Und da ich mit Cuvier glaube, dass der Besitz der articulirten Sprache das grosse Unterscheidungsmerkmal des Menschen ist (mag es ihm absolut eigenthümlich sein oder nicht), so halte ich es für sehr leicht verständlich, dass eine in gleicher Weise wenig auffallende anatomische Verschiedenheit die primäre Ursache des unermesslichen und praktisch unendlichen Auseinanderweichens des menschlichen und Affenstamms gewesen sein mag.
[33] Es ist für mich ein so seltnes Vergnügen, die Ansichten Professor Owen's in völliger Uebereinstimmung mit meinen eignen zu finden, dass ich nicht umhin kann, eine Stelle aus seiner Abhandlung »Ueber die Charaktere etc. der Classe Mammalia« im Journal of the Proceedings of the Linnean Society of London für 1857 zu citiren, die aber unerklärlicher Weise in der zwei Jahre später vor der Universität Cambridge gehaltenen »Reade Lecture«, die im Uebrigen fast nur ein Abdruck jener Abhandlung ist, weggelassen worden ist. Prof. Owen schreibt:
»Da ich nicht im Stande bin, den Unterschied zwischen den psychischen Erscheinungen eines Chimpanze und eines Buschmanns, oder eines Azteken mit gehemmter Hirnbildung, weder für so wesentlicher Natur anzuerkennen oder aufzufassen, dass ein Vergleich zwischen ihnen ausgeschlossen wäre, noch für einen andern als bloss gradweisen zu halten, so kann ich meine Augen der Bedeutung jener Alles durchdringenden Gleichheit des Baues nicht verschliessen; jeder Zahn, jeder Knochen ist streng homolog; und diese Gleichheit macht die Bestimmung des Unterschieds zwischen Homo und Pithecus zu einer schwierigen Aufgabe für den Anatomen.«
Es ist gewiss etwas sonderbar, dass der »Anatom«, der es für »schwierig« hält, »den Unterschied zu bestimmen« zwischen Homo und Pithecus, beide doch auf anatomische Gründe gestützt in verschiedene Unterclassen bringt!
Kurze Geschichte des Streites über den Bau des Menschen- und Affengehirns.
Bis zum Jahre 1857 stimmten alle Anatomen von Autorität, die sich mit dem Hirnbau der Affen beschäftigt hatten — Cuvier, Tiedemann, Sandifort, Vrolik, Isidore Geoffroy St. Hilaire, Schroeder van der Kolk, Gratiolet —, darin überein, dass das Affengehirn einen hintern Lappen besitze.
Im Jahre 1825 bildete Tiedemann in seinen Icones das hintere Horn der Seitenventrikel bei Affen ab und erkannte dasselbe auch in dem Text zu den Icones an, und zwar nicht bloss unter dem Titel »Scrobiculus parvus loco cornu posterioris« (eine Thatsache, die man in den Vordergrund stellte), sondern als »cornu posterius« (Icones, p. 54), ein Umstand, der ebenso absichtlich im Hintergrund gehalten wurde.
Cuvier sagt (Leçons, T. III. p. 103), »die vorderen oder Seitenventrikel besitzen eine Fingerhöhle (hinteres Horn) nur beim Menschen und den Affen ... Ihre Gegenwart hängt von der der hinteren Lappen ab.«