So blieb er denn. Der alte Stadtsekretär mit seinem weißgepuderten Kopf erschien drüben in dem Mittelfenster, und während ihm zur Seite zwei Ratsherren auf den roten Kissen lehnten, verlas er mit seiner scharfen Stimme aus einem Blatt Papier, das er in beiden Händen vor sich hielt, das Konkursurtel. Bei der klaren Frühlingsluft drang jedes Wort verständlich zu uns herüber. Als mein Vater seinen vollen Namen über den Markt hinaussprechen hörte, sah ich ihn zusammenzucken; aber er hielt dennoch stand, bis alles vorüber war. Dann zog er seine goldene Uhr, die er von seinem Vater ererbt hatte, aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. "Sie gehört zur Konkursmasse", sagte er, "Schließe sie in die Schatulle, damit sie morgen mit versiegelt werde."

Am andern Tage kamen die Herren zur Versiegelung; aber mein Vater konnte das Bett nicht verlassen; er war in der Nacht vom Schlage getroffen worden. —Als einige Monate später unser Haus verkauft war, wurde er in einem Tragkorb, den wir aus dem Krankenhause geliehen, nach der kleinen Wohnung gebracht, die wir am Ende der Stadt für uns gemietet hatten. Dort hat er noch neun Jahre gelebt; ein gelähmter und gebrochener Mann. In seinen guten Stunden besorgte er kleine Rechnungen und Schreibereien für andere; das meiste habe ich mit meiner Hände Arbeit verdienen müssen. Dann aber ist er in fester Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes in meinen Armen sanft verschieden.—Nach seinem Tode kam ich zu guten Leuten; es war das Haus deiner Großeltern."

Meine alte Freundin schwieg. Ich aber dachte an Harre.—"Und hast du denn", fragte ich, "während der ganzen Zeit auch niemals eine Nachricht von deinem Jugendfreunde erhalten?"

"Niemals, mein Kind", erwiderte sie.

"Weißt du, Hansen", sagte ich, "dein Harre gefällt mir nicht, er war kein
Mann von Wort!"

Sie legte die Hand auf meinen Arm. "So darfst du nicht sprechen, Kind.
Ich habe ihn gekannt; es gibt noch andere Dinge als den Tod, die des
Menschen Willen zwingen.—Aber wir wollen nach meinem Zimmer gehen; du
hast deinen Hut noch dort, und es mag bald Mittag werden."

So schlossen wir denn den einsamen Festsaal wieder ab und gingen denselben
Weg zurück, den wir gekommen waren. Diesmal öffnete sich die Tür des
Spökenkiekers nicht; nur hinter derselben, auf den sandigen Dielen, hörten
wir seinen schlurfenden Schritt.

Als wir in Hansens Zimmer waren, wo noch der letzte Strahl der Vormittagssonne in die Fenster schien, zog sie eine Schublade ihrer Schatulle auf und nahm daraus ein Mahagonikästchen, sauber poliert, aber im Geschmack einer vergangenen Zeit. Es mochte einst ein Geschenk des jungen Tischlers an einem Geburtstage ihrer Jugend gewesen sein.

"Das mußt du auch noch sehen", sagte Hansen, indem sie das Kästchen aufschloß. Es lagen Wertpapiere darin, welche sämtlich auf Harre Jensen, "Sohn des verstorbenen Tischlermeisters Harre Christian Jensen dahier", lauteten, deren Datum aber nicht über die letzten zehn Jahre hinabreichte.

"Wie kommst du zu diesen Papieren?" fragte ich.