augusta der Vindeliker, des heutigen Augsburg, ein notwendiger Teil; aber es war und blieb dieser rasch aufblühende Ort über ein Jahrhundert ein Marktflecken, bis endlich Hadrian auch in dieser Hinsicht die von Augustus vorgezeichnete Bahn verließ und die Landschaft der Vindeliker in die Romanisierung des Nordens hineinzog. Die Verleihung des römischen Stadtrechts an den Vorort der Vindeliker durch Hadrian wird damit zusammengestellt werden dürfen, daß ungefähr um dieselbe Zeit die Militärgrenze am Oberrhein vorgeschoben ward und römische Städte im ehemaligen Decumatenland entstanden; indes ist in Rätien auch später Augusta der einzige größere Mittelpunkt römischer Zivilisation geblieben. Auch die militärischen Einrichtungen haben auf das Zurückhalten derselben eingewirkt. Die Provinz stand von Anfang an unter kaiserlicher Verwaltung und konnte nicht ohne Besatzung gelassen werden; aber besondere Rücksichten nötigten, wie dies früher gezeigt ward, die Regierung, nach Rätien lediglich Truppen zweiter Klasse zu legen, und wenn diese auch der Zahl nach nicht unbeträchtlich waren, so haben doch die kleineren Standlager der Alen und Kohorten nicht die zivilisierende und städtebildende Wirkung ausüben können wie die Legionslager. Unter Marcus ist allerdings infolge des Markomannischen Krieges das rätische Hauptquartier, die castra Regina, das heutige Regensburg, mit einer Legion belegt worden; aber selbst dieser Ort scheint in römischer Zeit bloß Militärniederlassung geblieben zu sein und kaum mit den Lagern zweiten Ranges am Rhein, wie zum Beispiel Bonna, in der städtischen Entwicklung auf einer Linie gestanden zu haben.
Daß die Grenze Rätiens schon zu Traianus’ Zeit von Regensburg westlich eine Strecke über die Donau hinaus vorgeschoben war, ist früher bemerkt und daselbst auch ausgeführt worden, daß dieses Gebiet wahrscheinlich ohne Anwendung von Waffengewalt, ähnlich wie das Decumatenland, zum Reiche gezogen worden ist. Es wurde ebenfalls schon erwähnt, daß die Befestigung dieses Gebiets vielleicht mit den unter Marcus bis hierher sich erstreckenden Einfällen der Chatten zusammenhängt, sowie daß diese und später die Alamannen im dritten Jahrhundert sowohl dies Vorland wie Rätien selbst heimsuchten und schließlich unter Gallienus den Römern entrissen.
Die Nachbarprovinz Noricum ist wohl in der provinzialen Einrichtung ähnlich wie Rätien behandelt worden, aber hat sich sonst anders entwickelt. Nach keiner Richtung hin ist Italien für den Landverkehr so wie gegen Nordosten aufgeschlossen; die Handelsbeziehungen Aquileias sowohl durch das Friaul nach der oberen Donau und zu den Eisenwerken von Noreia wie über die Julische Alpe zum Savetal haben hier der augustischen Grenzerweiterung vorgearbeitet wie nirgends sonst im Donaugebiet. Nauportus (Oberlaibach), jenseits des Passes, war ein römischer Handelsflecken schon in republikanischer Zeit, Emona (Laibach) eine später förmlich Italien einverleibte, der Sache nach seit ihrer Gründung durch Augustus zu Italien gehörige römische Bürgerkolonie. Daher genügte, wie früher schon hervorgehoben ward, für die Umwandlung dieses “Königreichs” in eine römische Provinz wahrscheinlich die bloße Ankündigung. Die ursprünglich wohl illyrische, später zum guten Teil keltische Bevölkerung zeigt keine Spur von demjenigen Festhalten an der nationalen Weise und Sprache, welche wir bei den Kelten des Westens wahrnehmen. Römische Sprache und römische Sitte muß hier früh Eingang gefunden haben, und von Kaiser Claudius wurde dann das gesamte Gebiet, selbst der nördliche, durch die Tauernkette vom Drautal getrennte Teil, nach italischer Gemeindeverfassung organisiert. Während in den Nachbarländern Rätien und Pannonien die Denkmäler römischer Sprache entweder fehlen oder doch nur in den größeren Zentren erscheinen, sind die Täler der Drau, der Mut und der Salzach und ihrer Nebenflüsse bis in das hohe Gebirge hinauf erfüllt mit Zeugnissen der hier tief eingedrungenen Romanisierung. Noricum ward ein Vorland und gewissermaßen ein Teil Italiens; bei der Aushebung für die Legion und für die Garde ist, so lange hier die Italiker überhaupt bevorzugt wurden, diese Bevorzugung auf keine andere Provinz so völlig erstreckt worden wie auf diese.
Hinsichtlich der militärischen Belegung gilt von Noricum dasselbe wie von Rätien. Aus den schon entwickelten Gründen gab es auch in Noricum während der ersten zwei Jahrhunderte der Kaiserzeit nur Alen- und Kohortenlager; Carnuntum (Petronell bei Wien), das in der augustischen Zeit zu Noricum gehörte, ist, als die illyrischen Legionen dorthin gelegt wurden, eben darum zu Pannonien gezogen worden. Die kleineren norischen Standlager an der Donau und selbst das von Marcus, der auch in diese Provinz eine Legion legte, für diese eingerichtete Lager von Lauriacum (bei Enns) sind für die städtische Entwicklung von keiner Bedeutung gewesen; die großen Ortschaften Noricums, wie Celeia (Cilli) im Sanntal, Aguontum (Lienz), Teurnia (unweit Spittal), Virunum (Zollfeld bei Klagenfurt), im Norden Iuvavum (Salzburg) sind rein aus bürgerlichen Elementen hervorgegangen.
Illyricum, das heißt das römische Gebiet zwischen Italien und Makedonien, wurde in republikanischer Zeit zum kleineren Teil mit der griechisch-makedonischen Statthalterschaft vereinigt, zum größeren als Nebenland von Italien und, nach der Einrichtung der Statthalterschaft des Cisalpinischen Galliens, als ein Teil von dieser verwaltet. Das Gebiet deckt sich bis zu einem gewissen Grade mit dem weitverbreiteten Stamm, von dem es die Römer benannt haben: es ist derjenige, dessen dürftiger Rest an dem südlichen Ende seines ehemals weitgedehnten Besitzes unter dem Namen der Skipetaren, welchen sie sich selbst beilegen, oder, wie ihre Nachbarn sie heißen, der Arnauten oder Albanesen noch heute seine alte Nationalität und seine eigene Sprache bewahrt hat. Es ist derselbe ein Glied der indogermanischen Familie und innerhalb derselben wohl am nächsten dem griechischen Kreise verwandt, wie dies auch den örtlichen Verhältnissen angemessen ist; aber er steht neben diesem wenigstens ebenso selbständig wie der lateinische und der keltische. In ihrer ursprünglichen Ausdehnung erfüllte diese Nation die Küste des Adriatischen Meeres von der Mündung des Po durch Istrien, Dalmatien und Epirus bis gegen Akarnanien und Ätolien, ferner im Binnenlande das obere Makedonien sowie das heutige Serbien und Bosnien und das ungarische Gebiet auf dem rechten Ufer der Donau; sie grenzt also östlich an die thrakischen Völkerschaften, westlich an die keltischen, von welchen letzteren Tacitus sie ausdrücklich unterscheidet. Es ist ein kräftiger Schlag südländischer Art, mit schwarzem Haar und dunklen Augen, sehr verschieden von den Kelten und mehr noch von den Germanen, nüchterne, mäßige, unerschrockene, stolze Leute, vortreffliche Soldaten, aber bürgerlicher Entwicklung wenig zugänglich, mehr Hirten als Ackerbauer. Zu einer größeren politischen Entwicklung ist er nicht gelangt. An der italischen Küste traten ihnen wahrscheinlich zunächst die Kelten entgegen; die wahrscheinlich illyrischen Völkerschaften daselbst, insbesondere die Veneter, wurden durch die Rivalität mit den Kelten früh zu fügsamen Untertanen der Römer. Am Ende des 6. Jahrhunderts der Stadt engte die Gründung von Aquileia und die Unterwerfung der Halbinsel Istrien weiter ihre Grenzen ein. An der Ostküste des Adriatischen Meeres waren die wichtigeren Inseln und die Südhäfen des Kontinents seit langem von den kühnen hellenischen Schiffern okkupiert. Als dann in Skodra (Scutari), gewissermaßen in alter Zeit wie heutzutage dem Zentralpunkt des illyrischen Landes, die Herrscher anfingen, sich zu eigener Macht zu entwickeln und besonders auf dem Meere die Griechen zu befehden, schlug Rom schon vor dem Hannibalischen Kriege sie mit gewaltiger Hand nieder und nahm die ganze Küste unter seine Schutzherrschaft, welche bald, nachdem der Herr von Skodra mit dem König Perseus von Makedonien den Krieg und die Niederlage geteilt hatte, die völlige Auflösung dieses Fürstentums herbeiführte. Am Ende des 6. Jahrhunderts der Stadt und in der ersten Hälfte des siebenten wurde in langjährigen Kämpfen auch die Küste zwischen Istrien und Skodra von den Römern besetzt. Im Binnenland wurden die Illyrier in republikanischer Zeit von den Römern wenig berührt; dafür aber müssen, von Westen her vordringend, die Kelten einen guten Teil ursprünglich illyrischen Gebiets in ihre Gewalt gebracht haben, so das späterhin überwiegend keltische Noricum. Kelten sind auch die Latobiker im heutigen Krain; und in dem gesamten Gebiet zwischen Save und Drau, ebenso im Raabtal saßen die beiden großen Stämme im Gemenge, als Caesar Augustus die südlichen Distrikte Pannoniens der römischen Herrschaft unterwarf. Wahrscheinlich hat diese starke Mischung mit keltischen Elementen neben der ebenen Bodenbeschaffenheit zu dem frühen Untergang der illyrischen Nation in den pannonischen Landschaften ihren Teil beigetragen. In die südliche Hälfte der von Illyriern bewohnten Landschaften dagegen sind von den Kelten nur die Skordisker vorgedrungen, deren Festsetzung an der unteren Save bis zur Morawa und deren Streifereien bis in die Nähe von Thessalonike früher erwähnt worden sind. Die Griechen aber haben hier ihnen gewissermaßen den Platz geräumt; das Sinken der makedonischen Macht und die Verödung von Epirus und Ätolien müssen die Ausbreitung der illyrischen Nachbarn gefördert haben. Bosnien, Serbien, vor allem Albanien sind in der Kaiserzeit illyrisch gewesen, und Albanien ist es noch heute.
Es ist früher erzählt worden, daß Illyricum schon nach der Absicht des Diktators Caesar als eigene Statthalterschaft konstituiert werden sollte und diese Absicht bei der Teilung der Provinzen zwischen Augustus und dem Senat zur Ausführung kam; daß diese anfangs dem Senat überwiesene Statthalterschaft wegen der daselbst notwendigen Kriegführung auf den Kaiser überging; daß Augustus diese Statthalterschaft teilte und die bis dahin im ganzen nur nominelle Herrschaft über das Binnenland sowohl in Dalmatien wie im Savegebiet effektiv machte; daß er endlich die gewaltige nationale Insurrektion, die bei den dalmatischen wie bei den pannonischen Illyriern im Jahre 6 n. Chr. ausbrach, nach schwerem vierjährigem Kampf überwältigte. Es bleibt übrig, die ferneren Schicksale zunächst der südlichen Provinz zu berichten.