Ein anderes Mal sagte sie: »Ich habe noch viel über die Jahre meiner Ehe nachgedacht, Vater. Ha! also deshalb wollte der Mensch durchaus nicht, daß wir in der Stadt wohnten, was ich doch so sehr wünschte. Also deshalb sah er es niemals gern, daß ich überhaupt in der Stadt verkehrte und Gesellschaften besuchte! Die Gefahr war dort wohl größer als in Eimsbüttel, daß ich auf irgendeine Weise erfuhr, wie es eigentlich um ihn bestellt war!… Was für ein Filou!«

»Wir sollen nicht richten, mein Kind«, erwiderte der Konsul.

Oder sie begann, als die Ehescheidung ausgesprochen war, mit wichtiger Miene: »Du hast es doch schon in die Familienpapiere eingetragen, Vater? Nein? Oh, dann darf ich es wohl tun … Bitte, gib mir den Schlüssel zum Sekretär.«

Und emsig und stolz schrieb sie unter die Zeilen, die sie vor vier Jahren hinter ihren Namen gesetzt: »Diese Ehe ward anno 1850 im Februar rechtskräftig wieder aufgelöst.«

Dann legte sie die Feder fort und dachte einen Augenblick nach.

»Vater«, sagte sie, »ich weiß wohl, daß dies Ereignis einen Flecken in unserer Familiengeschichte bildet. Ja, ich habe schon viel darüber nachgedacht. Es ist genau, als wäre hier ein Tintenklecks in diesem Buche. Aber sei ruhig … es ist meine Sache, ihn wieder fortzuradieren! Ich bin noch jung … findest du nicht, daß ich noch ziemlich hübsch bin? Obgleich Madame Stuht, als sie mich wiedersah, zu mir sagte: ›O Gott, Madame Grünlich, wie sind Sie alt geworden!‹ Nun, man kann unmöglich sein Lebtag eine solche Gans bleiben, wie ich vor vier Jahren war … das Leben nimmt einen natürlich mit … Kurz, nein, ich werde mich wieder verheiraten! Du sollst sehen, alles wird durch eine neue vorteilhafte Partie wieder gut gemacht werden! Meinst du nicht?«

»Das steht in Gottes Hand, mein Kind. Aber es schickt sich durchaus nicht, jetzt über solche Dinge zu sprechen.«

Im übrigen begann Tony um diese Zeit sich sehr oft der Redewendung »Wie es im Leben so geht …« zu bedienen, und bei dem Worte »Leben« hatte sie einen hübschen und ernsten Augenaufschlag, welcher zu ahnen gab, welch tiefe Blicke sie in Menschenleben und -schicksal getan …

Der Tisch im Eßsaale vergrößerte sich noch mehr, und Tony erhielt neue Gelegenheit, sich auszusprechen, als Thomas im August dieses Jahres von Pau nach Hause zurückkehrte. Sie liebte und verehrte diesen Bruder, der ja auch damals bei der Abreise von Travemünde ihren Schmerz gekannt und gewürdigt hatte und in dem sie den zukünftigen Firmenchef, das einstmalige Familienhaupt erblickte, von ganzem Herzen.

»Ja, ja«, sagte er, »wir beide haben schon allerhand durchgemacht, Tony …« Dann zog er eine Braue empor, ließ die russische Zigarette in den anderen Mundwinkel wandern und dachte wahrscheinlich an das kleine Blumenmädchen mit dem malaiischen Gesichtstypus, das vor kurzer Zeit den Sohn ihrer Brotgeberin geheiratet hatte und nun auf eigene Hand das Blumengeschäft in der Fischergrube fortführte.