————————————————————
Den nach den Markomannen benannten Krieg hat nicht eine einzelne Persönlichkeit vom Schlage des Hannibal und des Decebalus angefacht. Ebensowenig haben Übergriffe römischerseits diesen Krieg heraufbeschworen; Kaiser Pius verletzte keinen Nachbarn, weder den mächtigen, noch den geringen, und hielt den Frieden fast mehr als billig hoch. Das Reich des Maroboduus und des Vannius hatte sich seitdem, vielleicht infolge der Teilung unter Vangio und Sido, in das Königtum der Markomannen im heutigen Böhmen und das der Quaden in Mähren und Oberungarn geschieden. Konflikte mit den Römern scheinen hier nicht stattgefunden zu haben; das Lehnsverhältnis der Quadenfürsten wurde sogar unter Pius’ Regierung durch die erbetene Bestätigung in förmlicher Weise anerkannt. Völkerverschiebungen, die jenseits des römischen Horizonts liegen, sind die nächste Ursache des großen Krieges gewesen. Bald nach Pius’ Tode (161) erschienen Haufen von Germanen, namentlich Langobarden von der Elbe her, aber auch Markomannen und andere Mannschaften in Pannonien, es scheint, um neue Wohnsitze am rechten Ufer zu gewinnen. Gedrängt von den römischen Truppen, die ihnen entgegengeschickt wurden, entsandten sie den Markomannenfürsten Ballomarius und mit ihm je einen Vertreter der zehn beteiligten Stämme, um ihre Bitte um Landanweisung zu erneuern. Aber der Statthalter ließ es bei dem Bescheid und zwang sie, über die Donau zurückzugehen. Dies ist der Anfang des großen Donaukrieges ^17. Auch der Statthalter von Obergermanien, Gaius Aufidius Victorinus, der Schwiegersohn des literarisch bekannten Fronto, hatte bereits um das Jahr 162 einen Ansturm der Chatten abzuschlagen, welcher ebenfalls durch nachdrängende Völkerschaften von der Elbe her veranlaßt sein mag. Wäre gleich energisch eingeschritten worden, so hätte größerem Unheil vorgebeugt werden können. Aber eben damals hatte der Armenische Krieg begonnen, in den bald die Parther eintraten; wenn auch die Truppen nicht gerade von der bedrohten Grenze weg nach dem Osten geschickt wurden, wofür wenigstens keine Beweise vorliegen ^18, so fehlte es doch an Mannschaft, um den zweiten Krieg sofort energisch aufzunehmen. Dies Temporisieren hat sich schwer gerächt. Eben als in Rom über die Könige des Ostens triumphiert ward, brachen an der Donau die Chatten, die Markomannen, die Quaden, die Jazygen wie mit einem Schlag ein in das römische Gebiet. Rätien, Noricum, beide Pannonien, Dakien waren im selben Augenblick überschwemmt; im dakischen Grubendistrikt können noch wir die Spuren dieses Einbruchs verfolgen. Welche Verheerungen sie in diesen Landschaften, die seit langem keinen Feind gesehen hatten, damals anrichteten, zeigt die Tatsache, daß mehrere Jahre später die Quaden erst 13000, dann noch 50000, die Jazygen gar 100000 römische Gefangene zurückgaben. Es blieb nicht einmal bei der Schädigung der Provinzen. Es geschah, was seit drei Jahrhunderten nicht geschehen war und anfing als unmöglich zu gelten: die Barbaren durchbrachen den Alpenwall und fielen in Italien selbst ein; von Rätien aus zerstörten sie Opitergium (Oderzo), die Scharen von der Julischen Alpe berannten Aquileia ^19. Niederlagen einzelner römischer Armeekorps müssen mehrfach stattgefunden haben; wir erfahren nur, daß einer der Gardekommandanten, Victorinus, vor dem Feind blieb und die Reihen der römischen Heere sich in arger Weise lichteten.
———————————————————————-
^17 Vita Marci 14: gentibus quae pulsae a superioribus barbaris fugerant nisi reciperentur bellum ireferentibus. Dio bei Petrus Patricius fr. 6: Λαγγιβάρδων καί Οβίων (sonst unbekannt) εξακισχιλίων Ίστρων περαιωθέντων τών περί Βίνδικα (vielleicht schon damals praef. praetorio, in welchem Fall die Garde wegen dieses Vorganges ausmarschiert wäre) ιππέων εξελασάντων καί τών αμφί Κάνδιδον πεζών επιφθασάντων εις παντελή φυγήν οι βάρβαροι ετράποντο. εφ'οίσ ούτω πραχθήσιν εν δέει καταστάντες εκ πρώτησ επιχειρήςεως οι βάρβαροι πρέσβεις παρά Αίλιον Βάσσον τήν Παιονίαν διέποντα στέλλουσι Βαλλομάριόν τε τον βασιλέα Μαρκομάνων καί ετέρους δέκα, κατ' έθνος επιλεξάμενοι ένα. καί όρκοις τήν ειρήνην οι πρέσβεις πιστωσάμενοι οίκαδε χωρούσιν. Daß dieser Vorfall vor den Ausbruch des Krieges fällt, zeigt seine Stellung; fr. 7 des Patricius ist Exzerpt aus Dio 71, 11, 2.
^18 Das mösische Heer gab Soldaten zum Armenischen Krieg ab (O. Hirschfeld, Archäologisch-epigraphische Mittheilungen 6, S. 41); aber hier war die Grenze nicht gefährdet.
^19 Die Beteiligung der rechtsrheinischen Germanen bezeugt Dio 71, 3, und nur dadurch erklären sich die Maßregeln, die Marcus für Raetia und Noricum traf. Auch die Lage von Oderzo spricht dafür, daß diese Angreifer über den Brenner kamen.
———————————————————————-
Der schwere Angriff traf den Staat zur unglücklichsten Stunde. Zwar der orientalische Krieg war beendigt; aber in seinem Gefolge hatte eine Seuche sich in Italien und dem ganzen Westen verbreitet, die dauernder als der Krieg und in entsetzlicherem Maße die Menschen hinraffte. Wenn die Truppen, wie es notwendig war, zusammengezogen wurden, so fielen der Pest die Opfer nur um so zahlreicher. Wie zu der Pestilenz immer die teure Zeit gehört, so erschien auch hier mit ihr Mißwachs und Hungersnot und schwere Finanzkalamität - die Steuern gingen nicht ein, und im Laufe des Krieges sah sich der Kaiser veranlaßt, die Kleinodien seines Palastes in öffentlicher Auktion zu veräußern. Es fehlte an einem geeigneten Leiter. Eine so ausgedehnte und so verwickelte militärisch-politische Aufgabe konnte, wie die Dinge in Rom lagen, kein beauftragter Feldherr, sondern allein der Herrscher selbst auf sich nehmen. Marcus hatte, in richtiger und bescheidener Erkenntnis dessen, was ihm abging, bei der Thronbesteigung sich seinen jüngeren Adoptivbruder Lucius Verus gleichberechtigt zur Seite gestellt, in der wohlwollenden Voraussetzung, daß der flotte junge Mann, wie er ein tüchtiger Fechter und Jäger war, so auch zum fähigen Feldherrn sich entwickeln werde. Aber den scharfen Blick des Menschenkenners besaß der ehrliche Kaiser nicht; die Wahl war so unglücklich wie möglich ausgefallen; der eben beendigte Parthische Krieg hatte den nominellen Feldherrn als eine wüste Persönlichkeit und einen unfähigen Offizier gezeigt. Verus’ Mitregentschaft war nichts als eine Kalamität mehr, die freilich durch seinen, nicht lange nach dem Ausbruch des Markomannischen Krieges erfolgten Tod (169) in Wegfall kam. Marcus, seinen Neigungen nach mehr reflektiv als dem praktischen Leben zugewandt und ganz und gar kein Soldat, überhaupt keine hervorragende Persönlichkeit, übernahm die ausschließliche und persönliche Leitung der erforderlichen Operationen. Er mag dabei im einzelnen Fehler genug gemacht haben, und vielleicht geht die lange Dauer der Kämpfe darauf mit zurück; aber die Einheit des Oberbefehls, die klare Einsicht in den Zweck der Kriegführung, die Folgerichtigkeit des staatsmännischen Handelns, vor allem die Rechtschaffenheit und Festigkeit des seines schweren Amtes mit selbstvergessener Treue waltenden Mannes haben schließlich den gefährlichen Ansturm gebrochen. Es ist dies ein um so höheres Verdienst, als der Erfolg mehr dem Charakter als dem Talent verdankt wird.
Worauf man sich gefaßt machte, zeigt die Tatsache, daß die Regierung, trotz des Mangels an Menschen und an Geld, in dem ersten Jahre dieses Krieges mit ihren Soldaten und auf ihre Kosten die Mauern der Hauptstadt Dalmatiens, Salonae, und der Hauptstadt Thrakiens, Philippopolis, herstellen ließ; sicher sind dies nicht vereinzelte Anordnungen gewesen. Man mußte sich darauf vorbereiten, die Nordländer überall die großen Städte des Reiches berennen zu sehen; die Schrecken der Gotenzüge pochten schon an die Pforten und wurden vielleicht für diesmal nur dadurch abgewandt, daß die Regierung sie kommen sah. Die unmittelbare Oberleitung der militärischen Operationen und die durch die Sachlage geforderte Regulierung der Beziehungen zu den Grenzvölkern und Reformierung der bestehenden Ordnungen an Ort und Stelle durfte weder fehlen noch dem charakterlosen Bruder oder Einzelführern überlassen werden. In der Tat änderte sich die Lage der Dinge, sowie die beiden Kaiser in Aquileia eintrafen, um von dort mit dem Heer nach dem Kriegsschauplatz abzugehen. Die Germanen und Sarmaten, wenig in sich geeinigt und ohne gemeinschaftliche Leitung, fühlten sich solchem Gegenschlag nicht gewachsen. Die eingedrungenen Haufen zogen überall sich zurück; die Quaden sandten den kaiserlichen Statthaltern ihre Unterwerfung ein, und vielfach büßten die Führer der gegen die Römer gerichteten Bewegung diesen Rückschlag mit dem Leben. Lucius meinte, daß der Krieg Opfer genug gefordert habe und riet zur Rückkehr nach Rom. Aber die Markomannen verharrten in trotzigem Widerstand, und die Kalamität, die über Rom gekommen war, die Hunderttausende der weggeschleppten Gefangenen, die von den Barbaren errungenen Erfolge forderten gebieterisch eine kräftigere Politik und die offensive Fortsetzung des Krieges. Marcus’ Schwiegersohn Tiberius Claudius Pompeianus übernahm außerordentlicherweise das Kommando in Rätien und Noricum; sein tüchtiger Unterbefehlshaber, der spätere Kaiser Publius Helvius Pertinax, säuberte ohne Schwierigkeit mit der aus Pannonien herbeigerufenen ersten Hilfslegion das römische Gebiet. Trotz der Finanznot wurden namentlich aus illyrischen Mannschaften, bei deren Aushebung freilich mancher bisherige Straßenräuber zum Landesverteidiger gemacht ward, zwei neue Legionen gebildet und, wie schon früher angegeben ward, die bisher geringfügige Grenzwacht dieser beiden Provinzen durch die neuen Legionslager von Regensburg und Enns verstärkt. In die oberpannonischen Lager begaben sich die Kaiser selbst. Vor allen Dingen kam es darauf an, den Herd des Kriegsfeuers einzuschränken. Die von Norden kommenden Barbaren, die ihre Hilfe anboten, wurden nicht zurückgewiesen und fochten in römischem Sold, soweit sie nicht, was auch vorkam, ihr Wort brachen und mit dem Feind gemeinschaftliche Sache machten. Den Quaden, welche um Frieden und um die Bestätigung des neuen Königs Furtius baten, wurde diese bereitwillig zugestanden und nichts gefordert als Rückgabe der Überläufer und der Gefangenen. Es gelang einigermaßen, den Krieg auf die beiden Hauptgegner, die Markomannen und die von alters her ihnen verbündeten Jazygen, zu beschränken. Gegen diese beiden Völker wurde in den folgenden Jahren in schweren Kämpfen und nicht ohne Niederlage gestritten. Wir wissen davon nur Einzelheiten, die sich nicht in festen Zusammenhang bringen lassen. Marcus Claudius Fronto, dem die außerordentlicherweise vereinigten Kommandos von Obermösien und Dakien anvertraut waren, fiel um das Jahr 171 im Kampfe gegen Germanen und Jazygen. Ebenso fiel vor dem Feind der Gardekommandant Marcus Macrinius Vindex. Sie und andere hochgestellte Offiziere erhielten in diesen Jahren Ehrendenkmäler in Rom an der Säule Traians, weil sie in Verteidigung des Vaterlandes den Tod gefunden hatten. Die barbarischen Stämme, die sich für Rom erklärt hatten, fielen zum Teil wieder ab, so die Cotiner und vor allem die Quaden, welche den flüchtigen Markomannen eine Freistatt gewährten und ihren Vasallenkönig Furtius vertrieben, worauf Kaiser Marcus auf den Kopf seines Nachfolgers Ariogaesus einen Preis von 1000 Goldstücken setzte. Erst im sechsten Kriegsjahr (172) scheint die völlige Überwindung der Markomannen erreicht worden zu sein und danach Marcus den wohlverdienten Siegestitel Germanicus angenommen zu haben. Es folgte dann die Niederwerfung der Quaden, endlich im Jahre 175 die der Jazygen, infolge deren der Kaiser den weiteren Beinamen des Sarmatensiegers empfing. Die Bedingungen, welche den überwundenen Völkerschaften gestellt wurden, zeigen, daß Marcus nicht zu strafen beabsichtigte, sondern zu unterwerfen. Den Markomannen und den Jazygen, wahrscheinlich auch den Quaden, wurde auferlegt, einen Grenzstreifen am Flusse in der Breite von zwei, nach späterer Milderung von einer deutschen Meile zu räumen. In die festen Plätze am rechten Donauufer wurden römische Besatzungen gelegt, die allein bei den Markomannen und Quaden zusammen sich auf nicht weniger als 20000 Mann beliefen. Alle Unterworfenen hatten Zuzug zum römischen Heer zu stellen, die Jazygen zum Beispiel 8000 Reiter. Wäre der Kaiser nicht durch die Insurrektion Syriens abgerufen worden, so hätte er die letzteren ganz aus ihrer Heimat getrieben, wie Traianus die Daker. Daß Marcus die abgefallenen Transdanuvianer nach diesem Muster zu behandeln gedachte, bestätigt der weitere Verlauf. Kaum war jenes Hindernis beseitigt, so ging der Kaiser wieder an die Donau und begann, eben wie Traianus, im Jahre 178 den zweiten, abschließenden Krieg. Die Motivierung dieser Kriegserklärung ist nicht bekannt; der Zweck wird ohne Zweifel richtig dahin angegeben, daß er zwei neue Provinzen, Marcomania und Sarmatia, einzurichten gedachte. Den Jazygen, die sich den Absichten des Kaisers fügsam gezeigt haben werden, wurden die lästigen Auflagen größtenteils erlassen, ja ihnen für den Verkehr mit ihren östlich von Dakien hausenden Stammverwandten, den Roxolanern, der Durchgang durch Dakien unter angemessener Aufsicht gewährt - wahrscheinlich auch nur, weil sie schon als römische Untertanen betrachtet wurden. Die Markomannen wurden durch Schwert und Hunger fast aufgerieben. Die verzweifelnden Quaden wollten nach Norden auswandern und bei den Semnonen sich Sitze suchen; aber auch dies wurde ihnen nicht gestattet, da sie die Äcker zu bestellen hatten, um die römischen Besatzungen zu versorgen. Nach vierzehnjähriger, fast ununterbrochener Waffenarbeit stand der Kriegsfürst wider Willen am Ziel und die Römer zum zweiten Mal vor der Gewinnung der oberen Elbe; jetzt fehlte in der Tat nur die Ankündigung, das Gewonnene festhalten zu wollen. Da starb er, noch nicht sechzig Jahre alt, im Lager von Vindobona am 17. März 180.
Man wird nicht bloß die Entschlossenheit und die Konsequenz des Herrschers anerkennen, sondern auch einräumen müssen, daß er tat, was die richtige Politik gebot. Die Eroberung Dakiens durch Traian war ein zweifelhafter Gewinn, obwohl eben in dem Markomannischen Krieg der Besitz Dakiens nicht bloß ein gefährliches Element aus den Reihen der Gegner Roms entfernt, sondern wahrscheinlich auch bewirkt hat, daß der Völkerschwarm an der unteren Donau, die Bastarner, die Roxolaner und andere mehr in den Markomannenkrieg nicht eingegriffen haben. Aber nachdem der gewaltige Ansturm der Transdanuvianer westlich von Dakien die Niederwerfung derselben zur Notwendigkeit gemacht hatte, konnte diese nur in abschließender Weise ausgeführt werden, indem Böhmen, Mähren und die Theißebene in die römische Verteidigungslinie eingezogen wurden, wenn auch diesen Gebieten wohl nur, wie Dakien, eine Vorpostenstellung zugedacht war und die strategische Grenzlinie sicher die Donau bleiben sollte.