Verdrießliche Geschäfte hatten mich so verstimmt, daß ich unbrauchbar für alle Gesellschaft war, sagte Alfred. Zudem suchte ich eine Wohnung, was Mühe machte, endlich aber war Herr Stephani so gütig mich aufzusuchen und den Abend mit mir zu verleben. Ich habe wenigstens von Ihnen viel gesprochen, liebe Elise, da ich nicht das Glück haben konnte Sie zu sehen.
Ueber Elisens Stirn flog ein hellerer Schein, der ihr blasses Gesicht überhauchte. Gut, sagte sie, wir wollen christlich alle Schuld ausstreichen, dagegen aber bekennen, daß, nachdem wir vergebens gewartet, uns der Abend sehr interessant vergangen ist. Herr Professor Viereck leistete uns Gesellschaft, und wenn irgend Etwas vollen Ersatz für den Verlust bieten konnte, so war es seine geistreiche Unterhaltung.
Ich habe die Ehre zu bemerken, rief der Professor, wonnevoll grinsend, daß Niemand geistreich sein kann, der nicht dazu angeregt wird; gerade so wie die Nachtigall nur schlägt in der süßen Frühlingsnacht, oder die Lerche sich in die Lüfte schwingt, wenn die lichte Morgensonne sie dazu reizt.
Ach! theuerster Professor, sagte Elise, wie beneide ich Sie um diese Fülle von wundervollen Einfällen, Bildern und Gedanken. Mit welcher Leichtigkeit vermögen Sie den größten Kreis zu fesseln und über alle Gegenstände mit derselben Begeisterung zu sprechen.
Bitte recht sehr! erwiderte der Professor, selbstgefällig lächelnd, meine geringe Gaben werden wirklich zu hoch angeschlagen.
Sie würden gewiß kommen, wenn Sie zu kommen versprochen hätten.
Wenn ich es versprochen hätte, würde mich nichts abhalten, rief der Professor energisch, indem er einen triumphirenden Blick auf Alfred warf.
Eben so ritterlich wie zartsinnig! sagte Elise, ihm die Hand reichend.
Der Professor führte diese feine schmale Hand mit ungemeiner Zierlichkeit an seine Lippen, indem er seinen linken Fuß nach hinten schob, als sei er bereit sein Knie zu beugen, und seinen Hals gewaltsam zurückdrückte, um einen süßschmachtenden Blick auf die schöne junge Dame zu werfen. Sein Lächeln war dabei so holdselig und seine linke Hand ruhte so fest auf seinem Herzen, als schwebe er im seligsten Himmel eines entzückenden Traumes. Mit deutscher Treue! sprach er, mit patriotischer Hingebung, mit dem Hochgefühl der Freiheit eines loyalen Unterthans, wie mein Freund, der Baron Hellwitz, sagt. Machen Sie die Probe, Fräulein Elise. Bestimmen Sie über mich, ich werde niemals fehlen. Niemals! verlassen Sie sich darauf, niemals!
Bei dem dritten und letzten Niemals war der Professor feierlich ernsthaft geworden, wobei er die Hand wie zum Schwure erhob und seinen Körper gebieterisch ausdehnte. Eben so ernsthaft nickte ihm das Fräulein zu. Dann aber wendete sie sich zu Alfred und brach in ein lautes, unauslöschliches Gelächter aus, als sie in sein anmuthiges Gesicht sah. Folgen Sie mir, mein mißgerathener Vetter, rief sie, ich muß weitere Aufschlüsse von Ihnen haben, auf der Stelle mich von Ihren bösen Gedanken überzeugen, und ohne Zögern ergriff sie Alfreds Hand und öffnete die Thür des anstoßenden Kabinets.