Die Signora Zanetta erzählte mir diese Geschichte genau an dem Tage, als die Schlacht bei Sedan geschlagen wurde, und lebt noch zur Stunde, in der ich dieses schreibe.
Arme Seelen als Schiffsrheder.
Was die Dalmatiner von uns Deutschen sagen und wie sie von uns denken, das lässt sich nicht in wenigen Worten wiedergeben, hauptsächlich schon aus dem Grunde nicht, weil unter dem Worte »Dalmatiner« zwei ganz verschiedene Nationalitäten zu verstehen sind, die einander in der Sprache gar nicht gleichen, während ihre Sitten nur Weniges mit einander gemein haben. In den Küstenstädten Nord- und Mittel-Dalmatiens, in Zara, Sebenico, Spalato, Almissa und Makarska ist die sogenannte bessere Classe, zu welcher sämmtliche »Conti«, die besser gestellte Mittelclasse und verhältnissmässig nur wenige Gewerbetreibende gehören, grösstentheils italienischer Herkunft; man spricht in der Familie italienisch mit venetianischem Dialekt und hat venetianische Sitten und Gebräuche mit einer merkwürdigen Zähigkeit bis auf den heutigen Tag festgehalten. Im Inneren des Landes hingegen, sowie in den südlicher gelegenen Städten Ragusa, Cattaro, Castelnuovo, dann auf den Inseln, herrschen slavische Sprache, Sitten, Gebräuche und Familien-Namen vor. Die Bewohner des inneren Gebirgslandes sind ausschliesslich Slaven.
Im Allgemeinen wird das Cultur-Element durch den italienisch sprechenden Theil der Bevölkerung vertreten, während sich die Dalmatiner Slaven – mit alleiniger Ausnahme der Bevölkerung von Ragusa – noch in einem wenig beneidenswerthen Urzustande befinden. Ich weiss zwar nicht, ob ich es als eine für uns Deutsche beschämende Thatsache erklären soll, aber es steht fest, dass die Dalmatiner Slaven von dem Daheim der Deutschen kaum mehr wissen als vielleicht die Unterthanen Seiner Majestät des Schah's von Persien. Allenfalls hört man von einem Morlaken hin und wieder Bec (Wien) erwähnen, wobei übrigens die Frage nicht selten ist, welche Sprache denn in »Bec« gesprochen werde. Darüber hinaus gehen aber die ethnografischen und geografischen Begriffe eines Dalmatiner Bauers wohl selten.
Anders verhält es sich mit den »gebildeten«, italienisch sprechenden Dalmatinern. Diese haben noch von ihren Vorfahren oder Zwingherren, den alten Venetianern, die ganze Verachtung für die deutschen Barbaren und vielleicht von den modernen Italienern die Unkenntniss der Geografie übernommen, die sie auch je nach den Abstufungen ihrer bessern oder minder guten Erziehung ziemlich unverhüllt zur Schau tragen. Deutsche Beamte sind in Dalmatien sehr selten, die Chefs der Landes-Regierung sind und waren seit vielen Jahren der Militärgrenze oder sonst dem croatischen Stamme entnommen, die Officiere der in Dalmatien liegenden Truppen schliessen sich von dem Verkehr mit den Familien ab oder werden vielmehr zu demselben gar nicht zugelassen: da ist es natürlich, dass man mit dem Ausdrucke »Deutsch« nur einen sehr unbestimmten Begriff verbindet, und es ist mir mehr als einmal vorgekommen, dass in einer der abendlichen »Conversazioni« von einem »Deutschen aus Ungarn« oder einer »Deutschen aus Böhmen« die Rede war, worunter man ungarisch oder czechisch sprechende Leute verstand.
Aber nicht nur Barbaren sind wir Deutsche für die echten Dalmatiner, sondern auch Ketzer. – Ketzer ohne alle Ausnahme. Daher erklärt sich auch das mit einem guten Theil Misstrauen gemischte und etwas zugeknöpfte Benehmen, mit welchem der Deutsche in Dalmatien von dem Eingebornen italienischer Nationalität empfangen und im Umgange behandelt wird.
Man hat viel von den verrotteten, abergläubischen Ansichten der Tiroler gesprochen und als Entschuldigungs- oder Erklärungsgrund den Wall himmelanstürmender Berge angeführt, der Tirol bis vor Kurzem von dem Verkehre mit der Aussenwelt so ziemlich abgeschlossen hielt. Bei den Dalmatinern mag eine ähnliche Ursache die ähnliche Wirkung hervorgebracht haben. Dalmatien liegt eben ausser dem Wege des Völkerverkehrs und die befruchtenden Ideen der Neuzeit haben dort kaum einen schwachen Widerhall gefunden in seinen Bergen, in den dumpfen Häusern seiner alterthümlichen Städte und an seinen einsamen Küsten.