So ist es, sagte Guste, indem sie ihren langen Arm mit vieler Beweglichkeit ausstreckte. Der schlechte Umgang, die bösen Beispiele, das Zureden und die Verführung, die haben auf Anton gewirkt. Aber über meine Schwelle soll keiner mehr kommen; ich will mir schon Luft machen, wenn es so sein soll. Sage es noch einmal der gnädigen Frau zu, daß Du mit keinem von der ganzen Rotte mehr zu schaffen haben willst.

Nein, nein! murmelte der Schuhmacher, ich will mit gar nichts mehr zu schaffen haben. Alleweil aber laß es gut sein, ich denke Du kennst mich ja und die gnädige Frau auch.

Ah, lieber Professor! rief die Geheimräthin umblickend, weil sie die Thür knarren hörte. Kommen Sie näher, Sie kommen zur rechten Zeit.

Professor Viereck hatte sein rothes Gesicht durch den Thürspalt gesteckt, und schob jetzt seinen runden Körper hinterher. Wenn ich nicht störe, sagte er mit seiner gewöhnlichen Würde, aber ich muß durchaus nicht stören, sonst ziehe ich mich sogleich zurück. Einer meiner Freunde, Graf Buchwald, erwartet mich eigentlich zu einem Spaziergange.

Ich habe eine Bitte an Sie, sagte die Dame, ihm die Hand reichend. Hier ist ein Mann, den ich Ihnen empfehle, der Schuhmacher Mertens. Er ist zeither auf üblen Wegen gewandelt, hat jedoch sein Unrecht eingesehen und wünscht in unsern Verein aufgenommen zu werden. Ich kenne ihn genau und glaube, daß ich sein Gesuch befürworten darf. Nehmen Sie sich seiner an, lieber Professor, und bewirken Sie, als Vorstand, das Nöthige, damit er bei der nächsten Versammlung schon Ihren lehrreichen und stärkenden Vortrag nicht versäumt.

Der Professor hatte, während die Geheimräthin sprach, unverwandt den verlegenen Anton angeblickt, der sich mit größter Anstrengung zwang, einige scheue Blicke auf die großen funkelnden Brillengläser und die stolze Gestalt seines neuen Beschützers zu werfen. Einige Male nickte der Professor gravitätisch und mit hohem Ernst, dann wurden seine Züge gütiger; er faßte sich in die Halsbinde, rückte diese zurecht und sagte zuletzt mit liebreicher Stimme: Es macht mir in Wahrheit viel Vergnügen, daß ich, ehe ich meinen Freund, den Grafen Buchholz, besuchte, bei Ihnen eingetreten bin, um die Bekanntschaft dieses wackeren Mannes zu machen. Ich biete Ihnen meine Rechte dar, rief er vortretend mit großer Wärme, indem er seine Hand ausstreckte, es ist die Rechte eines Deutschen. Händedruck bedeutet deutsche Treue; Biederkeit ist das Erbtheil unseres Volks. Stehen Sie fest, theurer Freund! Wie heißen Sie?

Anton Mertens, stammelte der Schuhmacher verwirrt, denn seine Hand wurde tüchtig gequetscht.

Stehen Sie fest, Anton Mertens! rief der Professor, die Zeit ist darnach, daß wer Beine hat, fest stehen muß; aber lehnen Sie sich an Ihre Brüder, lehnen Sie sich an mich an, wenn Sie wanken. Ich stehe wie eine Säule unerschütterlich und werde Sie halten.

Sie sind immer gütig, sagte die Geheimräthin, und Anton kann gewiß nichts Besseres thun, als sich Ihnen ganz anvertrauen.

Kommen Sie zu mir, sprach der Professor, Sie müssen eingeschrieben werden und Ihre Karte erhalten. Was ich thun kann, soll geschehen. Für einen Menschen, für einen Bruder, für einen Freund sind meine Arme immer offen.