Zimmermann sah in seinem Hause wenig Gesellschaft, welche zu unterhalten und zu bewirthen die Frau Professorin auch schwerlich verstanden haben würde. Indessen brachte er doch zum Souper zuweilen einige Literaten mit, welche damals in Hamburg sehr leicht zu zählen waren. Ich entsinne mich noch mit dem größten Vergnügen eines Abends, an welchem Veit Weber und der bekannte Prätzel sich dort trafen und, wenn ich nicht irre, kennen lernten. Veit Weber war ein interessanter alter Herr, der gewiß immer seinen Platz in der deutschen Literaturgeschichte mit voller Berechtigung behaupten wird. Nichts desto weniger laborirte der gute Mann an einer gewissen Eitelkeit und Abgeschlossenheit, welche die deutschen Poeten des vorigen Jahrhunderts überhaupt auf eine ganz merkwürdige Weise zu einer gewissen Abgeschlossenheit brachte, die sie keine neueren Productionen junger Dichter mehr anerkennen ließ. Wie einst der Dichter Müller in Itzehoe in meiner Gegenwart erklärte, er würde sich todt schämen, wenn er die Schillersche »Jungfrau von Orleans« geschrieben hätte, so äußerte der gute Weber unverholen, daß er seinen Wilhelm Tell weit über den Schillerschen setze.
In Erzählungen kleiner Schnurren war Weber excellent. Er war eben dabei eine Legende zu erzählen, in welcher der Teufel immer niesen muß, wenn man ein Kreuz schlägt, als er, den aufmerksam zuhorchenden Prätzel anblickend, plötzlich mit den Worten inne hielt: »Nein, ich erzähle nicht weiter, der Prätzel schnappt mir sonst Alles für die Allmanache weg.«
Da halfen keine Contestationen, keine Versicherungen Prätzel’s, Veit Weber blieb heiter, aber erzählte keine Histörchen mehr. »Es ist mir unerträglich,« sagte er, »meine eignen Ideen von einer fremden Feder dargestellt zu sehen. Es ist kein Mißtrauen gegen Sie, liebster Prätzel! Sie sind grade der Mann, um meine Ideen auszuführen; aber warten Sie bis nach meinem Tode, dann verspreche ich Ihnen meine sämmtlichen hinterlassenen Papiere.«
Topp! sagte Prätzel, und Zimmermann schlug durch die vereinigten Hände.
So viel ich glaube, hat der liebenswürdige, lange nicht genug in seinem Vaterlande anerkannte Prätzel das ihm gethane Versprechen, zu welchem ich ihm wol noch einen Zeugen stellen könnte, vergessen.
Zimmermann war sehr jähzornig. Er vergaß sich einmal so weit, einem Primaner eine Ohrfeige zu ertheilen, welches diese so übel nahmen, daß sie nach Studentenweise förmlich auszogen. Ich war damals Secundaner und fühlte mich durch diesen Vorfall veranlaßt, die Glocke zur Hälfte zu travestiren, die hier ihren Platz finden mag. Sie ist freilich die Arbeit eines Schülers, allein ich gestehe zu meiner Beschämung, daß ich nicht im Stande sein würde, jetzt eine bessere zu liefern. Sie ist übrigens gedruckt, wie manche in diesem Werkchen vorkommende Anekdote. Indessen dürfen alle der Vollständigkeit halber nicht fehlen, wie die bereits publicirte Probe einer Uebersetzung in die ganze Version aufgenommen werden muß.
Das Lied vom Prügel.