Man setzte sich an den Tisch, Elisabeth an Reinhards Seite. »Wir lesen auf gut Glück,« sagte er, »ich habe sie selber noch nicht durchgesehen.«
Elisabeth rollte das Manuskript auf. »Hier sind Noten,« sagte sie, »das mußt du singen, Reinhard.«
Und dieser las nun zuerst einige tiroler Schnaderhüpfel, [Fußnote: Dialektisch für »Schnitterhüpfen,« d. h. Schnitter-Tänze oder Lieder, die besonders in Tirol und in Bayern gesungen werden.] indem er beim Lesen zuweilen die lustige Melodie mit halber Stimme anklingen ließ. Eine allgemeine Heiterkeit bemächtigte sich der kleinen Gesellschaft. »Wer hat doch aber die schönen Lieder gemacht?« fragte Elisabeth.
»Ei,« sagte Erich, »das hört man den Dingern schon an, Schneidergesellen und Friseure und derlei lustiges Gesindel.«
Reinhard sagte: »Sie werden gar nicht gemacht; sie wachsen; sie fallen aus der Luft, sie fliegen über Land wie Mariengarn, [Fußnote: Der Volksglaube hat dieses feine Gewebe von Feldspinnen immer in Verbindung mit den Göttern gebracht. Nach Einführung des Christentums wurde es auf die Jungfrau Maria bezogen: aus dem feinsten Faden soll das Leichenkleid gewoben worden sein, worin Maria nach ihrem Tod eingehüllt wurde. Während ihrer Himmelfahrt wäre das Gewebe wieder von ihr losgebrochen.] hierhin und dorthin und werden an tausend Stellen zugleich gesungen. Unser eigenstes Tun und Leiden finden wir in diesen Liedern; es ist, als ob wir alle an ihnen mitgeholfen hätten.«
Er nahm ein anderes Blatt: »Ich stand auf hohen Bergen…« [Fußnote: Ein altes Volkslied von einem schönen aber armen Mädchen, das den jungen Grafen nicht heiraten konnte, und sich in ein Kloster zurückzog.]
»Das kenne ich!« rief Elisabeth. »Stimme nur an, Reinhard; ich will dir helfen.«
Und nun sangen sie jene Melodie, die so rätselhaft ist, daß man nicht glauben kann, sie sei von Menschen erdacht worden; Elisabeth mit ihrer etwas verdeckten Altstimme dem Tenor sekundierend.
Die Mutter saß inzwischen emsig an ihrer Näherei; Erich hatte die Hände in einander gelegt und hörte andächtig zu. Als das Lied zu Ende war, legte Reinhard das Blatt schweigend bei Seite. Vom Ufer des Sees herauf kam durch die Abendstille das Geläute der Herdenglocken; sie horchten unwillkürlich; da hörten sie eine klare Knabenstimme singen:
Ich stand auf hohen Bergen
Und sah ins tiefe Tal . . .