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Bevor wir die Entwicklung der Dinge an der unteren Donau weiter verfolgen, erscheint es notwendig, einen Blick zu werfen auf die Piraterie, wie sie in der östlichen Hälfte des Mittelmeeres damals im Gange war, und die daraus hervorgegangenen Seezüge der Goten und ihrer Genossen.
Daß auf dem Schwarzen Meer die römische Flotte zu keiner Zeit entbehrlich, die Piraterie daselbst wahrscheinlich nie ausgerottet worden ist, liegt im Wesen der Römerherrschaft, wie sie an seinen Küsten sich gestaltet hatte. In festem Besitz waren sie nur etwa von der Donaumündung abwärts bis Trapezunt. Römisch waren freilich auch einerseits Tyra, an der Mündung des Dnjestr, und Olbia, an der Bucht der Dnjeprmündung, andererseits die kaukasischen Hafenorte in der Gegend des heutigen Suchum-Kaleh, Dioskurias und Pityus. Auch das dazwischenliegende Bosporanische Königreich auf der Krim stand in römischem Schutz und hatte römische, dem Statthalter von Mösien unterstehende Besatzung. Aber es waren an diesen größtenteils wenig einladenden Gestaden nur jene Hafenplätze entweder als alte griechische Ansiedlungen oder als römische Festungen in festem Besitz, die Küste selbst öde oder in den Händen der das Binnenland erfüllenden Eingeborenen, die unter dem allgemeinen Namen der Skythen zusammengefaßt, meistens sarmatischer Abkunft, den Römern niemals botmäßig wurden noch werden sollten; man war zufrieden, wenn sie sich nicht geradezu an den Römern oder deren Schutzbefohlenen vergriffen. Danach ist es nicht zu verwundern, daß schon in Tiberius’ Zeit die Piraten der Ostküste nicht bloß das Schwarze Meer unsicher machten, sondern auch landeten und die Dörfer und die Städte der Küste brandschatzten. Wenn unter Pius oder Marcus eine Schar der an dem nordwestlichen Ufer hausenden Kostoboker die im Herzen von Phokis gelegene Binnenstadt Elateia überfiel und unter deren Mauern mit den Bürgern sich herumschlug, so zeigt dieser gewiß nur zufällig für uns einzeln dastehende Vorgang, daß dieselben Erscheinungen, welche dem Sturz des Senatsregiments voraufgingen, jetzt sich erneuerten und noch bei äußerlich unerschüttert aufrecht stehender Reichsgewalt nicht bloß einzelne Piratenschiffe, sondern Piratengeschwader im Schwarzen und selbst im Mittelmeere kreuzten. Das nach dem Tode des Severus und vor allem nach dem Ausgang der letzten Dynastie deutlich erkennbare Sinken des Regiments offenbarte sich dann, wie billig, vor allem in dem weiteren Verfall der Seepolizei. Die im einzelnen wenig zuverlässigen Berichte melden bereits in der Zeit vor Decius das Erscheinen einer großen Piratenflotte im Ägäischen Meer; dann unter Decius die Plünderung der pamphylischen Küste und der griechisch-asiatischen Inseln, unter Gallus Piratenstreifereien in Kleinasien bis nach Pessinus und Ephesos ^24. Dies waren Räuberzüge. Diese Gesellen plünderten die Küsten weit und breit, und machten auch, wie man sieht, dreiste Züge in das Binnenland; aber von zerstörten Städten wird nichts gemeldet, und die Piraten vermieden es, mit den römischen Truppen zusammenzustoßen; vorzugsweise richtete sich der Angriff gegen solche Landschaften, in denen keine Truppen standen.
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^24 Amm. Marc. 31, 5, 15: duobus navium milibus perrupto Bosporo et litoribus Propontidis Scythicarum gentium catervae transgressae ediderunt quidem acerbas terra marique strages: sed amissa suorum parte maxima reverterunt, worauf die Katastrophe der Decier erzählt und in diese die weitere Notiz eingeflochten wird: obsessae Pamphyliae civitates (dahin wird die Belagerung von Side gehören, bei Dexippus selbst fr. 23), insulae populatae complures, ebenso die Belagerung von Kyzikos. Wenn in diesem Rückblick nicht alles verwirrt ist, was bei Ammian doch nicht wohl angenommen werden kann, so fällt dies vor diejenigen Seefahrten, die mit der Belagerung von Pityus beginnen und mehr ein Teil der Völkerwanderung sind als Piratenzüge. Die Zahl der Schiffe freilich dürfte durch Gedächtnisfehler von dem Zug des Jahres 269 hierher übertragen sein. In denselben Zusammenhang gehört die Notiz bei Zosimus (hist. 1, 28) über die Skythenzüge in Asien und Kappadokien bis Ephesos und Pessinus. Die Nachricht über Ephesos in der Biographie Gallienus’ c. 6 ist dieselbe, aber der Zeit nach verschoben.
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Unter Valerianus nehmen diese Expeditionen einen anderen Charakter an. Die Art der Züge weicht von den früheren so sehr ab, daß der an sich nicht besonders wichtige Zug der Boraner gegen Pityus unter Valerianus von kundigen Berichterstattern geradezu als der Anfang dieser Bewegung bezeichnet werden konnte ^25 und daß die Piraten eine Zeitlang in Kleinasien mit dem Namen dieser uns sonst nicht bekannten Völkerschaft genannt wurden. Nicht mehr von den alten einheimischen Anwohnern des Schwarzen Meeres gehen diese Züge aus, sondern von den nachdrängenden Schwärmen. Was bis dahin Seeraub gewesen war, fängt an, ein Stück derjenigen Völkerverschiebung zu werden, welcher das Vordringen der Goten an die untere Donau angehört. Die beteiligten Völker sind sehr mannigfach und zum Teil wenig bekannt; bei den späteren Zügen scheinen die germanischen Heruler, damals Anwohner der Maeotis, eine führende Rolle gespielt zu haben. Beteiligt sind auch die Goten, indes soweit es sich um eigentliche Seefahrten handelt und über diese leidlich genaue Berichte vorliegen, nicht in hervorragender Weise; recht eigentlich diese Züge heißen richtiger skythische als gotische. Der maritime Mittelpunkt dieser Angriffe ist die Dnjestrmündung, der Hafen von Tyra ^26. Die griechischen Städte des Bosporus, durch den Bankrott der Reichsgewalt schutzlos den andrängenden Haufen preisgegeben und der Belagerung durch dieselben gewärtig, ließen halb gezwungen, halb freiwillig sich dazu herbei, die unbequemen neuen Nachbarn auf ihren Schiffen und durch ihre Seeleute nach den nächstgelegenen römischen Besitzungen an der Nordküste des Pontus überzuführen, wofür diesen selbst die nötigen Mittel und das nötige Geschick mangelte. So kam jene Expedition gegen Pityus zustande. Die Boraner wurden gelandet und sandten, auf den Erfolg vertrauend, die Schiffe zurück. Aber der entschlossene Befehlshaber von Pityus, Successianus, wies den Angriff ab und die Angreifer, den Anmarsch der übrigen römischen Besatzungen befürchtend, zogen eilig ab, wozu sie mühsam die nötigen Fahrzeuge beschafften. Aufgegeben aber war der Plan nicht; im nächsten Jahr kamen sie wieder, und da der Kommandant inzwischen gewechselt war, ergab sich die Festung. Die Boraner, welche diesmal die bosporanischen Schiffe festgehalten hatten und aus gepreßten Schiffsleuten und gefangenen Römern deren Bemannung beschafften, bemächtigten sich weithin der Küste und gelangten bis nach Trapezunt. In diese gut befestigte und stark besetzte Stadt hatte alles sich geflüchtet und zu einer wirklichen Belagerung waren die Barbaren nicht imstande. Aber die Führung der Römer war schlecht und die Kriegszucht so verfallen, daß nicht einmal die Mauer besetzt wurde; so erstiegen die Barbaren dieselbe bei Nachtzeit, ohne auch nur Gegenwehr zu finden, und in der großen und reichen Stadt fiel ungeheure Beute, darunter auch eine Anzahl von Schiffen, in ihre Hände. Glücklich kehrten sie aus dem fernen Lande zurück an die Maeotis.
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^25 Bei Zosimus selbst wird man völliges Verständnis dafür nicht erwarten; aber sein Gewährsmann Dexippus, der Zeitgenosse und Beteiligte, wußte wohl, warum er die bithynische Expedition die δευτέρα έφοδος nannte (Zos. hist. 1, 35); und auch bei Zosimus noch erkennt man deutlich den von Dexippus beabsichtigten Gegensatz der Expedition der Boraner gegen Pityus und Trapezunt zu den hergebrachten Piratenfahrten. In der Biographie des Gallienus wird die c. 11 unter dem Jahre 264 erzählte skythische Expedition nach Kappadokien die trapezuntische sein sowie die damit verknüpfte bithynische die, welche Zosimus die zweite nennt; verwirrt ist hier freilich alles.
^26 Dies sagt Zosimus (hist. 1, 42) und folgt auch aus dem Verhältnis der Bosporaner zu dem ersten (1, 32) und dem des ersten zu dem zweiten Zug (1, 34).