Schon hatte ich, wie von dunkler Naturgewalt getrieben, ein paar Schritte nach dem Boote zu getan; aber ich bezwang mich; ich dachte an Christoph; seine ehrlichen Augen schienen mich plötzlich anzusehen. "Es wird nicht Platz dort für uns alle sein", sagte ich zu den Damen. Dann gingen wir seitwärts nach dem andern Fahrzeug am Wasser entlang.—Doch noch einmal mußte ich nach Lore zurückblicken. Sie hatte den Kopf auf die Brust sinken lassen und stieg eben langsam über den Bord in das Innere des Bootes, das im Gold der Abendsonne auf dem regungslosen Wasser lag.

Bei der Heimfahrt saß ich am Steuer, wortkarg und innerlich erregt; meine Augen mochten wohl mitunter auf dem andern in ziemlicher Entfernung vor uns rudernden Boote ruhen, während die jungen Damen mich vergebens in ihre Plaudereien zu ziehen suchten.

"Aber Sie sind heute nicht zu gebrauchen!" sagte die eine; "unsre schöne Nähterin scheint Sie stumm gemacht zu haben!"

"Ist Lore Ihre Nähterin?" fragte ich noch halb in Gedanken.

"Lore! Woher wissen Sie, daß sie Lore heißt?"

"Wir sind aus einer Stadt; ich habe in der Tanzschule meine erste
Mazurka mit ihr getanzt."

"So!—Sie soll auch jetzt noch gern mit Studenten tanzen."

Unser Gespräch über Lore war zu Ende; aber ich wußte jetzt, weshalb
Christoph nicht hatte reden mögen.

Dennoch sah ich ihn später im Laufe des Winters mehrmals an öffentlichen Orten mit Lore zusammen, meistens in Gesellschaft der lahmen Marie oder einer älteren Person, welche niemand anders als die Erbtante sein konnte, die dem armen Schneider noch so kurz vor seinem Ende das Kleinod seines Herzens entführt hatte.

Eines Abends, es mochte einige Wochen nach Neujahr sein, hörte ich von meinem Zimmer aus einen Tumult auf der Straße. Als ich das Fenster öffnete, bemerkte ich unter dem vorbeiziehenden Haufen hie und da rote Studentenmützen; endlich erkannte ich beim Schein der Straßenlaterne auch einen unsrer Pedelle.