Er hatte schweigend hinabgeblickt. "Das ist ein Grab, Ines", sagte er jetzt, "oder, wenn du lieber willst, ein Garten der Vergangenheit."
Aber sie sah ihn heftig an. "Ich weiß das besser, Rudolf! Das ist der Ort, wo du bei ihr bist; dort auf dem weißen Steige wandelt ihr zusammen; denn sie ist nicht tot; noch eben, jetzt in dieser Stunde warst du bei ihr und hast mich, dein Weib, bei ihr verklagt. Das ist Untreue, Rudolf, mit einem Schatten brichst du mir die Ehe!"
Er legte schweigend den Arm um ihren Leib und führte sie, halb mit Gewalt, vom Fenster fort. Dann nahm er die Lampe von dem Schreibtisch und hielt sie hoch gegen das Bild empor. "Ines, wirf nur einen Blick auf sie!"
Und als die unschuldigen Augen der Toten auf sie herabblickten, brach sie in einen Strom von Tränen aus. "Oh, Rudolf, ich fühle es, ich werde schlecht!"
"Weine nicht so", sagte er. "Auch ich habe unrecht getan; aber habe auch du Geduld mit mir!"—Er zog ein Schubfach seines Schreibtisches auf und legte einen Schlüssel in ihre Hand. Öffne du den Garten wieder, Ines! —Gewiß, es macht mich glücklich, wenn dein Fuß der erste ist, der wieder ihn betritt. Vielleicht, daß im Geiste sie dir dort begegnet und mit ihren milden Augen dich so lange ansieht, bis du schwesterlich den Arm um ihren Nacken legst!"
Sie sah unbeweglich auf den Schlüssel, der noch immer in ihrer offenen
Hand lag.
"Nun, Ines, willst du nicht annehmen, was ich dir gegeben habe?"
Sie schüttelte den Kopf.
"Noch nicht, Rudolf, ich kann noch nicht, später—später; dann wollen wir zusammen hineingehen." Und indem ihre schönen dunkeln Augen bittend zu ihm aufblickten, legte sie still den Schlüssel auf den Tisch.
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