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Unter den Juliern und den Claudiern scheinen dann an der Indusmündung die Parther die Vormacht gewesen zu sein. Ein zuverlässiger Berichterstatter aus augustischer Zeit führt eben jenes Sakastane unter den parthischen Provinzen auf und nennt den König der Saker-Skythen einen Unterkönig der Arsakiden; als letzte parthische Provinz gegen Osten bezeichnet er Arachosien mit der Hauptstadt Alexandropolis, wahrscheinlich Kandahar. Ja, bald darauf, in vespasianischer Zeit, herrschen in Minnagara parthische Fürsten. Indes war dies für das Reich am Indusstrom mehr ein Wechsel der Dynastie als eine eigentliche Annexion an den Staat von Ktesiphon. Der Partherfürst Gondopharos, den die christliche Legende mit dem Apostel der Parther und der Inder, dem heiligen Thomas, verknüpft ^17, hat allerdings von Minnagara aus bis nach Peschawar und Kabul hinauf geherrscht; aber diese Herrscher gebrauchen, wie ihre Vorherrscher im indischen Reich, neben der griechischen die indische Sprache und nennen sich Großkönige wie diejenigen von Ktesiphon; sie scheinen mit den Arsakiden darum nicht weniger rivalisiert zu haben, weil sie demselben Fürstengeschlecht angehörten ^18.
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^17 Wahrscheinlich ist er der Kaspar - in älterer Tradition Gathaspar -, der unter den heiligen drei Königen aus dem Morgenland auftritt (Gutschmid, Rheinisches Museum N. F. 19, 1861, S. 162).
^18 Das bestimmteste Zeugnis der Partherherrschaft in diesen Gegenden findet sich in der unter Vespasian von einem ägyptischen Kaufmann aufgesetzten Küstenbeschreibung des Roten Meeres c. 38: “Hinter der Indusmündung im Binnenland liegt die Hauptstadt von Skythien Minnagara; beherrscht aber wird diese von den Parthern, die beständig einander verjagen (υπό Πάρθων συνεχώς αλλήλους ενδιωκόντων). Dasselbe wird in etwas verwirrter Weise c. 41 wiederholt; es kann hier scheinen, als läge Minnagara in Indien selbst oberhalb Barygaza, und schon Ptolemaeos ist dadurch irregeführt worden; aber gewißhat der Schreiber, der über das Binnenland nur von Hörensagen spricht, nur sagen wollen, daß eine große Stadt Minnagara im Binnenland nicht fern von Barygaza liege und von da viel Baumwolle nach Barygaza geführt werde. Auch können die nach demselben Gewährsmann in Minnagara zahlreich begegnenden Spuren Alexanders nur am Indus, nicht in Gudjarat sich gefunden haben. Die Lage Minnagaras am unteren Indus, unweit Haiderabad, und die Existenz einer parthischen Herrschaft daselbst unter Vespasian erscheint hierdurch gesichert.
Damit werden verbunden werden dürfen die Münzen des Königs Gondopharos oder Hyndopherres, welcher in einer sehr alten christlichen Legende von dem Apostel der Parther und der Inder, dem heiligen Thomas, zum Christentum bekehrt wird und in der Tat der ersten römischen Kaiserzeit anzugehören scheint (Sallet, Zeitschrift für Numismatik 6, 1879, S. 355; Gutschmid, Rheinisches Museum N. F. 19, 1861, S. 162); seines Brudersohns Abdagases (Sauet, a. a. O., S. 365), welcher mit dem parthischen Fürsten dieses Namens bei Tacitus (ann. 6, 36) identisch sein kann, auf jeden Fall einen parthischen Namen trägt, endlich des Königs Sanabaros, der kurz nach Hyndopherres regiert haben muß, vielleicht sein Nachfolger gewesen ist. Dazu gehören noch eine Anzahl anderer mit parthischen Namen, Arsakes, Pakoros, Vonones, bezeichneten Münzen. Diese Prägung stellt sich entschieden zu der der Arsakiden (Sallet, a. a. O., S. 277); die Silberstücke des Gondopharos und des Sanabaros - von den übrigen gibt es fast nur Kupfer -entsprechen genau den Arsakidendrachmen. Allem Anschein nach gehören diese den Partherfürsten von Minnagara; daß neben der griechischen hier indische Aufschrift erscheint, wie bei den späten Arsakiden Pahlavischrift, paßt dazu. Aber es sind dies nicht Münzen von Satrapen, sondern, wie dies auch der Ägypter andeutet, mit den ktesiphontischen rivalisierender Großkönige; Hyndopherres nennt sich in sehr verdorbenem Griechisch βασιλεύς βασιλέων μέγας αυτοκρ und in gutem Indisch “Maharadja Radjadi Radja”. Wenn, wie dies nicht unwahrscheinlich ist, in dem Mambaros oder Akabaros, den der Periplus c. 41. 52 als Herrscher der Küste von Barygaza nennt, der Sanabaros der Münzen steckt, so gehört dieser in die Zeit Neros oder Vespasians und herrschte nicht bloß an der Indusmündung, sondern auch über Gudjarat. Wenn ferner eine unweit Peschawar gefundene Inschrift mit Recht auf den König Gondopharos bezogen wird, so muß dessen Herrschaft bis dort hinauf, wahrscheinlich bis nach Kabul hin sich erstreckt haben.
Daß Corbulo im Jahre 60 die Gesandtschaft der von den Parthern abgefallenen Hyrkaner, damit sie von jenen nicht aufgegriffen würden, an die Küste des Roten Meeres schickte, von wo sie, ohne parthisches Gebiet zu betreten, die Heimat erreichen konnten (Tac. 15, 25), spricht dafür, daß das Industal damals dem Herrscher von Ktesiphon nicht botmäßig war.
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Auf diese parthische Dynastie folgt dann in dem indischen Reich nach kurzer Zwischenzeit die in der indischen Überlieferung als die der Saker oder die des Königs Kanerku oder Kanischka bezeichnete, welche mit dem Jahre 78 n. Chr. beginnt und wenigstens bis in das dritte Jahrhundert bestanden hat ^19. Sie gehören zu den Skythen, deren Einwanderung früher erwähnt ward, und auf ihren Münzen tritt an die Stelle der indischen die skythische Sprache ^20. So haben im Indusgebiet nach den Indern und den Hellenen in den ersten drei Jahrhunderten unserer Zeitrechnung Parther und Skythen das Regiment geführt. Aber auch unter den ausländischen Dynastien hat dort dennoch eine national-indische Staatenbildung sich vollzogen und behauptet und der parthisch-persischen Machtentwicklung im Osten eine nicht minder dauernde Schranke entgegengestellt wie der Römerstaat im Westen.
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