3. Von Josephs II. Tod bis zur Befreiung Deutschlands.
Es drängt sich in Epochen französischer Uebergewalt die Frage auf: warum, während im Osten, gegen slavischen und asiatischen Andrang zwei große Staaten sich gebildet, der Westen Deutschlands den Franzosen von Heinrich II. an bis Napoleon nur schwache, zerstreute, niemals bedeutende Gebiete entgegengesetzt habe? Scheint es doch, als habe von Altersher die Beschaffenheit der drei geistlichen Churfürstenthümer (welche monarchischer Ausbildung von Natur unfähig waren) den Ursprung eines Gränzwalles gegen Frankreich, wenigstens auf einer Seite, unmöglich gemacht. Die Vorsehung hat das Land jenseits des Rheins zum wunden Flecke Deutschlands gemacht, romanisches und germanisches Leben werden hier nie aufhören, Schritt für Schritt sich zu bekämpfen; während sie im Osten, um die Slaven in den Kreis der europäischen Bildung hereinzuziehen, mächtige Vormauern schuf, überläßt sie es im Westen der Volkskraft allein, gegen französischen Andrang Stand zu halten; dort haben sich trotz ungeheurer Fehler, künstliche Staatengebäude in den größten Stürmen gefristet; hier zieht jeder Mangel an Eintracht, jeder Nachlaß an nationaler Festigkeit Verluste nach sich. So bringt es der Charakter der Gegenden mit sich, welche den Mittelpunkt Europas bilden. Die Natur, mit einem Wort, wollte zwei Völker, die zur lebhaftesten Wechselwirkung bestimmt sind, nicht abschließen; die engste Berührung der Germanen und Romanen ist erforderlich, um der Kultur von Europa den gemeinsamen Charakter zu geben, der sie auszeichnet, eine Berührung von der Art, daß jede geistige Ueberlegenheit sogleich eine materielle nach sich zieht. Deutschland selbst soll entweder durch Einigkeit übermächtig, oder durch Uneinigkeit (damit wir wissen, worin unsere Kraft liegt) ohnmächtig sein.
Die Revolution überwältigte sonach mit Leichtigkeit den deutschen Westen und änderte die Gestaltung von Europa, indem sie die Idee der politischen Freiheit ins Leben rief: Europa theilte sich in zwei große Lager, Deutschland in zwei Hälften. Hervorgegangen aus Principien, gegen welche so eben die deutsche Literatur sich erhoben hatte, berührte sie dennoch Deutschland viel weiter, als jenen noch gehuldigt wurde. Es war die allgemeine Idee der Freiheit, die sociale und sittliche Emancipation, nicht die Theorie der Volkssouveränetät, womit die geknechteten, in Formeln aller Art gezwängten Deutschen sich verschwisterten. Dieses Element der Revolution, diesen Lebenshauch zu besiegen, hätte man eine sociale Idee der Idee entgegensetzen müssen; allein die Deutschen glichen in der Politik unmündigen Kindern; das deutsche Volk war mit innern Problemen beschäftigt, deren Auflösung zu entfernt war, um staatliche Konsequenzen daraus zu ziehen; man staunte und ließ Ereignisse über sich ergehen, welche wohlverdient waren, da die Selbstsucht der einzelnen Staaten die höchste Stufe erstiegen hatte.
Was in der Zeit der Aufklärung die Regenten selbst gewollt, wurde verdächtig, als das Volk in Frankreich sich erhob. Ohne den langhergebrachten Einfluß französischer Gesittung in Deutschland würden die Fürsten nicht in so hohem Grad vor der Nachahmung gebangt haben, würde Deutschland in seiner Entwicklung nicht aufgehalten worden sein. Die Epoche der konstituirenden Versammlung wurde von den Deutschen, nicht nur im Allgemeinen, sondern von bedeutenden Männern, wie z. B. Klopstock, mit Entzücken begrüßt; auch später vermochten Viele von der Hoffnung nicht abzulassen, bis der Konvent Alle enttäuschte. An den Früchten erkannte man den Geist, und die „Aufklärung“ erhielt den Todesstoß. Andrerseits gemahnte die neue Freiheit das Volk an seine alten Rechte; man erinnerte sich, wie weit die Allgewalt der Fürsten gediehen sei; aber erst Napoleon mußte diesen begreiflich machen, daß der Staat nicht auf ihrer Willkühr, sondern auf der Volkskraft beruhe.
Napoleon zeigte den Deutschen ihre unsägliche Ohnmacht, den größten, wie den kleinsten Mächten, daß ihre Macht allein in der Eintracht liege; das deutsche Volk, wehrlos seit Jahrhunderten, machte er wehrhaft, theils durch die militärische Organisation des Rheinbundes, theils durch die Nothwendigkeit, worein er Preußen und Oestreich versetzte, die alte Landwehr herzustellen. Man kann den Feind nicht besiegen, ohne ihn zu kennen. Das Volk wußte nicht, wer in Napoleon zu bekriegen sei: er war ihm lange nur der Mann des Schicksals, weder freundlich noch feindlich; die Fürsten waren ihm unterworfen; erst als die blödesten Augen sehen konnten, daß es um Sein oder Nichtsein sich handle, erst dann fing man an, ihn mit Geist und Kraft zu bekriegen. Ein Mann, der eben so sehr Restaurant als Revolutionär, eben so sehr Protestant als Katholik war, der entweder kein oder die verschiedensten Principien in sich darstellte, war nöthig, um alle Parteien, Fürsten und Völker gegen sich zu bewaffnen. Also einigte sich Deutschland nach jahrhundertlanger innerer Trennung zu dem einzigen Zwecke: die Nationalität zu retten. Wie er erfüllt war, verschwand auch die Einigkeit; sie währte nicht länger, als der Sieg und die Siegesfreude.
Zu derselbigen Zeit, da das Vaterland von dem schwersten Joche gedrückt war, das seine Geschichte kennt, verherrlichten große Dichter und Schriftsteller den deutschen Namen. Im tiefsten Elend, ohne Zusammenhang mit den vaterländischen Krisen, erhob sich eine Literatur von weltbürgerlicher, europäischer Art. Sie vor Allem beweist das ungeheure Mißverhältniß zwischen unsrer innern auf der einen, zwischen der staatlichen Entwicklung auf der andern Seite. Während wir politisch weiter nicht waren, als so weit, um den zurückzuweisen, der uns zu Nichts auflösen wollte (nicht weit genug, um Etwas zu sein), umfaßte unsre Dichtkunst alle Elemente der geistigen und politischen Welt[8]. An Gehalt, wie an deutscher Art des Geistes Allen überlegen, ist Göthe der König der damaligen Literatur; aber ein tiefes Gemüth und eine bezaubernde Hoheit der Idee haben Schillern jenen Platz im Herzen des Volkes eingeräumt, wie ihn Niemand vor ihm und nach ihm besessen hat. Das tiefste Streben, das dem Menschen inwohnt, das den Deutschen beseligt, den Drang nach Wahrheit hat Göthe im Faust, den höchsten Zug des Jahrhunderts, die Freiheit, die Mutter auch der deutschen Zukunft, hat Schiller im Marquis Posa ausgeprägt. Ihnen ebenbürtig und gleich, hat Jean Paul das deutsche Leben nach allen Seiten, nach Natur und Erziehung, in politischer und religiöser, socialer und familiärer Beziehung aufgefaßt, und (zum ewigen Andenken au eine so seltsame Zeit) in seinen Dichtungen abgeschildert[9].