Soeben war ich zum Kaffee bei Madame Käselau, in der Nähe; es sind angenehme Leute, und auch unsere Nachbarn linkerhand, namens Gußmann (aber die Häuser liegen ziemlich weit voneinander), sind umgängliche Menschen. Wir haben ein paar gute Hausfreunde, die beide ebenfalls hier draußen wohnen: den Doktor Klaaßen (von welchem ich Dir nachher noch werde erzählen müssen) und den Bankier Kesselmeyer, Grünlichs intimen Freund. Du glaubst nicht, was für ein komischer alter Herr das ist! Er hat einen weißen, geschorenen Backenbart und schwarz-weiße dünne Haare auf dem Kopf, die aussehen wie Flaumfedern und in jedem Luftzuge flattern. Da er auch so drollige Kopfbewegungen hat wie ein Vogel und ziemlich geschwätzig ist, nenne ich ihn immer »die Elster«; aber Grünlich verbietet mir dies, denn er sagt, die Elster stehle, Herr Kesselmeyer aber sei ein Ehrenmann. Beim Gehen bückt er sich und rudert mit den Armen. Seine Flaumfedern reichen nur bis zur Hälfte des Hinterkopfes, und von da an ist sein Nacken ganz rot und rissig. Er hat etwas so äußerst Fröhliches an sich! Manchmal klopft er mir auf die Wange und sagt: Sie gute kleine Frau, welch Gottessegen für Grünlich, daß er Sie bekommen hat! Dann sucht er einen Zwicker hervor (er hat stets drei davon bei sich, an langen Schnüren, die sich beständig auf seiner weißen Weste verwickeln), schlägt ihn sich auf die Nase, die er ganz kraus dabei macht, und sieht mich mit offenem Munde so vergnüglich an, daß ich ihm laut ins Gesicht lache. Aber das nimmt er gar nicht übel.
Grünlich selbst ist viel beschäftigt, fährt morgens mit unserem kleinen gelben Wagen zur Stadt und kommt oft erst spät nach Hause. Manchmal sitzt er bei mir und liest die Zeitung.
Wenn wir in Gesellschaft fahren, zum Beispiel zu Kesselmeyer oder Konsul Goudstikker am Alsterdamm oder Senator Bock in der Rathausstraße, so müssen wir eine Mietkutsche nehmen. Ich habe Grünlich schon oft um Anschaffung eines Coupés gebeten, denn das ist nötig hier draußen. Er hat es mir auch halb und halb versprochen, aber er begibt sich merkwürdigerweise überhaupt nicht gern mit mir in Gesellschaft und sieht es augenscheinlich nicht gern, wenn ich mich mit den Leuten in der Stadt unterhalte. Sollte er eifersüchtig sein?
Unsere Villa, die ich Dir schon eingehend beschrieb, liebe Mama, ist wirklich sehr hübsch und hat sich durch neuerliche Möbelanschaffungen noch verschönert. Gegen den Salon im Hochparterre hättest Du nichts einzuwenden: ganz in brauner Seide. Das Eßzimmer nebenan ist sehr hübsch getäfelt; die Stühle haben 25 Kurant-Mark das Stück gekostet. Ich sitze im Penseezimmer, das als Wohnstube dient. Dann ist da noch ein Rauch- und Spielkabinett. Der Saal, der jenseits des Korridors die andere Hälfte des Parterres einnimmt, hat jetzt noch gelbe Stores bekommen und nimmt sich vornehm aus. Oben sind Schlaf-, Bade-, Ankleide- und Dienerschaftszimmer. Für den gelben Wagen haben wir einen kleinen Groom. Mit den beiden Mädchen bin ich ziemlich zufrieden. Ich weiß nicht, ob sie ganz ehrlich sind; aber Gott sei Dank brauche ich ja nicht auf jeden Dreier zu sehen! Kurz, es ist alles, wie es unserem Namen zukommt.
Nun aber kommt etwas, liebe Mama, das Wichtigste, welches ich mir bis zum Schlusse aufgehoben. Vor einiger Zeit nämlich fühlte ich mich ein bißchen sonderbar, weißt Du, nicht ganz gesund und doch wieder noch anders; bei Gelegenheit sagte ich es dem Doktor Klaaßen. Das ist ein ganz kleiner Mensch mit einem großen Kopf und einem noch größeren geschweiften Hut darauf. Immer drückt er sein spanisches Rohr, das als Griff eine runde Knochenplatte hat, an seinen langen Kinnbart, der beinahe hellgrün ist, weil er ihn lange Jahre schwarz gefärbt hat. Nun, Du hättest ihn sehen sollen! Er antwortete gar nicht, rückte an seiner Brille, zwinkerte mit seinen roten Äuglein, nickte mir mit seiner Kartoffelnase zu, kicherte und musterte mich so impertinent, daß ich nicht wußte, wo ich bleiben sollte. Dann untersuchte er mich und sagte, alles lasse sich aufs prächtigste an, nur müsse ich Mineralwasser trinken, denn ich sei vielleicht ein bißchen bleichsüchtig. – O Mama, vertraue es dem guten Papa ganz vorsichtig an, damit er es in die Familienpapiere schreibt. Sobald als möglich hörst Du Weiteres!
Grüße Papa, Christian, Klara, Thilda und Ida Jungmann innig von mir. An Thomas, nach Amsterdam, habe ich kürzlich geschrieben.
Deine treugehorsame Tochter
Antonie.
Den 2. August 1846.
Mein lieber Thomas,
mit Vergnügen habe ich Deine Mitteilungen über Dein Zusammensein mit Christian in Amsterdam empfangen; es mögen einige fröhliche Tage gewesen sein. Ich habe über Deines Bruders Weiterreise über Ostende nach England noch keine Nachrichten, hoffe jedoch zu Gott, daß sie glücklich vonstatten gegangen sein wird. Möchte es doch, nachdem Christian sich entschlossen, den wissenschaftlichen Beruf fahren zu lassen, noch nicht zu spät für ihn sein, bei seinem Prinzipale Mr. Richardson etwas Tüchtiges zu lernen, und möchte seine merkantile Laufbahn von Erfolg und Segen begleitet sein! Mr. Richardson (Threedneedle Street) ist, wie Du weißt, ein naher Geschäftsfreund meines Hauses. Ich schätze mich glücklich, meine beiden Söhne in Firmen untergebracht zu haben, die mir freundschaftlichst verbunden sind. Den Segen davon darfst Du jetzt schon verspüren: Ich empfinde vollkommene Genugtuung, daß Herr van der Kellen Dein Salair bereits in diesem Vierteljahr erhöht hat und Dir weiterhin Nebenverdienste einräumen wird; ich bin überzeugt, daß Du durch ein tüchtig Führen Dich dieses Entgegenkommens würdig gezeigt hast und zeigen wirst.