Der Geheimrath war mit seiner Geduld zu Ende. Der Zorn lief über seine Vorsicht hin; er verwünschte den tölpelhaften Eigensinn, den er schonen mußte, und der ihn dafür rücksichtslos an den Pranger stellte. — Die trotzige straffe Gestalt des Freiherrn war so unbiegsam wie ein Eichbaum, und sein Gesicht sah so roh ehrlich aus, als wolle er einen offenen Bruch herbeiführen.

Mein Gott! rief Wilkau, Sie müssen genachtwandelt haben, Herr von Gravenstein, oder was war es sonst, das Sie antrieb, Abends spät dem ehrenwerthen Fräulein hier Fensterpromenaden zu machen, und Briefchen aufzulesen, die hinausgeworfen wurden. — Nun, es waren Grillen, nichts als Grillen, fuhr er besonnener fort, als er den Eindruck bemerkte, den seine Enthüllungen auf Gravenstein machten. Man kann sich ja denken, was Sie bewog, und es ist nichts geradezu Unrechtes. Sie lieben Saitenspiel und Gesang und dazu kömmt der Reiz des Wunderbaren, das verlockende Entgegenkommen. Nicht wahr? Haha!

Hehe! fiel Herr Zippelmann ein, lachen Sie doch, Professor. Ihnen ist Sie auch einmal entgegen gekommen, und wenn ich gewollt hätte, hehe! aber keinen Groschen, keinen Pfennig, hehe!

Schweigen Sie! versetzte der Professor geschmeichelt grinsend, indem er auf Elise blickte. Mir sind sehr Viele entgegen gekommen, aber ich — nie!

Inzwischen hatte Gravenstein in stolzer Verwirrung Clara’s Hand genommen. Ich habe Sie um Verzeihung zu bitten, sagte er, denn wirklich habe ich an ihrem Fenster gestanden, und wahr ist es, daß ein Brief in meinen Besitz gerieth, der nicht für mich bestimmt war. Aber wissen Sie, Herr Geheimrath, fuhr er fort, indem er sich zu Wilkau umwandte, daß ich ihre Auslegung meiner Handlungen sowohl, wie die weiteren Beziehungen, welche Sie damit verknüpfen, für Verläumdungen erkläre, die ich verachte und verabscheue.

Wie? rief der Geheimrath erbleichend, das sagen Sie mir, Alfred!

O, mein Gott! schrie die Geheimräthin, lieber guter Alfred, besinnen Sie sich. Elise, komm her, gieb ihm Deine Hand. Gravenstein! was thun Sie an Wilkau, an uns, die wir Sie so herzlich, elterlich lieben.

Meine Hand?! Ich bitte Dich, Mutter! rief Elise, die mit Heftigkeit sich sträubte und befreite, als die Geheimräthin sie Alfred nähern wollte. Wer mir so gegenüber steht, so mein Vertrauen verhöhnt, solche Schmach über mich bringt, kann unmöglich wollen, daß ich einen Schritt thue.

Mitten in dieser Verwirrung war der Bediente mit der rothen Nase in’s Zimmer geschlüpft und hatte dem Geheimrath Etwas zugeflüstert.

Herein mit ihnen! rief Wilkau, auf der Stelle herein. Nur ein Wort noch, Alfred, um Ihnen die Augen zu öffnen. Da, da! fuhr er fort, auf Anton und Guste deutend, die eben von Friedrich hereingeschoben wurden, diese beiden Personen, welche vor dem Hause aufgefunden und heraufgenöthigt worden sind, kommen zur rechten Zeit, um Ihnen den Beweis zu liefern, wie ehrenhaft die Personen sind, deren Ehre Sie vertreten.