Mir stand das Herz still; da hatten wir die Bescherung! Ich wäre gern fortgelaufen, aber ich schämte mich. Und wenn gar dem Lisei meinetwegen etwas geschähe!
Da begann Kasperl auf der Bühne plötzlich ein klägliches Geheule, wobei ihm Kopf und Arme schlaff herunterhingen, und der Famulus Wagner erschien wieder und fragte ihn, warum er denn so lamentiere.
"Ach, mei Zahnerl, mei Zahnerl!" schrie Kasperl.
"Guter Freund", sagte Wagner, "so laß Er sich einmal in das Maul sehen!
"—Als er ihn hierauf bei der großen Nase packte und ihm zwischen die
Kinnladen hineinschaute, trat auch der Doktor Faust wieder in das Zimmer.
—"Verzeihen Euere Magnifizenz", sagte Wagner, "ich werde diesen jungen
Mann in meinem Dienst nicht gebrauchen können; er muß sofort in das
Lazarett geschafft werden!"
"Is das a Wirtshaus?" fragte Kasperle.
"Nein, guter Freund", erwiderte Wagner, "das ist ein Schlachthaus. Man wird Ihm dort einen Weisheitszahn aus der Haut schneiden, und dann wird er seiner Schmerzen ledig sein."
"Ach, du liebs Hergottl", jammerte Kasperl, "muß mi arms Viecherl so ein
Unglück treffen! Ein Weisheitszahnerl, sagt Ihr, Herr Famulus? Das hat
noch keiner in der Famili gehabt! Da geht's wohl auch mit meiner
Kasperlschaft zu End?"
"Allerdings, mein Freund", sagte Wagner; "eines Dieners mit
Weisheitszähnen bin ich baß entraten; die Dinger sind nur für uns gelehrte
Leute. Aber Er hat ja noch einen Bruderssohn, der sich auch bei mir zum
Dienst gemeldet hat. Vielleicht", und er wandte sich gegen den Doktor
Faust, "erlauben Euere Magnifizenz!"
Der Doktor Faust machte eine würdige Drehung mit dem Kopfe.
"Tut, was Euch beliebt, mein lieber Wagner", sagte er; "aber stört mich nicht weiter mit Eueren Lappalien in meinem Studium der Magie!"—"Heere, mei Gutester", sagte ein Schneidergesell, der vor mir auf der Brüstung lehnte, zu seinem Nachbar, "das geheert ja nicht zum Stück, ich kenn's, ich hab es vor ä Weilchen erst in Seifersdorf gesehn."—Der andere aber sagte nur: "Halt's Maul, Leipziger!" und gab ihm einen Rippenstoß.—Auf der Bühne war indessen Kasperle, der zweite, aufgetreten. Er hatte eine unverkennbare Ähnlichkeit mit seinem kranken Onkel, auch sprach er ganz genau wie dieser; nur fehlte ihm der bewegliche Daumen, und in seiner großen Nase schien er kein Gelenk zu haben.