Der Bürgermeister fuhr empor, hakte die Brille von der Nase und starrte den Sprecher aus seinen kleinen gutmütigen Augen an. "Richard, du bist es!" rief er. "Mein Gott, wie gut du mich noch kennst! Und doch, mein Scheitel ist kahl und der Rest des Haares grau geworden! Ja, ja, ein solches Bürgermeisteramt!"
Die kleine beleibte Gestalt war hinter dem Aktentisch hervorgekommen. Voll Erstaunen blickte er in das Antlitz des ihn fast um Kopfeshöhe überragenden Freundes. "Das", sagte er und tätschelte mit seiner kurzen Hand über das noch glänzend braune Haar desselben, "das ist natürlich nur Perücke; aber die Augen, diese unnatürlich jungen Augen, das sind doch wohl noch die echten alten aus unseren lustigen Tagen!"
Der Gast ließ lächelnd diesen Strom des Geplauders über sich ergehen, während der Bürgermeister ihn neben sich aufs Sofa niederzog. "Und nun", fuhr der letztere fort, "wo kommst du her, was bist du, was treibst du?"
"Ich, Fritz?" erwiderte scherzend der andere, "ich suche einen Inhalt für das noch immer leere Gefäß meines Lebens; oder vielmehr", fügte er etwas ernster hinzu, "ich suche ihn nicht, ich leide nur ein wenig an dieser Leere."
Der Bürgermeister sah ihm treuherzig in die Augen. "Du, Richard?" sagte er, "der auf der Universität alle Fakultäten abgeweidet hat! Will doch ein alter Kamerad unter einem gewissen Anonymus sogar deine Feder in einer botanischen Zeitschrift entdeckt haben!"
"Wirklich, Fritz?—Er hat nicht fehlgesehen."
Der kleine dicke Mann besann sich. "Du bist noch ledig?" fragte er. "Ja? Noch immer? Hm! Du warst ein Schwärmer, Richard! Weißt du noch, als wir Studenten auf der Dornburg tanzten? Du hattest derzeit die Braut zu Hause; du wolltest nicht tanzen; du saßest in der Ecke bei dem langen Wassermann, der wegen seiner großen Stiefel nicht tanzen konnte, und trankst nur Wein, sehr viel Wein, Richard! Du wolltest die seligen Tänze nicht entweihen, die du daheim mit ihr getanzt hattest!"
Der andere war ein wenig still geworden, während der Bürgermeister in
plötzlicher Unruhe seine goldene Uhr aus dem Abgrund seiner Tasche zog.
"Sag mir, Liebster", begann er wieder, du schenkst mir doch den heutigen
Tag?"
"Ich muß am Nachmittag noch weiter."
"Immer noch der alte Meister Unruh?"