Bei einer Gelegenheit, wo er nur ein Duell vermuthete, aber sonst keine Indicien hatte, war er klug genug, von dreien, zur Hirschgasse wandelnden Musensöhnen den Mittelsten heraus zu nehmen und ihn auf gut Glück als den einen der Kämpfer in dem bevorstehenden Duell zu arretiren oder besser gesagt, zum Prorector zu entbieten. Krings hatte sich nicht geirrt. Ich dachte es mir gleich, sagte der große Psychologe, daß der Paukant in der Mitte gehe. Es liegt in der menschlichen Natur, daß die feurige Einbildungskraft der Herren Studenten einen Duellanten wie einen Abreisenden betrachtet. —


Fünftes Kapitel.

Der Lieutenant J. Die Familie Ditteney. Die Tänzer auf der Hirschgasse. Die blonde Lisette. Die Bäcker- und Schmiedetöchter. Fränzchen. Selmy. Eine Weinlese in Heidelberg. Die Eberbächer, Säckbrenner und Kukuksfresser. Adam. Müller. Drais.

Nicht ohne Frösteln denke ich an ein unheimliches Nachtstück unter den Heidelbergern Philistern, an den pensionirten Lieutnant J., welcher zuweilen, aber immer nur in der Mitternachtsstunde in unsern frohen Cirkel trat. Von athletischer Gestalt, mit einem durchschneidenden Blick, stets begleitet von einem ungeheuren Wolfshund und im halben Rausch, erschien er mir allezeit immer wie ein böser Dämon. In Spanien war ihm sein rechter Arm schwer verwundet und endlich amputirt. Er hatte dann das abgelös’te Glied nochmals geküßt und ausgerufen: »Du bist eine brave Pfote, Du hast manchen Pfaffen erwürgt.« Auf seinem Leibe trug J. einen Strick, von dem er behauptete, daß er ein und zwanzig Spanische Pfaffen damit aufgeknüpft habe. Soldaten, welche unter ihm gedient hatten, bestätigten auf meine Anfrage die vollkommene Wahrheit der Anfuhr. — Wenn J. auf die Hirschgasse kam, wo ein gewaltiger Kettenhund lag, brachte er jedesmal einen nach seinem Dafürhalten stärkern Hund mit, und foderte den Sohn meines Wirthes auf, den großen »Türk« mit seiner Bestie kämpfen zu lassen. Das geschah denn gewöhnlich, aber Türk blieb fortwährend Sieger und J. zog jedesmal zähneknirschend und fluchend mit seinem halb todt gebissenen Vierfüßler von dannen, um ein noch kräftigeres Thier aufzusuchen. Es ist ihm, wie ich höre, späterhin auch gelungen, den armen Türk besiegen zu lassen. Wenn Alexanders Dumas und vornämlich Victor Hugo den J. gekannt hätten, er wäre ihnen eine vortreffliche Studie geworden. Vielleicht ist J. der Vorläufer des Hugoschen Johann von Island, jener Ausgeburt der Phantasie, welche Entsetzen erregend documentirt, auf welcher tiefen Stufe sich die am höchsten gestellten Französischen Dichter befinden.

Fast jeden Abend, bevor J. uns verließ, nachdem er von Mord, Blut und Feuersbrunst erzählt, und unsere Träume gewissermaßen ausgesäet hatte, zog er ein Messer aus der Brusttasche, besah es und rief: »Dein Maaß ist halt noch nicht voll.« Wir erfuhren, daß J. damit schon in seiner zarten Jugend, nach einem Wortstreit fast von seinem Bruder erstochen sei. Dieser habe nach überstandener Strafe das Instrument zu sich genommen, übrigens vor einigen Jahren als seine Eltern nicht in die Verbindung mit einem etwas verrufenen Frauenzimmer haben willigen gewollt, sich in Gegenwart seiner ganzen Familie, mit demselben Messer, das der Überlebende auf dem Herzen trug, erstochen.

Aber wie komme ich zu so gräßlichen Schilderungen, die meiner Natur fremd sind. — Ich sehe mich im Zimmer umher, da fällt mir der Kalender in das Auge, es ist heute Schalttag, der 29. Febr. — Nun ist Alles klar.

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, Heidelberg schon Michaelis 1818 zu verlassen. Indessen verzögerte sich dieses Ereigniß bis Ausgangs Januar 1819 und hatte ich in dieser Zeit die Hirschgasse bezogen. Mein Wirth der alte Ditteney war nach meiner Wissenschaft von ihm, ein braver aber auch finsterer Mann von vielen Erfahrungen, an den alle Ereignisse des Lebens, nur nicht das Glück sich versucht hatten. Er erzählte gern von den Kriegszügen, welche so oft sein Eigenthum verheert und beschädigt, von Schinderhannes, der auch bei Heidelberg mit einer Bande sein Unwesen getrieben und ihm nach dem Leben gestanden, weil Ditteney ein Depot gestohlener Waaren, das über seinem Hause auf der Engelwiese eingegraben war, gefunden und der Polizei verrathen hatte. Er hatte einen ganzen Winter hindurch wegen mehrerer in das Haus gefallener Schüsse sich so setzen gemußt, das man nicht von außen auf ihn zielen gekonnt hätte. Eine Base von Überrhein, wo das ganz ähnliche Bild des Räubers in jedem Hause zur Warnung hing, hatte den Schinderhannes eines Tages während seiner Anwesenheit in der Hirschgasse erkannt, und den Vettern veranlaßt, sich einige Nachbarn zum Schutz herbeiholen zu lassen.

Wenn die Familie Ditteney am Abend dem erzählenden Vater, oder dem Sohne, einen Metzger, der in Östreich condicionirt hatte, zuhorchte, schnitten die rüstigen Söhne Faßbänder in der Hoffnung einer glücklichen Weinlese. Dazwischen ertönten die schnurrenden Spinnräder der Hausfrau, Töchter und der beiden Dienstmädchen, von denen das eine die goldgelockte wunderschöne Maria E r. aus dem benachbarten Odenwalde mit ihrer silberhellen Stimme begleitete. Nie vergesse ich den Eindruck, welchen eine Ballade, (im Sinne des Pfarrers Tochter zu Taubenhain) mit den langsam gezogenen Refrain, in mir erweckte: